Atompolitik Kanzlerin verwirrt die eigenen Reihen
Vor Kurzem hielt Merkel Kernkraft als Brückentechnologie für unverzichtbar. Plötzlich nun das Moratorium: Koalitionspolitiker sind überrascht, die Opposition zweifelt.
Mit dem Aussetzen der 2010 beschlossenen Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke hat die Koalition für Verwirrung gesorgt. Führende Parlamentarier waren von dem Vorstoß, angesichts der Atomunfälle in Japan ein drei Monate währendes Moratorium zu erlassen, vollkommen überrascht. Auch in den morgendlichen Präsidiumssitzungen von CDU und FDP soll dies in dieser Form kein Thema gewesen sein.
"Die Laufzeitverlängerung war wohlüberlegt", sagte der Unions-Wirtschaftspolitiker Joachim Pfeiffer ZEIT ONLINE. "Die Argumente dafür gelten nach wie vor." Pfeiffer verweist auf die Klimaverträglichkeit, die preiswerte und wirtschaftlichste Art der Stromerzeugung und die Versorgungssicherheit.
Noch am Wochenende hatte die Bundeskanzlerin Angela Merkel beteuert, die deutschen Kernkraftwerke "sind nach Maßgabe dessen, was wir wissen, sicher". Am Nachmittag war alles anders. Nicht einmal die CDU-Chefin wusste selbst genau zu erläutern, ob durch das Moratorium nun besonders alte Reaktoren vom Netz müssen. "Ich würde mal sagen, wenn wir mit den Kraftwerksbetreibern gesprochen haben", sagte sie auf die Frage, ob die Energiekonzerne Meiler wie Neckarwestheim-1 oder Biblis A abschalten müssen. Die beiden Anlagen wären längst vom Netz, hätte nicht die schwarz-gelbe Koalition 2010 die Laufzeiten der 17 deutschen Atomkraftwerke um durchschnittlich zwölf Jahre verlängert – gegen den erbitterten Widerstand von SPD, Grünen und Linkspartei.
Diese Verlängerung setzt die Regierung nun vorläufig außer Kraft. Den Anlass bilden die Atomunfälle in Japan, wo ein Tsunami die Stromversorgung der Kühlwasserpumpen mehrerer Kernreaktoren kappte und eine Kernschmelze droht. Alle deutschen Atomkraftwerke müssen sich nun einer Sicherheitsüberprüfung unterziehen, so der Plan. Auch der Schutz gegen Terrorangriffe ist wieder Thema. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) sagte, mit dem Moratorium stehe die Laufzeitverlängerung insgesamt infrage. Ein neues Gesetz sei nicht nötig, sagte Kanzlerin Merkel.
Aus der Opposition kommen Zweifel, dass dies unkompliziert machbar ist. Denn die Laufzeitverlängerung ist in einem Vertrag mit den Energiekonzernen fixiert. "Gesetze kann man mit Bundestagsmehrheit ändern. Das Schwierige ist der Vertrag", sagte Grünen-Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele ZEIT ONLINE. Die Energiewirtschaft vertrete auch ihre Interessen. "Betreiber wollen Betreiben", sagt Ströbele. Der FDP-Wirtschaftspolitiker Horst Maierhofer, den das Moratorium ebenfalls überraschte, plädiert für Rechtssicherheit. "Ich kann gut damit leben, wenn es juristisch machbar ist."
Kaum dass in Berlin das Moratorium verkündet war, kündigten erste Länder das Ende mehrere Meiler an. Ende Mai soll der südhessische Reaktor Biblis A zunächst einmal acht Monate für eine Revision vom Netz. Ob er jemals wieder Strom liefert, hängt vom Prüfungsergebnis ab. Sollte eine Nachrüstung zu teuer werden, ist ein Aus wahrscheinlich. In Baden-Württemberg wird das zweitälteste deutsche Atomkraftwerk Neckarwestheim-1 bald abgeschaltet. Bayern kündigte an, Isar-1 stillzulegen.
Am vergangenen Wochenende hatten Zehntausende gegen Atomkraft protestiert, weit mehr, als erwartet. Am Montag sammelten sich Tausende Kernkraftgegner vor dem Bundeskanzleramt, auch Ströbele. Der sieht in dem Protest den Grund für die Kehrtwende der Koalition. Die Eile, mit Union und FDP handelten, deutet auch noch auf anderes hin: Ende März wählt Baden-Württemberg einen neuen Landtag. Der bisher atomfreundlichen CDU von Ministerpräsident Stephan Mappus droht dort der Rückfall in die Opposition.
Weil das Kraftwerk Neckarwestheim-1 nun plötzlich auch vom Netz muss, unterstellen Kritiker der Koalition Kalkül: "Sie sehen selbst, dass die Laufzeitverlängerung nicht haltbar ist", sagte Grünen-Fraktionsvize Ströbele. "Das Moratorium ist die Notlösung, um über die Wahl zu kommen."
