In der SPD wächst der Unmut über die Entscheidung der Parteispitze, das Ausschlussverfahren gegen den Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin nicht weiter zu verfolgen. "Unsere mühselig aufgebaute Verankerung in der Einwanderer-Community droht Schaden zu nehmen", warnte Baden-Württembergs SPD-Landeschef Nils Schmid.

"Seit 150 Jahren kämpfen wir darum, dass soziale Herkunft kein Schicksal sein darf", sagte Schmid Spiegel Online. Sarrazin stelle das "mit seinen biologistischen Thesen massiv in Frage". Er zerreiße mit seinem Buch alle integrationspolitischen Grundsätze der Partei.

Die SPD hatte am Gründonnerstag überraschend ihre Ausschlussanträge gegen Sarrazin zurückgezogen. Zuvor hatte dieser in einer persönlichen Erklärung versichert, er habe weder Migranten diskriminieren noch sozialdemokratische Grundsätze verletzen wollen.

Schmid kritisierte die eigene Parteispitze scharf dafür, sich auf die Erklärung Sarrazins eingelassen zu haben. "Die dürre Erklärung ist unbefriedigend", sagte er. Er warf der SPD-Spitze vor, mit ihrer plötzlichen Kehrtwende für ein unklares Bild in der Integrationspolitik zu sorgen: "Integration ist eine der zentralen Zukunftsfragen. Da ist Eindeutigkeit gefragt."

Heftige Kritik kam auch vom Vorsitzenden des SPD-Arbeitskreises Migration, Kenan Kolat. "Die SPD ist eingeknickt", sagte Kolat Spiegel Online. "Aufgrund einer mickrigen Erklärung alle Anträge zurückzuziehen, ist nicht akzeptabel." Kolat, der auch Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland ist, kündigte an, den SPD-Arbeitskreis zu einer Sondersitzung einzuberufen. "Für mich ist Sarrazins Buch eine rassistische Ideologie", sagte er.

Ein erster Versuch, mit einem Parteiordnungsverfahren Sarrazin aus der SPD auszuschließen, war im vorigen Jahr gescheitert. Im März 2010 hatte dieselbe Schiedskommission Sarrazin vom Vorwurf rassistischer Äußerungen und parteischädigenden Verhaltens freigesprochen. Damals war der Parteivorstand allerdings nicht beteiligt. Sowohl die Schiedskommission des Kreisverbandes als auch die Landesschiedskommission entschieden damals gegen einen Rauswurf Sarrazins. Die Landesschiedskommission verband dies aber mit der Ermahnung, dies sei "kein Freifahrtschein" für künftige "Provokationen".

Am Nachmittag kommt der Berliner SPD-Landesvorstand zu einer Sondersitzung zusammen, auf der die überraschende Einstellung des Ausschlussverfahrens Thema sein wird.