Ostern ist ein Fest der Versöhnung. Gerade erst hat der Papst in seiner Ansprache zu Milde und Nächstenliebe aufgerufen. Angesichts der blutigen Krisenherde auf der Welt mag man ihm kaum widersprechen. Grundsätzlich zumindest. Es gibt aber auch Situationen, in denen ein Friedensschluss unangemessen wirkt und man weder an Vergebung noch an Sühne glauben mag.

Zum Beispiel im Streitfall Thilo Sarrazin gegen seine Partei. Nach mehrstündiger Verhandlung im Rathaus von Berlin-Wilmersdorf beschloss die SPD am Gründonnerstag, dass Sarrazin bis auf Weiteres SPD-Mitglied bleiben darf . Der Autor des umstrittenen Sachbuchs Deutschland schafft sich ab , hatte zuvor betont, bei seinen darin verankerten Thesen habe ihm Diskriminierung stets fern gelegen. Die SPD hat das akzeptiert. Schwamm drüber, könnte man also sagen.

Nein, tatsächlich hat sich die älteste deutsche Volkspartei keinen Gefallen getan und auch den innerparteilichen Frieden nicht befördert. Das zeigt allein die Tatsache, dass eine ganze Reihe einflussreicher innerparteilicher Gruppierungen nun erbost ist. Etwa die Partei-Linke, der sich gut die Hälfte der Mitglieder zugehörig fühlt. "Provozierend" und "beschämend" nannten es an diesem Wochenende prominente Vertreter, dass man Sarrazin weiterhin als Parteifreund akzeptieren müsse. Sie sehen in ihm wahlweise einen Populisten oder Rassisten, der mit seinen Thesen gegen "die Grundwerte der SPD" verstoße – schließlich haben die Sozialdemokraten ein Menschenbild, das an den sozialen Aufstieg und die Chancengleichheit glaubt.

Ähnlich empfinden es viele SPD-Anhänger mit Migrationshintergrund. Sergey Lagodinsky, Gründer des Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokraten, hat die Partei aus Protest an diesem Wochenende gar verlassen. Er halte es nicht in einer Partei aus, die "sich aus Angst vor dem Stammtisch" nicht mit Sarrazin anlegen wolle.

Ausgerechnet diese Befürchtung hegen viele Sozialdemokraten: Die Parteiführung kneife vor allem wegen des Superwahljahres vor Sarrazin, so die These. (Heimliche) Anhänger hat er schließlich auch unter den Genossen genügend, wie die wütenden Briefe verdeutlichen, die das Willy-Brandt-Haus 2010 erreicht haben.

Ob diese Sarrazin-Sympathisanten nun aber besänftigt sind, weil die SPD vor dem angekündigten Ausschluss Abstand nimmt? Wohl kaum, die meisten werden das als "opportunistische Kehrtwende" interpretieren, sagt der Meinungsforscher Manfred Güllner im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Schließlich habe die Parteiführung um Sigmar Gabriel die Anti-Sarrazin-Bewegung innerhalb der SPD selbst angeführt. Der Parteichef schrieb damals in der ZEIT einen klugen Aufsatz darüber, warum Sarrazin nicht mehr tragbar sei.

Umso merkwürdiger jetzt die Entscheidung, das Kriegsbeil zu begraben – und umso wortkarger die offiziellen Begründungen. Gabriel selbst zog es bislang vor, sich gar nicht zu dieser Causa zu äußern, was sonst gar nicht seine Art ist. Generalsekretärin Andrea Nahles gab dem Deutschlandfunk am Dienstag ein verschwurbeltes Interview . Darin stellt sie fest: Sarrazin habe erst die "Grenzen der innerparteilichen Meinungsfreiheit überschritten". Davon habe er sich nun aber distanziert und somit "wieder auf den Boden der Meinungsfreiheit" begeben.

Wie bitte? Warum strebt die Partei-Führung erst einen gerichtsartigen Prozess an, um dann bei erster Gelegenheit und ein paar wachsweichen Floskeln einzuknicken? Nach wirklichem Bedauern klingt Sarrazins Stellungnahme nicht. Eher scheint es so, als habe die SPD-Spitze ihre Meinung geändert, ohne das ausreichend zu begründen.

Mangelnde Kommunikation ist immer ein Kardinalfehler von politischer Führung. Anstatt nun Erklärungen herauszugeben, die ähnlich kompliziert und konjunktivisch klingen wie Sarrazins aktuelle Erklärung , hätte die Partei sich den heiklen Themen Integration und Parallelgesellschaften lieber gleich von vornherein gewissenhaft mit Argumenten stellen sollen, anstatt sie zu tabuisieren.

Schließlich sind die Risiken durch den Frieden von Wilmersdorf nicht kleiner geworden. Sarrazin hat zwar schriftlich angekündigt, bei künftigen "Diskussionsbeiträgen nicht mein Bekenntnis zu den sozialdemokratischen Grundsätzen" infrage zu stellen. Aber was heißt das schon? Was macht die SPD beispielsweise, wenn er noch ein Buch schreibt – oder nur umstrittene Passagen aus seinem bisherigen zitiert, das ja bereits die "sozialdemokratischen Grundsätze" anderer verletzt hat? Kommt dann das nächste Ausschlussverfahren?