Von der Dramaturgie des Tages sollte vor allem die FDP profitieren. Bundeschef Westerwelle verkündete als erster schon am Morgen, die FDP wolle angesichts der Atomunfälle in Japan eine "neue Risikoanalyse aller deutschen Kernkraftwerke". Noch während er sprach, lud die Kanzlerin für den Nachmittag zur Pressekonferenz – gemeinsam mit dem Vizekanzler." Die Reihenfolge war wohl kein Zufall. "Die FDP wollte wohl am Ende nicht als letzte Atomkraftbefürworter dastehen", sagt ein Koalitionspolitiker.
- Datum 14.03.2011 - 19:56 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Es kann ja wohl nicht sein, dass in diesem Vertrag keine Ausstiegsklausel aus der Verlängerung zumindest aus sicherheitstechnischen Gründen enthalten ist.
Es gibt keine Ausstiegsklausel, das ist doch der Skandal an der Laufzeitverlängerung. Sie ist ein Freibrief für die Energiekonzerne: Folgeregierungen können die Verlängerung nicht aushebeln, es sei denn, der Bürger zahlt saftige Strafen. Verbunden mit den gedeckelten Sicherheitsausgaben ist dieser Vertrag das Schlimmste, was eine Regierung je gemacht hat.
Mich wundert, dass hier so viele aufschreien: Wer zum Henker hat denn Schwarz-Gelb gewählt?
Die Bundesregierung hatte bei der Regelung der Laufzeitverlängerung aus dem Grund eine Vertragslösung gewählt, um für die Zeit nach ihrer möglichen Abwahl bei der kommenden Bundestagswahl vorzubauen. Im Gegensatz zu einer gesetzlichen Regelung brauchte man dafür das Parlament nicht zu fragen und hätte zudem eine andere Bundesregierung vor ein dramatisches Problem gestellt: würde diese nämlich aus der Laufzeitverlängerung wieder aussteigen, würde sie vertragsbrüchig und die Energiekonzerne könnten Schadensersatz in Milliardenhöhe fordern. Dieser Ausstieg würde dann den Steuerzahler sehr teuer zu stehen kommen und man könnte sich - so war die Strategie von Merkel und Westerwelle - sich aufs hohe Ross setzen und Verschwendung sowie Bestehlung der Steuerzahler aus der Opposition heraus anprangern.
Sehr weit lehnte sich im Sommer 2010 der ehemalige schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Austermann (CDU) aus dem Fenster:
"Er wolle nicht nur den Atomausstieg rückgängig machen, sondern auch verhindern, dass durch zusätzliche Sicherheitsauflagen Kernkraftwerke vorzeitig vom Netz gehen müssen." (Quelle: http://www.welt.de/wirtsc... )
Man hatte nicht damit gerechnet, dass einem die Laufzeitverlängerung selbst auf die Füße fällt und Wahlen verhagelt...
....ist hoffentlich im Vertrag fixiert. Regierungen machen auch schlechte Verträge wie Maastricht oder Lissabon, aber ...
Jedenfalls hat sich aber faktisch nichts geändert. Die deutschen Werke sind im gleichen Zustand als vor einem halben Jahr. Jetzt kann die Kanzlerin Willkür walten lassen. Große Teile der Straße jubeln der Schließung sicher zu. Willkür ist aber eine schlechte Staatsform.
Es gibt keine Ausstiegsklausel, das ist doch der Skandal an der Laufzeitverlängerung. Sie ist ein Freibrief für die Energiekonzerne: Folgeregierungen können die Verlängerung nicht aushebeln, es sei denn, der Bürger zahlt saftige Strafen. Verbunden mit den gedeckelten Sicherheitsausgaben ist dieser Vertrag das Schlimmste, was eine Regierung je gemacht hat.
Mich wundert, dass hier so viele aufschreien: Wer zum Henker hat denn Schwarz-Gelb gewählt?
Die Bundesregierung hatte bei der Regelung der Laufzeitverlängerung aus dem Grund eine Vertragslösung gewählt, um für die Zeit nach ihrer möglichen Abwahl bei der kommenden Bundestagswahl vorzubauen. Im Gegensatz zu einer gesetzlichen Regelung brauchte man dafür das Parlament nicht zu fragen und hätte zudem eine andere Bundesregierung vor ein dramatisches Problem gestellt: würde diese nämlich aus der Laufzeitverlängerung wieder aussteigen, würde sie vertragsbrüchig und die Energiekonzerne könnten Schadensersatz in Milliardenhöhe fordern. Dieser Ausstieg würde dann den Steuerzahler sehr teuer zu stehen kommen und man könnte sich - so war die Strategie von Merkel und Westerwelle - sich aufs hohe Ross setzen und Verschwendung sowie Bestehlung der Steuerzahler aus der Opposition heraus anprangern.
