Baden-WürttembergKretschmann, der knorrige grüne Popstar

Der voraussichtliche erste grüne Landeschef vermeidet Triumphgehabe. Er weiß: Baden-Württemberg zu versöhnen und gleichzeitig umzubauen wird schwierig.

Winfried Kretschmann, voraussichtlich Baden-Württembergs nächster Ministerpräsident

Winfried Kretschmann, voraussichtlich Baden-Württembergs nächster Ministerpräsident

Da ist er also, der Wahlsieger, der grüne Parteigeschichte geschrieben hat. Winfried Kretschmann hat wieder heimischen Boden betreten. Es ist sein erster öffentlicher Auftritt in Stuttgart am Tag nach seinem Triumph. Am Vormittag war er in Berlin und hat sich von der Parteispitze beglückwünschen lassen, nun ist die Landespresse dran. Der Saal ist voll, Kameras und Mikrofone stehen dicht an dicht. Kretschmann sagt: "Grüß Gott."

Er strahlt nicht. Er lächelt nicht mal. Erst einmal hört er – mit mürrischem Blick – den grünen Landesparteichefs zu, die stolz vom aktuellen Planungsstand berichten. Dass heute Abend die Verhandlungskommission für die Koalitionsgespräche bestimmt werde und "Personalfragen" zunächst "nicht auf der Tagesordnung" stünden. Als Kretschmann dran ist, spricht er langsam und unaufgeregt. Am Vormittag in Berlin habe man über die "neue Situation" beraten. Schließlich seien die Grünen jetzt in "zwei Flächenländern" an der Regierung beteiligt. "In einem" der beiden, fügt er hinzu, sei man nun sogar "führend".

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Unpersönlicher könnte er das kaum formulieren. Kretschmann meint, worüber seit gestern die ganze Republik spricht: Die Grünen haben die schwarze Hochburg Baden-Württemberg erobert, und er selbst spielt, nun ja, eine führende Rolle dabei.

Dieses Understatement ist typisch für den 62-Jährigen. Bereits im Wahlkampf bekundete er einen persönlichen Machtanspruch nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ, wenn Parteifreunde oder Journalisten ihn dazu drängten. "Als Ministerpräsident werde ich" – dieser Halbsatz ging ihm selten über die Lippen, anders als dem SPD-Spitzenkandidaten Nils Schmid. Kretschmann klopfte sich nie auf die Brust, beschwichtigte stets jegliche Euphorie. Oft erweckte er den Eindruck, ihm seien die guten Umfragen selbst etwas unheimlich. Auf der Wahlkampfbühne wehrte er mehrfach den frenetischen Jubel seiner Anhänger mit beiden Händen ab.

So ähnlich auch jetzt: Kretschmann winkt den Applaus weg. Es geht nicht um ihn, das ist die Botschaft. "Erst das Land, dann die Partei, dann die Person", zitiert er den früheren CDU-Ministerpräsidenten Erwin Teufel. Kretschmann verspricht einen "neuen Politikstil", der "nicht polarisiert" und die Gräben zuschütte. Auch die CDU soll sich künftig nicht ausgegrenzt fühlen. Kretschmann lädt sie zum "mitregieren" ein. "Gute Ideen werden übernommen", sagt er.

Offiziell lautet die Maxime: Versöhnen statt spalten. Es ist Kretschmann zuzutrauen, dass er es ernst meint. Schließlich weiß er um die Ängste und Vorbehalte, die die bürgerliche Elite des Landes gegen ihn und seine Partei hegt. Er sei nicht angriffslustig genug – diesem Vorwurf sah er sich schon im Wahlkampf innerparteilich zuweilen ausgesetzt. Überhaupt sind die Grünen in Baden-Württemberg kein pflegeleichter Verein. Unmut an ihrer politischen Führung wird hier gern geäußert. Davon zeugt allein ihr reger Verschleiß an Parteivorsitzenden.

Kretschmann weiß, dass der Spagat nicht einfach ist, den er zu bewältigen hat. Einerseits muss er die Gemüter der entmachteten Staatspartei und deren Anhänger beruhigen. Andererseits sind in seinem eigenen Lager die Erwartungen immens gestiegen. Es gilt nun einen Regierungsauftrag umzusetzen, der nicht alle erfreuen wird. Kretschmann muss jetzt zeigen, wie grüne Politik konkret aussieht.

