Seit knapp einem Jahr begleiten wir den traumatisierten Bundeswehr-Veteran Robert Sedlatzek-Müller, der sich mit seiner Krankheit allein gelassen fühlt. Bisher sind folgende Artikel zu seinem Schicksal, das exemplarisch für die Situation vieler traumatisierten Bundeswehr-Soldaten steht, erschienen:

Die Arme zittern, die Finger brennen. Doch Robert Sedlatzek-Müller ignoriert den Schmerz, er wirft einen Arm nach oben, hangelt nach dem nächsten Griff, packt zu, findet Halt. Dann zieht sich weiter in die Höhe. Sein ausgemergelter Körper klebt in fünf Metern Höhe an einer Kletterwand. Von unter sichert ihn der beste Freund mit einem Seil gegen den freien Fall.

Solch ein Seil vermisst Sedlatzek-Müller in seinem Leben. Der Bundeswehr-Veteran, der in Afghanistan und im Kosovo gedient hat, leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS ). Die Kriegserlebnisse lassen ihn nicht los. In seinem Kopf mischen sich Bilder vom Kampf gegen die UCK auf dem Balkan, vom Verirren im Minenfeld, von der verzweifelten Suche nach einer Geisel mit der Erinnerung an die Raketenexplosion bei Kabul. Sie zerfetzte Sedlatzek-Müllers Trommelfelle, tötete vier seiner Kameraden und änderte das Leben des Elite-Soldaten radikal. In seinen Träumen in der Nacht und den Flashbacks am Tag, läuft ein ganz privater Kriegsfilm in Endlosschleife.

In wenigen Wochen endet seine Ausbildung zum Erzieher, die er an einer Fachschule der Bundeswehr in Hamburg absolviert. Ob er die Abschlussprüfung besteht, weiß Sedlatzek-Müller noch nicht. Seine PTBS bringt eine Konzentrationsschwäche mit sich, das Lernen fällt dem früheren Unteroffizier der Fallschirmjägertruppe schwer. Wenn er ein Fachbuch lesen muss, beginnt er immer wieder beim ersten Satz.

Besonders schlimm wird es, wenn die Medien über Anschläge in Afghanistan berichten. Die Toten und Verletzten, die die Bundeswehr in den vergangenen Wochen in Afghanistan zu beklagen hat, werfen ihn immer wieder aus der Bahn. Düstere Tage sind das, an denen Sedlatzek-Müller mit der Welt, mit dem Leben fremdelt.

Ein Freund und Kamerad von den Fallschirmjägern liegt schwer verletzt in einem Bundeswehrkrankenhaus. Die Explosion einer Sprengfalle zerfetzte seinen Arm. Sedlatzek-Müller besucht ihn oft. Er weiß, wie der Freund sich fühlt. Er selbst wurde 2002 schwer verletzt mit einem Airbus der Luftwaffe aus Afghanistan ausgeflogen. Nach der Landung am Flughafen Köln-Wahn versprach der damalige Verteidigungsminister den Verwundeten unbürokratische Hilfe. Darauf wartet Sedlatzek-Müller bis heute. Ende Mai endet seine Zeit bei der Bundeswehr endgültig. Untherapiert, krank und von der Armee alleingelassen steht er in der nächsten Runde beim Schattenboxen gegen die Behörden.

Beim Klettern, beim Laufen mit seinem alten Diensthund Idor oder beim Bogenschießen versucht er Ruhe zu finden und Frust und Stress zu vergessen. Manchmal zerreißt es Sedlatzek-Müller fast, wenn ihn wieder dieser zügellose Zorn zu packen droht, er vor seiner hochschwangeren Frau aber nicht ausrasten will. Nicht immer gelingt ihm das, zu häufig waren die Rückschläge in den vergangenen Wochen.

Für ihn und andere Veteranen kämpfen die Deutsche Kriegsopferfürsorge und der Bund Deutscher Veteranen. Ohne die Hilfe der Mitglieder untereinander, die, wenn es nötig ist, ins Auto springen und Hunderte Kilometer fahren, um sich beizustehen, hätte Sedlatzek-Müller wohl schon aufgegeben. Dabei sah es vor wenigen Wochen noch ganz gut aus: Der Bundestag brachte ein Gesetz auf den Weg, das die Situation von versehrten Veteranen verbessern sollte. Sedlatzek-Müller saß auf der Zuschauertribüne im Reichstagsgebäude, als die Parlamentarier darüber diskutierten. Doch mittlerweile scheint das Verteidigungsministerium nicht alle Punkte umsetzen zu wollen. Vor allem die Herabsetzung der Wehrbeschädigung von 50 auf 30 Prozent als Messlatte für eine bessere staatliche Versorgung finden die Beamten kritisch. 

Der Ex-Soldat suchte Hilfe für die Betroffenen in der Politik. Er sprach bei Abgeordneten vor und stand in Kontakt mit dem parlamentarischen Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Thomas Kossendey. Doch vom CDU-Politiker ist Sedlatzek-Müller schwer enttäuscht. Dieser habe viel versprochen und wenig gehalten. Kossendey sieht das anders. Er sagt, er habe Sedlatzek-Müller das Angebot unterbreitet, Koch bei der Bundeswehr zu werden.