Was entscheidet eine Wahl? Damit einzelne Streit- und Sachfragen eine entscheidende Relevanz erreichen können, muss eine Reihe von Bedingungen erfüllt sein.

Scheinbar trivial ist die erste Feststellung, dass der Wähler zunächst eine Sachfrage überhaupt wahrnehmen muss. Auf den zweiten Blick allerdings ist das schon nicht mehr trivial: Fukushima , Bengasi , Brüssel – ob (und wie) Menschen diese weltpolitischen Ereignisse wahrnehmen, ist nahezu ausschließlich Ergebnis der medialen Berichterstattung. Ohne permanente, medienvermittelte Aktualisierung verschwinden diesen Themen vom Wahrnehmungsschirm.

Fragen Sie doch einmal die aktiven Gegner von Stuttgart 21! Genau dieser Mechanismus ist einer der Hauptgründe, warum sich das Thema S-21 von einem regionalen zu einem lokalen Thema gewandelt hat: Den Menschen in der Fläche des Landes fehlt der Zugang, nur die Stuttgarter werden tagtäglich mit Baustelle und Bürgerbewegung konfrontiert. Für die Atomdebatte bedeutet das: Entscheidend bleibt für die kommenden Tage die Frage, welchen Stellenwert das Thema in der öffentlichen Kommunikation einnimmt. Angesichts der instabilen weltpolitischen Lage und der Umschlaghäufigkeit von Themen in diesen Tagen ist das keineswegs selbstverständlich.

Eng verbunden mit der Wahrnehmung von Themen ist die ihnen zugeschriebene "Wichtigkeit". Konkret gefragt: Wie wichtig ist ein Thema für die Wahlentscheidung der Bürger am Sonntag? Woran denken sie, wenn sie alleine in der Wahlkabine stehen und ihr Kreuzchen machen? Was ist ihnen in diesem Moment wichtig? Die wirtschaftliche Situation in Baden-Württemberg? Die Lage in Libyen? Das Zustandekommen einer Dissertation? Japan? Die Zukunft deutscher Atompolitik? Je nach Frage wird die Antwort ausfallen. Aber wie?

Unterstellen wir einmal, es sei die Frage nach der Atompolitik. Was passiert dann? Vor Japan (und vor dem Moratorium) wäre die entscheidende Frage gewesen: Möchte ich als Wähler mehr oder weniger Atomkraft? Die Atompolitik ist seit langem eines der polarisierenden Themen der deutschen Wahlkämpfe. Schaut man sich etwa das (insgesamt wenig polarisierende) TV-Duell zwischen Merkel und Steinmeier an und identifiziert die Aussagen der beiden Kontrahenten, bei denen die Echtzeitbewertungen von rot-grünen und schwarz-gelben Zuschauern des Duells am weitesten auseinanderklafften, so finden sich dort folgende Worthäufigkeit in diesen Passagen: Atomkraft, Ausstieg, Rückkehr. Gegenstand der Auseinandersetzung war die Richtung der künftigen Atompolitik.

Gegner und Befürworter der Atomkraft standen sich gegenüber – typisch für ein sogenanntes Positionsissue . Und genau so hätte es auch den Wahlkampf in Baden-Württemberg normalerweise geprägt. Hier die Atomkraft-Befürworter, dort die -Gegner. Man sollte nicht vergessen: Die Menschenkette etwa zwischen Neckarwestheim und Stuttgart war vor Fukushima geplant – als Protest gegen die damals noch aktuelle Laufzeiten-Politik der Regierung.

Nach Fukushima hat sich der Charakter der Auseinandersetzung verändert: Mit dem Moratorium und dem Beschluss, ältere Meiler dauerhaft vom Netz zu nehmen, ist die Zeit des Richtungsstreits passé. Aus einem Positions - ist ein Konsensissue geworden. Alle Parteien wollen raus aus der Atomkraft. Mangels Distinktion lässt sich unter solchen Umständen kein Wahlkampf mit der eigenen (Partei-)Position mehr machen. Das mag die Strategie von Union und FDP gewesen sein, um das Thema zu neutralisieren: Übernahme der Position des politischen Gegners. An anderer Stelle hat das funktioniert. Man frage die Familienpolitiker in der SPD.

Dieses Mal könnte es allerdings ein Trugschluss gewesen sein. Auch mit Konsensissues lässt sich trefflich Wahlkampf führen, nur auf anderer Grundlage. Keine Partei tritt für eine höhere Arbeitslosigkeit ein – dennoch haben wir schon mehrere Wahlkämpfe erlebt, die zu diesem Thema ausgefochten wurden. Nun allerdings mit anderen Kriterien: An die Stelle von Positionen treten zugeschriebene Kompetenzen und Glaubwürdigkeit. Und genau das erleben wir gerade: Wenn alle aus der Kernkraft raus wollen, wem glauben die Menschen am ehesten? Wem trauen sie zu, dies auch zu schaffen?

Bestimmte Themen gehören bestimmten Parteien. In der Regel wird Wirtschaftskompetenz der Union zugeschrieben, das Eintreten für soziale Gerechtigkeit eher der SPD. Kleine Parteien tauchen dort kaum auf – mit einer Ausnahme: Umweltpolitik ist die Domäne der Grünen. Und wenn jetzt Atompolitik ein neues Konsensissue wird, dann gilt dies auch dort, keine Frage.

Damit ein einziges Politikfeld eine Wahl entscheidend beeinflussen kann, müssen eine ganze Reihe von Bedingungen erfüllt sein: Wahrnehmung, Wichtigkeit, Positionen, Kompetenzen, Glaubwürdigkeit. Beim Blick nach Baden-Württemberg stellt man allerdings fest, dass sie nahezu alle erfüllt sind. Daher werden am Sonntag wohl tatsächlich viele Menschen ihre Entscheidung im Schatten der Kernenergie treffen.

Thorsten Faas ist Juniorprofessor für Politikwissenschaft, insbesondere Wählerverhalten, an der Universität Mannheim. Für ZEIT ONLINE schreibt er im Blog Zweitstimme unter der Rubrik  Wahlen nach Zahlen.