Sehr weit lehnte sich im Sommer 2010 der ehemalige schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Austermann (CDU) aus dem Fenster:
"Er wolle nicht nur den Atomausstieg rückgängig machen, sondern auch verhindern, dass durch zusätzliche Sicherheitsauflagen Kernkraftwerke vorzeitig vom Netz gehen müssen." (Quelle: http://www.welt.de/wirtsc... )
Man hatte nicht damit gerechnet, dass einem die Laufzeitverlängerung selbst auf die Füße fällt und Wahlen verhagelt...
....ist hoffentlich im Vertrag fixiert. Regierungen machen auch schlechte Verträge wie Maastricht oder Lissabon, aber ...
Jedenfalls hat sich aber faktisch nichts geändert. Die deutschen Werke sind im gleichen Zustand als vor einem halben Jahr. Jetzt kann die Kanzlerin Willkür walten lassen. Große Teile der Straße jubeln der Schließung sicher zu. Willkür ist aber eine schlechte Staatsform.
weckt Erinnerungen an ein jüngst entschwundenes Regierungsmitglied.
Das Stadium entspricht dessen Einlassung, die ... sei vorübergehend. Danach würde ... wieder ...
Natürlich wird ergebnisoffen geprüft...
Bis nach den Wahlen also...
Wir werden die Atomriesen selbstverständlich auszahlen - wozu zahlen wir Steuern?
Sie hat den Vertrag ganz offensichtlich gegen besseres Wissen abgeschlossen und rudert jetzt zurück.
Eine glaubwürdige Politik ist das nicht.
Merkel hat in voller Absicht den Vertrag zugunsten der Energieversorger so geschlossen, dass er nur zu horrenden Kosten gekündigt werden kann. Ein klarer Fall von Untreue. Allein dafür müsste sie ins Gefängnis.Und was soll sie denn jetzt schon über die Unsicherheit der deutschen AKW dazugelernt haben?
Dass sie uns alle systematisch belogen hat?
Merkel ist nicht dumm, aber sie stellt sich absichtlich dumm und schafft es, dabei auch noch intelligent auszusehen.
Merkel hat in voller Absicht den Vertrag zugunsten der Energieversorger so geschlossen, dass er nur zu horrenden Kosten gekündigt werden kann. Ein klarer Fall von Untreue. Allein dafür müsste sie ins Gefängnis.Und was soll sie denn jetzt schon über die Unsicherheit der deutschen AKW dazugelernt haben?
Dass sie uns alle systematisch belogen hat?
Merkel ist nicht dumm, aber sie stellt sich absichtlich dumm und schafft es, dabei auch noch intelligent auszusehen.
Die CDU/CSU nehmen die Sorge der Bürger bisher leider nur kurz vor dem Wahltermin wahr. Damit meine Sorge wegen der AKW-Laufzeitsverlängerung besser und langfristig wahrgenommen werden soll, werde ich meine Stimme bei der nächsten Landestagswahl in BW entsprechend einsetzen und sicherlich nicht bei solchen Lobby-Parteien.
auflösen, annulieren, anfechten eines Vertrages, ist aber gerade nicht in Mode.
das nennt sich Kraftloserklärung.....
das nennt sich Kraftloserklärung.....
das nennt sich Kraftloserklärung.....
Was für ein für unsere Regierung in jeder Hinsicht perfektes Wort!!! Es sollte 'Wort des Jahres' werden...
Was für ein für unsere Regierung in jeder Hinsicht perfektes Wort!!! Es sollte 'Wort des Jahres' werden...
Als bisher Atomlobby-freundliche Regierung besteht natürlich die Möglichkeit, dass der Vertrag so gestaltet wurde, dass diese Atomlobby beim Ausstiegswillen einer möglichen Folgeregierung einen vertraglichen Knüppel eingebaut hat, der genau das verhindern soll. So wie die japanische Regierung über die Köpfe ihrer Wähler hinweg Mox-Brennstoffe (plutoniumhaltig=radioaktiv+hochgiftig) für einen Reaktor zugelassen hat. Durch den unterschriebenen Vertrag hätte die Atomlobby die jetzige Regierung komplett in der Hand. Und der Mappus'sche Aktienkauf zum überhöhten Preis war damit so lukrativ wie das Einfangen eines Goldesels ganz ohne Restrisiko. Denkbar ist sogar, dass es noch kein Gesetz gegen solches Handeln gibt, weil Gesetzesväter sich solche Hirnrissigkeit bisher noch nicht vorstellen konnten.
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