Bei aller Demut macht er deshalb deutlich, dass er das Land verändern will. Die "Gegner von Stuttgart 21" säßen jetzt an der Regierung, sagt er zum Beispiel. Das werde den künftigen Prozess beeinflussen. Auch im semi-staatlichen Energiekonzern EnBW werde es Veränderungen geben, sagt er. Eine der ersten Aufgabe sei es, die Bestellung der noch von Mappus ausgesuchten Aufsichtsräte zu verhindern. Dass er "diese Wirtschaftszweig lahmlegen" wolle, stehe außer Zweifel.

Ob auch andere Branchen in dieser Gefahr sind? Schließlich treibt die hiesigen Unternehmer die Sorge bereits um, mit der neuen Regierung kämen zugleich neue Auflagen und Gängelungen. Gerade die in Baden-Württemberg so mächtigen Autohersteller fürchten sich vor den Grünen. Gefährden die Grünen also Arbeitsplätze? Kretschmann sagt dazu: "Wenn die Automobilindustrie nicht grüner wird, dann sind Arbeitsplätze in Gefahr."

Allzu konkret wird er an diesem Nachmittag nicht. Wann das letzte AKW in Baden-Württemberg abgeschaltet wird, will Kretschmann beispielsweise nichts sagen. Auch was mit den Landesanteilen an EnBW geschehen soll, lässt er offen. "Spekulationen bringen nichts", sagt er. Erst mal müsse man sich mit der SPD abstimmen und einarbeiten.

Den aufgeregten Journalisten setzt Kretschmann stoische Gelassenheit entgegen, mitunter auch störrische Einsilbigkeit. Manchmal spricht er so leise, dass man ihn kaum versteht. Manchmal macht er so lange Pausen, dass man sich fragt, ob da überhaupt noch etwas kommt. Auch das ist typisch für Kretschmann. Er, der durchaus feinsinnig formulieren kann, nimmt sich gern die Freiheit, nach den richtigen Worten zu kramen. Anders als Mappus und Schmid warf er in Gesprächen selten mit den Textbausteinen seiner Wahlkampfreden um sich.

Die Journalistenmätzchen macht er nicht mit. Welche Knackpunkte gibt es in den Koalitionsgesprächen? Welche Minister? Er winkt ab, ach, das bringt doch hier jetzt alles nichts. Wenn er etwas albern oder unseriös findet, teilt er das mit.

Seine Popularität hat darunter bisher nicht gelitten. Viele Wähler hielten ihn für den bescheidensten und ernsthaftesten Kandidaten. Während Mappus auf Wechselwähler abschreckend wirkte, zog Kretschmann auch im bürgerlichen, konservativen Milieu Stimmen. Viele CDU-Mitglieder schätzen Kretschmann, den katholischen Schützenkönig und Chorsänger aus Sigmaringen, durchaus. Wenn er diese tatsächlich mit den Stuttgart-21-Aktivisten, Großstädtern und Migranten versöhnt, die seine Partei stark machen, dann schreibt er noch ein größeres Stück Geschichte.

 
Leserkommentare
  1. ...einer diese Mammutaufgabe in BaWü schaffen kann, dann er! Endlich ein Politiker der sein Ego unter Kontrolle, eine gereifte Persönlichkeit und die richtigen Motive hat und der sich aufs Wesentliche konzentriert.

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    Es ist toll, dass es doch noch Politiker gibt.

    Auch seine Integration von der Opposition ist ein kluger Zug.

    An den Autor:
    Ich habe selten so gelacht, tolle Art zu schreiben :)

    Es ist toll, dass es doch noch Politiker gibt.

    Auch seine Integration von der Opposition ist ein kluger Zug.

    An den Autor:
    Ich habe selten so gelacht, tolle Art zu schreiben :)

  2. Anders kann ich es nicht sagen.

    7 Leserempfehlungen
    • Anay
    • 28.03.2011 um 20:23 Uhr

    Mappus wirkte "auf Wechselwähler abschreckend"? Sehr diplomatisch ausgedrückt, Herr Autor. :) Mappus war ganz generell ein Schreckgespenst vor dem Herrn! ;) Dass die Grünen (und insbesondere Kretschmann!) in BW gewonnen haben, finde ich fantastisch. Als Wähler war ich nämlich schon längst in einem Loslösungsprozess von den Grünen… das könnte sich nun ändern. Fehlt wohl noch der Berliner Senat… und dann wieder der Bund.

