Stangenware statt Camouflage, Langeweile statt Action – mit dem Rücktritt Karl-Theodor zu Guttenbergs heißt es nun Abschied nehmen vom Traum einer bunten Polit-Republik. Es kehrt wieder der graue Alltag ein, das Berliner Regierungsviertel muss eine ganz erhebliche deprettyfication seines Personals verkraften. Was sagt das allgemeine Entsetzen darüber über unser Demokratieverständnis?

In der Verehrung Guttenbergs manifestiert sich das, was Max Weber in seiner Analyse der Legitimationsgrundlage politischer Ordnungen als charismatische Herrschaft bezeichnet hat. "Die Hingabe an das Charisma (…) bedeutet ja, dass er persönlich als der innerlich berufene Leiter der Menschen gilt, die sich ihm nicht kraft Sitte oder Satzung fügen, sondern weil sie an ihn glauben." Aus der bedingungslosen Zustimmung, nicht aus konkreten beruflichen oder gar akademischen Errungenschaften bezieht der Charismatiker seine Legitimität. Auch wenn er im operativen Geschäft eine Null ist, fliegen ihm die Herzen zu.

Das irrationale Moment, das jeder charismatischen Herrschaft innewohnt, tritt bei Guttenberg ganz besonders hervor. Er verdankt seine Popularität der romantischen Sehnsucht nach Leidenschaft, Intensität, Tragik – all den Dingen eben, die in der nüchternen, kargen Politik eines liberaldemokratischen Rechtsstaats fehlen. Die Eigenkapitalrichtlinie von Basel III jedenfalls lockt keinen Bürger auf den Marktplatz. Die neue Rentenformel macht niemanden glücklich. Man muss in den Furor der Guttenberg-Fans gegen den politisch-medialen Komplex nicht gleich die Sehnsucht nach einem Führer hineinlesen, wie es jetzt einige tun. Und doch ist er Ausdruck des Verlangens nach einer anderen, einer höheren, reineren Form der Politik, nach Erlösung und Sinnstiftung. Um es mit Oasis zu sagen: " Maybe you're gonna be the one that saves me ."

Die Sinnentleerung der Politik allerdings ist für die Moderne gerade konstitutiv. Gott mag, Guttenberg hat es in seiner Dissertation thematisiert, in den Präambeln westlicher Verfassungen noch vorkommen, doch nach einem höheren Staatszweck sucht man vergeblich. Übrig geblieben ist der mühselige und immerwährende Ausgleich von Interessen, ein einziger großer fauler Kompromiss. Die Politik ist Verwaltung statt Gestaltung. Sie ist Mittelmaß und Routine. Schmutzig und langweilig. Die internationale Verflechtung wird diese Entwicklung noch verstärken. Wer Berlin schon zum Gähnen findet, war noch nie in Brüssel.

Guttenberg stand für die Hoffnung, der politische Prozess ließe sich romantisieren. Doch eine hohe Betriebstemperatur im öffentlichen Raum tut dem Regieren nicht gut. Von der Leidenschaft zum Massengrab ist es nur ein kurzer Weg. " Powered by emotion " – in der Politik ist das keine gute Idee. Insofern könnte man es als ein Zeichen politischer Reife ansehen, dass mit Thomas de Maizière ein Politiker auf Guttenberg folgt, der keine Facebook-Freunde hat und den Glamourfaktor eines Oberstudienrats. Es ist keine notwendige Voraussetzung für ein funktionierendes Staatswesen, dass sich die Bürger für Politik begeistern. Ein Hoch auf die grauen Mäuse. Wer Gefühle will, soll ins Kino gehen.