Stefan Mappus ist angespannt. Lauernd hört er zu, während sein SPD-Rivale und die Moderatoren über ihn herziehen. Das TV-Duell ist noch keine fünf Minuten alt, und er wurde bereits als "Cheflobbyist der Atomindustrie" bezeichnet – und als Ministerpräsident, der wankelmütig ist und nicht immer zur Ehrlichkeit neigt.

Mappus hat das alles aufmerksam verfolgt, teilweise mit zusammengekniffenen Augen. Als er zu Wort kommt, bleibt ihm nichts übrig, als einzuräumen, dass er eine Katastrophe wie die in Japan niemals für möglich gehalten habe. Fukushima habe die "Situation" grundlegend verändert, auch was die deutsche Energiepolitik angeht. Nun müsse man die "neuesten Erkenntnisse überprüfen" und einen "nationalen Dialog" darüber führen, wie die Energieversorgung der Zukunft auszusehen habe. Mappus ist anzumerken, dass er das möglichst freundlich und konziliant rüberbringen will.

Am gequälten Lächeln erkennt man: Die Ausgangslage, in der Mappus seinen ersten Wahlkampf bestreitet , ist für ihn nicht gerade rosig. Wie kaum ein anderer Politiker hat sich der baden-württembergische Ministerpräsident in der Vergangenheit als eiserner Verteidiger der Kernenergie in Szene gesetzt. Inbrünstig und überaus konfrontativ warb er für eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten.

Nun, seit Japan, ist Mappus in der Defensive. Der Aussetzung der Laufzeitverlängerung hat er am Wochenende ebenso zugestimmt wie der angekündigten Abschaltung sieben alter Atommeiler , zwei davon in Baden-Württemberg. Seither betont er, dass ihm an einer konsensualen Lösung viel gelegen sei. Ähnlich war das schon einmal, bei den Protesten gegen den umstrittenen Bahnhof in Stuttgart. Bevor die Auseinandersetzung eskalierte, scheute Mappus keinen Konflikt. Hinterher war er froh, Heiner Geißler als Schlichter und sich selbst als Versöhner präsentieren zu können.

Aber Mappus bleibt eben Mappus. Er ist kein Diplomat, kein Schmeichler, sondern ein angriffslustiger, rauffreudiger Politiker. Je länger er in diesem TV-Duell spricht, umso mehr verabschiedet er sich von der Rolle des überparteilichen Landesvaters. Die Sätze werden ruppiger und parteipolitischer. Einmal lobt er sich dafür, in der S21-Debatte "zusammengeführt" zu haben, während "andere in Deckung" gegangen seien. Ein entlarvender Satz: Mappus will sich als Friedensengel präsentieren, gebraucht dazu aber ein kriegerisches Vokabular.

Seinen Kontrahenten Nils Schmid greift Mappus frontal an. Er warnt vor der "Einheitsschule", die die SPD einzuführen plane. Baden-Württemberg habe die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit und die besten Abiturienten der Republik. All das würde die SPD "mit einem Federstrich" mit ihrer Schulreform aufgeben. Mappus weiß, dass für viele Bürger dieser Politikbereich wahlentscheidend ist – und dass die Pläne für ein längeres gemeinsames Lernen schon in anderen Bundesländern am Widerstand der Bevölkerung gescheitert sind. Obendrein warnt er davor, dass die Bildungspläne der SPD nicht nur Chaos produzieren, sondern auch eine halbe Milliarde Euro kosten würden, da die SPD freimütig die Abschaffung der Kita- und Studiengebühren verspreche.

Ausgerechnet diesen Vorwurf aber will Schmid keinesfalls auf sich sitzen lassen. Der SPD-Spitzenkandidat betont mehrfach, ein "seriöser Finanzpolitiker" zu sein. Die Kosten für die Bildung ließen sich durch strengere Steuerprüfungen und Haushaltsumschichtungen refinanzieren, erläutert er. Auch in den anderen Themenfeldern hat man nicht den Eindruck, dass Schmid nicht wüsste, wovon er spricht; ganz gleich, ob es um "Tariftreuegesetze", "Gesteinsformationen" oder um "strategische Achsen" geht. Im Gegenteil, manche Sätze geraten so kompliziert, dass die Moderatoren Mühe haben, mitzukommen.