    9 Leserempfehlungen
  3. Die Grünen werden mit ihrem Personal auf Bundesebene so chnell nichts reißen. Claudia Roth und vor allem Özdemir hatten ja in Stuttgart beinahe hausverbot - um nicht den Wahlkampf der Baden-Württemberger Grünen zu beschädigen.

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    • Buh
    • 28.03.2011 um 23:50 Uhr

    Roth war durchaus Präsent und hat in den Zeitschriften auch vermehrt Interviews gegeben. Dass Özdemir nicht mehr so sehr vor der Kamera stand lag wohl daran, dass die Regierungskonservativen ihm vorwarfen der versteckte Kandidat zu sein.

    Ich bin kein Özdemir Fan. Der ist mir zu konservativ. Aber Es braucht auch diese Gewichtungen in einer so vielseitigen Partei wie es die Grünen ist. Da macht es nichts, sondern wird gewünscht, dass der Ministerpräsident Katholik ist, der Parteivorsitzende türkische Wurzeln hat und die Fraktionsvorsitzende eine Frau ist (Da klingen mir noch die Aussagen der CSU in Bayern in den Ohren vom vergangenen Bundestagswahlkampf, in etwa: "An unsere Spitze ghört ein gestandener Mann!")

    Ich bin jedenfalls mit dem Personal zufrieden. Sicher, es ist ein Kontrast zu den anderen Parteien erkennbar. Aber das gefällt mir ja gerade. Ein bunter Haufen.

    angekündigt, dass er den "gefühlten" Sieg im Wahl Kreis Stuttgart 2013 auch als echter Kandidat siegen werde, weil er müsse ja in den Bundestag gewählt werden.

    Da war er zwar schon etliche Jahre. Weshalb ist er denn nicht mehr im Bundestag?

    Ja, Sie haben recht. Wenn die Gruenen den gerade begonnenen Prozess, eine Volkspartei zu werden, erfolgreich durchziehen und darueberhinaus die Fuehrung Deutschland uebernehmen wollen, dann fuhre keinen Weg vorbei, die zweikoepfige Spitze der Gruenen in eine einkoepfige, zu tauschen. In Frage kaeme natuerlich Herr Kretschmann.

    • Buh
    • 28.03.2011 um 23:50 Uhr

    Roth war durchaus Präsent und hat in den Zeitschriften auch vermehrt Interviews gegeben. Dass Özdemir nicht mehr so sehr vor der Kamera stand lag wohl daran, dass die Regierungskonservativen ihm vorwarfen der versteckte Kandidat zu sein.

    Ich bin kein Özdemir Fan. Der ist mir zu konservativ. Aber Es braucht auch diese Gewichtungen in einer so vielseitigen Partei wie es die Grünen ist. Da macht es nichts, sondern wird gewünscht, dass der Ministerpräsident Katholik ist, der Parteivorsitzende türkische Wurzeln hat und die Fraktionsvorsitzende eine Frau ist (Da klingen mir noch die Aussagen der CSU in Bayern in den Ohren vom vergangenen Bundestagswahlkampf, in etwa: "An unsere Spitze ghört ein gestandener Mann!")

    Ich bin jedenfalls mit dem Personal zufrieden. Sicher, es ist ein Kontrast zu den anderen Parteien erkennbar. Aber das gefällt mir ja gerade. Ein bunter Haufen.

    angekündigt, dass er den "gefühlten" Sieg im Wahl Kreis Stuttgart 2013 auch als echter Kandidat siegen werde, weil er müsse ja in den Bundestag gewählt werden.

    Da war er zwar schon etliche Jahre. Weshalb ist er denn nicht mehr im Bundestag?

    Ja, Sie haben recht. Wenn die Gruenen den gerade begonnenen Prozess, eine Volkspartei zu werden, erfolgreich durchziehen und darueberhinaus die Fuehrung Deutschland uebernehmen wollen, dann fuhre keinen Weg vorbei, die zweikoepfige Spitze der Gruenen in eine einkoepfige, zu tauschen. In Frage kaeme natuerlich Herr Kretschmann.

