Plagiat-Dissertation Professoren rebellieren gegen Guttenberg

Nach Tausenden Doktoranden entrüsten sich nun auch Hunderte Professoren über das Vorgehen des Ministers. Sorge um den Ruf der Wissenschaft macht sich breit.

Unter den Vertretern von Forschung und Lehre wächst der Unmut über Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Sein Auftreten im Zusammenhang mit seiner in weiten Teilen aus anderen Quellen gespeisten Dissertation bringt nun auch Universitätsprofessoren gegen ihn auf. Mehr als 1000 schlossen sich einer Erklärung an, in der die Unterzeichner ihr "Befremden darüber zum Ausdruck bringen, dass führende Politiker – darunter die Bundeskanzlerin – Wissenschaft und wissenschaftlicher Redlichkeit insgesamt den Stellenwert von Nebensächlichkeiten geben", berichtete die Süddeutsche Zeitung.

Die Professoren folgen einer Initiative von Doktoranden: Am Montag hatten bereits fast 30.000 Anwärter auf den Doktortitel online eine Erklärung unterzeichnet, deren Verfasser sich kritisch mit dem Agieren Guttenbergs und von Bundeskanzlerin Angela Merkel auseinandersetzen. Die studierte Physikerin mit Doktortitel hatte ihrem Minister offensiv das Vertrauen ausgesprochen.

Anzeige

Die Universität Bayreuth hatte Guttenberg vergangene Woche den Doktorgrad wieder aberkannt, nachdem der Minister "gravierende Fehler" eingeräumt und die Hochschule darum gebeten hatte. Besonders die Opposition bemängelte, dass Guttenberg zunächst von "abstrusen" Vorwürfen gesprochen hatte, später aber sein Verschulden einräumte und dennoch im Amt blieb.

Autoren und Unterzeichner der jüngsten Protestschrift empören sich darüber, dass die Universität Bayreuth bislang nicht über die Frage entschied, ob Guttenberg mit Vorsatz handelte. "Wir sind überrascht", heißt es, dass die Klärung dieser Frage "im vorliegenden Fall nicht innerhalb weniger Tage erfolgen kann". Angesichts der Faktenlage falle es schwer, "nicht an eine umfängliche vorsätzliche Täuschung zu glauben", heißt es.

Zudem sorgen sich die Professoren um wissenschaftliche Standards: "Wenn Mängel wie die der zu Guttenbergschen Arbeit lediglich handwerkliche Fehler darstellen sollen, sehen wir die Gefahr, dass die bewährten Standards wissenschaftlicher Arbeit verkommen." Deshalb sei wichtig, heißt es in dem Bericht, dass mit dem Fall zu Guttenberg kein negativer Präzedenzfall geschaffen werde.

Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, sagte im Namen der über 400 deutschen Universitätsrektoren, wissenschaftliches Fehlverhalten sei kein Kavaliersdelikt und dürfe nicht als solches behandelt werden. Der Fall Guttenberg sende ein besonders nachhaltiges Signal nicht nur an Promovenden, sondern auch an Studierende, Schülerinnen und Schüler, sagte sie der taz. Hier müsse "auch die Politik deutlich sein".

Für besonderen Ärger hatte Kanzlerin Merkel mit den Worten gesorgt, sie habe Guttenberg nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter, sondern als Minister ins Bundeskabinett geholt. Für seine 2007 fertig gestellte Dissertation bediente sich der Ressortchef zum großen Teil aus anderen Quellen, ohne sie anzugeben. Dafür erhielt er an der Uni Bayreuth mit summa cum laude die höchste Anerkennung, obwohl er wegen mäßiger Leistungen nur durch die Ausnahmeregelung eines CSU-nahen Professors überhaupt zur Doktorarbeit zugelassen worden war.

Nicht nur aus der Opposition, auch aus dem Unionslager hatten Politiker sich von Guttenberg distanziert. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) sah in dem Vorfall und seinen Begleitumständen "ein Sargnagel für das Vertrauen in unsere Demokratie". Seine Parteikollegin, die Bundesforschungsministerin Annette Schavan, gestand ein, sie schäme sich als Vertreterin der Wissenschaft "nicht nur heimlich" für das, was Guttenberg getan habe.

