Guttenberg Die Basis trauert um ihr Idol

Wahlkampf ohne Guttenberg? Nach dem Abgang ist die CDU-Basis schockiert. Ein Ortsbesuch in Sachsen-Anhalt, wo Guttenberg auftreten sollte.

Für Bernburg sollte es eigentlich der schönste Tag im ganzen Wahlkampf werden. Was für eine Ehre, dass Deutschlands beliebtester Politiker zu Besuch vorbeischaut! Nur selten verirren sich solche Promis in das sachsen-anhaltinische Kleinstädtchen an der Saale. So hörte man es von der örtlichen CDU-Elite noch heute morgen, zwei Stunden vor dem Rücktritt.

Die Sorgen der Veranstalter galten daher auch weniger den Vorwürfen, mit denen sich ihr Top-Gast seit Tagen herumschlagen musste. Viel mehr beschäftigte sie, ob die Stühle im Kurhaus ausreichen würden. Nicht mal großartig plakatiert hatte man die Veranstaltung. Der Besuch aus Berlin galt schließlich als Publikumsmagnet. Bei ihm reiche ein bisschen Mund-zu-Mund-Propaganda – und schon würden die Zuschauer in Scharen herbeiströmen.

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Später herrscht im Kurhaus große Niedergeschlagenheit. Traurige Gesichter, leise Gespräche. Mit dem aufgekratzten Geschnatter und Händeschütteln, das sonst die Minuten vor Wahlkampf-Partys dominiert, hat das ganze wenig zu tun. Der Rücktritt Guttenbergs liegt inzwischen etwas mehr als zwei Stunden zurück. Viele haben noch zu Hause davon erfahren – oder auf der Autofahrt hierher. Sie sind trotzdem gekommen.

Einer der Besucher ist Werner Richter. Der Rentner hat einen kleinen Zettel in der Hand. Darauf steht, was er Guttenberg heute Morgen noch gern persönlich sagen wollte: "Bitte treten Sie nicht zurück!" Nun sagt er: "Das ist ein trauriger Tag für Deutschland." Das Land habe einen "jungen, tüchtigen" Minister verloren. Der Rentner bezeichnet sich selbst als Guttenberg-Sympathisant, nicht als CDU-Mitglied. Er räumt zwar ein, dass Guttenberg "als Student Fehler" gemacht habe. Aber, sagt er mit strengem Blick, Vergangenheit und Gegenwart seien doch bitteschön "zwei Paar Schuhe".

Viele in Bernburg vertreten diese These. Auch Jürgen Weigelt, der örtliche Landtagsabgeordnete. In seiner Begrüßung sagt er, dass es "gut und richtig" sei, dass es in Deutschland "einen Doktor weniger" gebe. Aber dass es nun auch "einen beliebten Politiker und Verteidigungsminister" weniger gebe, sei "nicht gut". Der Applaus, den Weigelt für diese Sätze erhält, ist kräftig. Aber er ist nicht anhaltend und tosend, wie noch vor zwei Wochen in Kelkheim, als die hessische CDU Guttenberg bei seinem letzten Wahlkampfauftritt feierte. In Bernburg herrscht keine Wagenburgmentalität vor, kein kollektives, trotziges Zusammenscharen und Zurückschießen. Kaum jemand schimpft auf Medien und Opposition, die Guttenberg Unrecht täten. Die vorherrschende Emotion ist nicht Wut, sondern Ratlosigkeit und Bestürzung.

Konsequent, dass Reiner Haseloffs Ansprache ein wenig an eine Beerdigungsrede erinnert. Eigentlich wollte der sachsen-anhaltinische CDU-Spitzenkandidat hier Optimismus für den Wahlkampf verbreiten und von seiner positiven Bilanz als Wirtschaftsminister berichten. Aber auch er kommt heute nicht umhin, seine ersten Worte dem zurückgetretenen Minister zu widmen.

Allerdings ist Haseloff kein Anhänger der Zwei-Paar-Schuhe-These. Unverblümt erinnert er die Bernburger daran, dass der Doktorand und der Minister nun einmal ein und dieselbe Person ist. "Persönliche Dinge" ließen sich nicht von der Amtsführung trennen. Für Guttenbergs "Fehlverhalten" gebe es keine Entschuldigung. Der Rücktritt sei konsequent, da er "politisch nicht mehr handlungsfähig" gewesen sei.

Leser-Kommentare
  1. Das Leben schreibt seine eigene Geschichte, für jedermann. Nichts ist vorausrechenbar, für Niemanden. Und das ist gut so.

  2. Entweder ein ehrlichen, tüchtigen und beliebten Politiker oder halt einen von der CS...
    oder halt ein Dr. Strg. c. Freiherr zu Google...
    oder halt ein Freiherr von und zu auf und davon Guttenberg.