  4. Er muss gute Politik machen, die das Land wieder vorwärts bringt, dann beruhigen sich die Schwarzen automatisch. BW ist zwar das stärkste Bundesland, aber es stagniert.

    Tip zu ENBW:
    Zerschlagen und die Einzelteile in Kommunalverantwortung überführen. Die kommunalen Energieversorger können ja immer noch gewinnorientiert wirtschaften, mit dem Unterschied, dass der Gewinn vor Ort in die klammen Kommunalkassen fließt anstatt auf die Konten privater Anleger.

    MfG
    AoM

    13 Leserempfehlungen
  5. Was genau muss im erfolgreichsten Bundesland umgebaut werden? An der Spitze der Bildung, an der Spitze der Wirtschaftsleistung, die zweitniedrigste Arbeitslosigkeit in Deutschland - eines der 3 Geberländer - Was erhofft sich Baden-Württemberg von den Grünen? Berlin Vol.2?

    2 Leserempfehlungen
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    Stillstand ist Rückschritt.

    Soll ich noch mehr Volksweisheiten aufzählen? Die deutsche Automobilindustrie hechelt bei energiesparenden Motoren den Japanern hinterher. Es ist nicht alles so glatt und rosig, wie man immer tut.

    der Chancengleichheit für Schülerinnen und Schüler ist BaWü neben Bayern ganz unten auf der Rangliste. Wer aus eher nicht so wohlhabenden Verhältnissen kommt, dem wird es schwer gemacht, trotz der entsprechenden Fähigkeiten, einen sog. "sozialen Aufstieg" zu erreichen. Das finde ich bitter für ein so reiches Land.

    an die macht zu kommen!
    "Es ist ja ohnehin alles bestens, alles soll so bleiben, wie es ist".
    Aber nur für die CDU und ihre Begünstigtenn....

    Stillstand ist Rückschritt.

    Soll ich noch mehr Volksweisheiten aufzählen? Die deutsche Automobilindustrie hechelt bei energiesparenden Motoren den Japanern hinterher. Es ist nicht alles so glatt und rosig, wie man immer tut.

    der Chancengleichheit für Schülerinnen und Schüler ist BaWü neben Bayern ganz unten auf der Rangliste. Wer aus eher nicht so wohlhabenden Verhältnissen kommt, dem wird es schwer gemacht, trotz der entsprechenden Fähigkeiten, einen sog. "sozialen Aufstieg" zu erreichen. Das finde ich bitter für ein so reiches Land.

    an die macht zu kommen!
    "Es ist ja ohnehin alles bestens, alles soll so bleiben, wie es ist".
    Aber nur für die CDU und ihre Begünstigtenn....

  6. Was lernen wir aus der Wahl:
    1.) Populismus lohnt sich (nur wird linker Populismus in den Medien nicht als solcher bezeichnet)
    2.) Die einseitige Themenwahl und parteiische Berichterstattung fast aller Medien hat ihr Ziel nicht verfehlt

    4 Leserempfehlungen
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    Die Schwarz-gelbe-Propaganda hat jedoch erheblich ihr Ziel verfehlt. Wobei die Frage erlaubt ist: Welches Ziel ausser Macht hatten die noch?

    Die Schwarz-gelbe-Propaganda hat jedoch erheblich ihr Ziel verfehlt. Wobei die Frage erlaubt ist: Welches Ziel ausser Macht hatten die noch?

  7. Ich bin alt genug um mich zu erinnern, früher waren Politiker öfter mal wie Kretschmann: gelassen, um Konsens bemüht, glaubwürdig. Sie nahmen den Wähler ernst. Klar waren nicht alle so, aber was sich CDU und FDP heute alles trauen, wäre früher nicht vermittelbar gewesen. Viel zu anständig war man damals.

    Würde mich freuen wenn so ein Politikstil wieder Einzug hälte. Ich wünsche Herrn Kretschmann viel Erfolg!

    26 Leserempfehlungen
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    • fanta4
    • 30.03.2011 um 9:14 Uhr

    Das hatten wir doch erst, oder?

    Wir brauchen keine um sich selbst aufgeregte Medien-Clowns.

    • fanta4
    • 30.03.2011 um 9:14 Uhr

    Das hatten wir doch erst, oder?

    Wir brauchen keine um sich selbst aufgeregte Medien-Clowns.

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