Matthias Kreck, Professor und Leiter des Bonner Hausdorff-Forschungsinstitutes für Mathematik, formulierte im Gespräch mit der  Süddeutschen, was viele Angehörige der Wissenselite bewegt: An einem Rücktritt führe kein Weg vorbei. "Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit", sagte der 63-jährige Mathematiker. "Wenn er bei einem Kaufhausdiebstahl erwischt worden wäre, müsste er gehen. In seiner Doktorarbeit aber hat Guttenberg Dutzende Diebstähle geistigen Eigentums begangen." Dass Guttenberg noch Minister sei, hält Kreck für einen "Kulturverfall".

 
Leser-Kommentare
    • elfy
    • 01.03.2011 um 9:48 Uhr

    warum machen sie es uns alle so spannend..haben sie keinen stolz?..oder wollen sie merkel mit in der ruhestand mitnehmen?

    wenn es so it..weiter so..

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    muss stark bleiben und die Hetzkampagne der Presse aussitzen. Genau das kann die Journallie nicht verkraften!!!!

    Ich wünsche ihm viel Kraft!

    • an-i
    • 01.03.2011 um 10:27 Uhr

    Entfernt. Bitte formulieren Sie sachliche Thesen und Argumente. Danke. Die Redaktion/sh

    muss stark bleiben und die Hetzkampagne der Presse aussitzen. Genau das kann die Journallie nicht verkraften!!!!

    Ich wünsche ihm viel Kraft!

    • an-i
    • 01.03.2011 um 10:27 Uhr

    Entfernt. Bitte formulieren Sie sachliche Thesen und Argumente. Danke. Die Redaktion/sh

    • kr
    • 01.03.2011 um 9:52 Uhr

    Der offene Brief kann unter http://offenerbrief.poste... unterzeichnet werden und ist heute u.a. Aufmacher bei der TAZ.

    (kr)

  1. Hier geht es doch seit langem nicht mehr um einen Doktortitel, sondern um den organisierten Missbrauch von Macht unserer Regierung und der 'Elite' unseres Landes zu ihren eigenen Gunsten.

    Im Land der Dichter und Denker mitzuerleben, wie ein Luegenbaron im 'demokratischen' 21 Jahrhundert ein Landesfuerst werden und bleiben kann und von der Koenigin und Hofschreibern noch Straffreiheit zugesichert bekommt und alle geltenden Gesetzen und Moralvorstellungen einfach ausschaltet, das weckt doch Erinnerungen ans Mittelalter.

    Hoechste Zeit fuer die Aufklaerung und 'den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmuendigkeit'.
    (Immanuel Kant, nicht Freiherr von Allesmeins)

    24 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Impuls
    • 01.03.2011 um 10:18 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

    • Impuls
    • 01.03.2011 um 10:18 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

    • uli777
    • 01.03.2011 um 9:57 Uhr

    Guttenberg bietet auf seiner Homepage zuguttenberg.de/ gekonnte Realsatire. Großformatige Fotos mit einem blendenden Guttenberg sind mit griffigen Texten unterlegt, die wie angegossen zu seinem neusten Skandal passen:
    z.B:
    Verantwortung bedeutet vor allem Verpflichtung, Vertrauen und Gewissen.

    Politik braucht klare Werte, muss mutig und zukunftsorientiert handeln.

    Richtschnur meines Handelns war und ist Prinzipienfestigkeit und Grundsatztreue.

    dazu eine kleine Anekdote abgeleitet aus einem Kommentar auf zeit.de:

    Ein Dieb wird mit der Ware in der Hand gefasst und empört sich über die Absurdität des Vorwurfs, er könne fremde Ware in der Hand halten. Als der Diebstahl nicht mehr zu leugnen ist, verkündet er mit großer Geste, auf die Ware zu verzichten. Zudem empfiehlt er sich als Vorbild, weil er zu seinem "unbewussten Fehler" stehe. Dass er (nach einigem Herumlügen) auch noch "Entschuldigung" gesagt hat, ist für seine Freunde Grund genug, ihm charakterliche Stärke zu bescheinigen.

    20 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • elfy
    • 01.03.2011 um 10:08 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

    Zu Kommentar 4:

    "Politik braucht klare Werte, muss mutig und zukunftsorientiert handeln.

    Richtschnur meines Handelns war und ist Prinzipienfestigkeit und Grundsatztreue."

    Mutig ist unser Herr von und zu ja zumindest. Und seinen Prinzipien treu ja auch allemal.