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    hat niemand von Guttenberg erwartet!
    Das war eigentlich nie Thema bei denjenigen die ihre Hoffnungen auf Ihn setzten.
    Es wäre ja auch völlig absurd, von einem Politiker oberhalb der mittleren Ebenen Ehrlichkeit zu erwarten, das wäre zwar schön, aber naiv davon auszugehen.
    Was aber erkennbar war, waren logische und vernünftige Forderungen und der Versuch sich daran zu halten, soweit die realen Verhältnisse eine Durchsetzung erlaubten.

    Die Dinge beim Namen zu nennen und so Druck aufzubauen, das Richtige auch zu verfolgen, das war seine Qualität.
    Dies ist erst mal die wichtigste Voraussetzung die geschaffen werden muss, um irgendwann auch mal das Richtige durchzusetzen.
    Der Vorwurf des "Ankündigungsnministers" griff da sowieso ins Leere. Denn im Gegensatz zur Opposition war die Ankündigung, d.h. die Zielformulierung schon mehr als diese zu Leisten im Stande sind. Wohl vor lauter Angst daran gemessen zu werden, knicken die leiber vorher im stillen Kämmerlein schon ein, wenn sie überhaupt außer dem Kleben am Stuhl eine Motivation haben, die nicht nur vorgeschoben ist.
    Deshalb ist der Betrug für viele nicht das wirkliche Problem.
    Alle hatten gehofft, das er clever genug wäre, sich nicht erwischen zu lassen.

    Wäre man im Wissenschaftsbetrieb ehrlich und nicht heuchlerisch, dann würde man systematisch sämtliche Doktorarbeiten durchleuchten.
    Doch das wird nicht passieren, weil es dann gar keinen Ruf mehr zu verteidigen gäbe.

    H.

    hat niemand von Guttenberg erwartet!
    Das war eigentlich nie Thema bei denjenigen die ihre Hoffnungen auf Ihn setzten.
    Es wäre ja auch völlig absurd, von einem Politiker oberhalb der mittleren Ebenen Ehrlichkeit zu erwarten, das wäre zwar schön, aber naiv davon auszugehen.
    Was aber erkennbar war, waren logische und vernünftige Forderungen und der Versuch sich daran zu halten, soweit die realen Verhältnisse eine Durchsetzung erlaubten.

    Die Dinge beim Namen zu nennen und so Druck aufzubauen, das Richtige auch zu verfolgen, das war seine Qualität.
    Dies ist erst mal die wichtigste Voraussetzung die geschaffen werden muss, um irgendwann auch mal das Richtige durchzusetzen.
    Der Vorwurf des "Ankündigungsnministers" griff da sowieso ins Leere. Denn im Gegensatz zur Opposition war die Ankündigung, d.h. die Zielformulierung schon mehr als diese zu Leisten im Stande sind. Wohl vor lauter Angst daran gemessen zu werden, knicken die leiber vorher im stillen Kämmerlein schon ein, wenn sie überhaupt außer dem Kleben am Stuhl eine Motivation haben, die nicht nur vorgeschoben ist.
    Deshalb ist der Betrug für viele nicht das wirkliche Problem.
    Alle hatten gehofft, das er clever genug wäre, sich nicht erwischen zu lassen.

    Wäre man im Wissenschaftsbetrieb ehrlich und nicht heuchlerisch, dann würde man systematisch sämtliche Doktorarbeiten durchleuchten.
    Doch das wird nicht passieren, weil es dann gar keinen Ruf mehr zu verteidigen gäbe.

    H.

  3. Ich habe heute eine große Erleichterung gespürt als ich von dem Rücktritt zu Guttenbergs erfuhr. Nicht so sehr wegen der Tatsache, dass er, als unehrlich entlarvt, nun erstmal keinen so reprentativen Posten mehr besetzen wird, sondern vorallem wegen der im Artikel beschriebenen Dynamik der "Fans".
    Es hat mich sehr besorgt zu sehen wie viele Menschen sich, vieleicht aus Identifikation, emotional mit zu Guttenberg verbunden fühlten. Mit ihm "litten". Sicher getriggert von der MeinungsBILDung... Erleichterung, dass die Blendung sich selbst eingeholt hat, und nun fast widererwartend, doch sich selbst eingeholt hat.
    Ich hoffe Herr zu Guttenberg nutzt die Zeit zur Besinnung, vielleicht mit der Frage wer er hinter seinem Spiegelbild ist. Und dass wir nicht bald vom Phönix aus der Asche lesen müssen.

    14 Leser-Empfehlungen
  4. Das Land hat *nicht* einen jungen tüchtigen Politiker verloren.

    Das Land ist einen Blender, Aufschneider und Selbstdarsteller losgeworden, dessen einziger "Wähler" der Propagandaapparat der Zeitung mit den vier Großbuchstaben war.