    Übrigens Glückwunsch an Sie: Die Seite zuguttenberg.de ist nicht (mehr) erreichbar. Im Heiseforum würde man jetzt sagen, sie wäre geHeist - in diesem Fall eher geZeitet...

    Zum Thema:

    Guttenberg ist scheinbar ein Betrüger. Wenn in diesem Falle nicht die Staatsanwaltschaft ermittelt und Guttenberg vor Gericht gestellt wird hätten wir alle einen sehr guten Grund den Glauben an unseren Rechtsstaat zu verlieren.

    Ob es nun besser wäre, wenn er vor Gericht steht oder das bei den nächsten Wahlen CDU und insbesondere CSU eine Schlappe bekommen sei mal dahin gestellt.

    In cetero censero (Im Übrigen bin ich dafür), dass Adelstitel verfallen. Von / Zu / Über / Unter / Kleine / Große mag ja noch gehen, aber Freiherr / Baron / Graf / Häuptling / Fürst / Chef und so weiter müssen nun wirklich nicht mehr sein.

    • elfy
    • 01.03.2011 um 10:08 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

    Zu Kommentar 4:

    "Politik braucht klare Werte, muss mutig und zukunftsorientiert handeln.

    Richtschnur meines Handelns war und ist Prinzipienfestigkeit und Grundsatztreue."

    Mutig ist unser Herr von und zu ja zumindest. Und seinen Prinzipien treu ja auch allemal.

    Übrigens Glückwunsch an Sie: Die Seite zuguttenberg.de ist nicht (mehr) erreichbar. Im Heiseforum würde man jetzt sagen, sie wäre geHeist - in diesem Fall eher geZeitet...

    Zum Thema:

    Guttenberg ist scheinbar ein Betrüger. Wenn in diesem Falle nicht die Staatsanwaltschaft ermittelt und Guttenberg vor Gericht gestellt wird hätten wir alle einen sehr guten Grund den Glauben an unseren Rechtsstaat zu verlieren.

    Ob es nun besser wäre, wenn er vor Gericht steht oder das bei den nächsten Wahlen CDU und insbesondere CSU eine Schlappe bekommen sei mal dahin gestellt.

    In cetero censero (Im Übrigen bin ich dafür), dass Adelstitel verfallen. Von / Zu / Über / Unter / Kleine / Große mag ja noch gehen, aber Freiherr / Baron / Graf / Häuptling / Fürst / Chef und so weiter müssen nun wirklich nicht mehr sein.

  2. Die Unterschriftenliste für den offenen Brief ist immer noch offen und die 50.000er Grenze wurde heute Nacht überschritten.

    Den Brief können auch Nicht-Doktoranden unterzeichnen. Hier der Link:

    http://offenerbrief.poste...

    Das Feld zum Unterzeichnen befindet sich ganz unten auf der Seite.

  3. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten an der Artikeldiskussion. Danke. Die Redaktion/ag

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Die Kanzlerin soll die vermeintliche Lichtgestalt zurück auf seine Burg zu schicken. Zum Wohle des Volkes, der Wissenschaft und mit Blick auf den Ansehensverlust der Politikbetriebes in Berlin.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • isualK
    • 01.03.2011 um 10:38 Uhr

    Bis zur B-W Wahl sollte er auf alle Fälle noch im Amt bleiben und die Medien sollten diesen Skandal am Köcheln halten.

    In die Wüste darf er erst, wenn B-W schallend für die CDU verloren ist und die FDP nicht mehr im Stuttgarte Landtag sitzt. Dann können sie nämlich geschlossen aufs Schloss von Gutti ziehen und dort ihre Wunden lecken.

    • isualK
    • 01.03.2011 um 10:38 Uhr

    Bis zur B-W Wahl sollte er auf alle Fälle noch im Amt bleiben und die Medien sollten diesen Skandal am Köcheln halten.

    In die Wüste darf er erst, wenn B-W schallend für die CDU verloren ist und die FDP nicht mehr im Stuttgarte Landtag sitzt. Dann können sie nämlich geschlossen aufs Schloss von Gutti ziehen und dort ihre Wunden lecken.

  5. Mein Vertrauen in die Werte unserer Gesellschaft und das Funktionieren unserer Demokratie ist in den letzten Tagen sehr strapaziert worden.
    Die beiden Unterschriften-Aktionen von Menschen, die sich nicht von unseren Medien für dumm verkaufen lassen, sind Trost für meine Seele.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service