    Und das ist auch gut so.

    43 Leser-Empfehlungen
  5. ... nicht "Mund-zu-Mund-Propaganda" ;-)

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Wenn das so weitergeht, wird die CDU / CSU bald nirgendwo mehr eine Basis haben. Dann tritt das "Volk" zurück, sowie 1989 in Ostdeutschland. Dann wird diese "Regierung" outgesourced, sowie viele Millionen andere Arbeitsplätze.

  7. in der Faz vom 1.3.2011 lese ich : Merkel beklagt „verlogene Debatte“. der Link dazu lautet:
    http://www.faz.net/s/Rub1...

    Also wenn Angie die Debatte verlogen findet, sollte sie sich selbst der Lüge überführen. Sie war diejeinge die das Plagiat auf dem Altar des Parteinutzens geopfert hat.

  8. "Aber noch größer sei für die Junge Union der Verlust an diesem Tag, sagt die 20-Jährige. Guttenberg habe auf ihre Generation "locker und jung" gewirkt, ganz anders als die übrigen Politiker."

    Wenn Merkmale wie die Ausstrahlung von "Lockerheit und Jung" als die herausragenden Attribute eines "Politiker" vom Nachwuchs beschrieben werden, dürfte die Abwesenheit von "Eignung" bei unseren "Spitzenpolitikern" nicht weiter überraschen.

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    IDOL (gr.eidolon) = Trugbild, Kultbild, Götzenbild --> "Personenkult".
    IDEAL (gr.idea) = Urbild, Idee für Inbegriff der Vollkommenheit, als höchster Wert anerkanntes Ziel, dem es nachzueifern gilt --> "Vorbild"
    ----
    Lasst die Basis ihr IDOL betrauern! Sie wird sich rasch ein neues formen.

    Unterdessen wollen wir weiterhin für unsere demokratischen, verfassungsgemäßen WERThaltige IDEALE einstehen - und werden allein daran zu messen wissen, WER die wahrhaftigen "Vorbilder" für die Zukunft Deutschlands sind.

    Sie sprechen aus, was junge Menschen wohl befürchten: jung und locker zu sein hat keinen Wert - und im (wahrscheinlich von Ihnen gar nicht so gemeinten) Umkehrschluss: alt und verkrampft soll ein Politiker sein. Und das ist ja leider fast schon eine Zustandsbeschreibung. Das ist wohl einer der Gründe dafür, dass so einer wie Guttenberg eine so große Fangemeinde hat.
    Jung und locker zu sein ist nicht alles, aber immerhin schon etwas. Wenn dann noch Engagement, Kompetenz und Ehrlichkeit dazukommen, ist es doch prima. Obwohl selbst ein alter Sack meine ich doch, dass es viel mehr jüngere Menschen in der Politik braucht.
    Das man im Alter weise wird, ist ein Gerücht, das von der Empirik widerlegt wird und wohl eher der Alzheimerschen Erkrankung im Verbund mit dem Wunsch, die eigene Macht zu zementieren zu verdanken ist.

    IDOL (gr.eidolon) = Trugbild, Kultbild, Götzenbild --> "Personenkult".
    IDEAL (gr.idea) = Urbild, Idee für Inbegriff der Vollkommenheit, als höchster Wert anerkanntes Ziel, dem es nachzueifern gilt --> "Vorbild"
    ----
    Lasst die Basis ihr IDOL betrauern! Sie wird sich rasch ein neues formen.

    Unterdessen wollen wir weiterhin für unsere demokratischen, verfassungsgemäßen WERThaltige IDEALE einstehen - und werden allein daran zu messen wissen, WER die wahrhaftigen "Vorbilder" für die Zukunft Deutschlands sind.

    Sie sprechen aus, was junge Menschen wohl befürchten: jung und locker zu sein hat keinen Wert - und im (wahrscheinlich von Ihnen gar nicht so gemeinten) Umkehrschluss: alt und verkrampft soll ein Politiker sein. Und das ist ja leider fast schon eine Zustandsbeschreibung. Das ist wohl einer der Gründe dafür, dass so einer wie Guttenberg eine so große Fangemeinde hat.
    Jung und locker zu sein ist nicht alles, aber immerhin schon etwas. Wenn dann noch Engagement, Kompetenz und Ehrlichkeit dazukommen, ist es doch prima. Obwohl selbst ein alter Sack meine ich doch, dass es viel mehr jüngere Menschen in der Politik braucht.
    Das man im Alter weise wird, ist ein Gerücht, das von der Empirik widerlegt wird und wohl eher der Alzheimerschen Erkrankung im Verbund mit dem Wunsch, die eigene Macht zu zementieren zu verdanken ist.

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