Wer wird eigentlich Bundeskanzler, wenn eine Partei eine Doppelspitze zur Wahl stellt? Wenn der Höhenflug der Grünen so anhält wie bisher, könnte sich die Partei bald mit dieser Frage beschäftigen müssen. Denn die Grünen haben im bundesweiten Wählerzuspruch einen neuen Höchstwert erzielt: 28 Prozent der Wahlberechtigten würden für diese Partei stimmen, wäre am nächsten Sonntag Bundestagswahl. Das hat der stern-RTL-Wahltrend ergeben. Das ist der beste in dem Wahltrend gemessene Wert für die Grünen. Zusammen mit der SPD, die in der Forsa-Umfrage um 2 Punkte auf 23 Prozent fiel, ergäbe sich eine grün-rote Mehrheit von 51 Prozent – würde dieses Umfrageergebnis bei Wahlen real, könnten die Grünen als stärkere Partei den Bundeskanzler stellen.

Das Regierungslager aus Union und FDP hat nach den Wahlniederlagen der letzten Wochen und der Führungskrise bei den Liberalen deutlich an Zustimmung verloren. Die Union sank um 3 Punkte auf 30 Prozent, die FDP verlor 2 Punkte und wäre mit nur noch 3 Prozent nicht mehr im Bundestag vertreten. Mit gemeinsam 33 Prozent liegt die schwarz-gelbe Koalition 18 Punkte hinter Grün-Rot. Die Linke gewann einen Punkt, bleibt mit 9 Prozent aber weiter einstellig. Für "sonstige Parteien" wollen 7 Prozent der Wähler stimmen (-1).

Forsa-Chef Manfred Güllner erklärte den Umfrage-Rekord damit, dass Union, SPD und FDP über den Atomausstieg debattierten. Dies sei ein originäres Thema der Grünen und mache sie daher für die Bürger attraktiv. Die Atombefürworter in Union und FDP dagegen fühlten sich im Stich gelassen. Zudem habe der Regierung geschadet, dass die Menschen die abrupte Atomabkehr als nicht glaubhaft empfänden. Güllner: "Und unglaubwürdige Parteien werden nicht gewählt. Ich bin sicher, hätten Union und FDP nach Japan anders gehandelt, hätte Mappus die Wahl in Baden-Württemberg gewonnen." Der Forsa-Chef ist skeptisch, ob die FDP mit ihrem Wechsel an der Parteispitze beim Wähler punkten kann. Güllner: "Westerwelle wird ja als Außenminister so negativ beurteilt. Gibt er nicht auch dieses Amt auf, wird sich wenig ändern.

Der Wahlerfolg der Grünen in Baden-Württemberg wird von den Deutschen überraschend positiv bewertet. Nach einer Umfrage für das Hamburger Magazin stern findet jeder Zweite (51 Prozent) gut, dass das Bundesland mit Winfried Kretschmann künftig von einem Grünen regiert wird. Sogar 29 Prozent der Unionsanhänger und 33 Prozent der FDP-Wähler begrüßen dies. Für schlecht halten nur 16 Prozent aller Befragten den grünen Wahlsieg. Auch der designierte Ministerpräsident Kretschmann selbst kommt gut an: 57 Prozent aller Bürger trauen ihm nach ihrem ersten Eindruck zu, dass er seine Sache gut machen wird. Das glauben auch 53 Prozent der Unions- und 49 Prozent der FDP-Wähler.

Auf die Frage, welcher grüne Politiker angesichts der großen Zustimmung für die Partei künftig in der bundesdeutschen Politik eine wichtige Rolle spielen solle, nannten 48 Prozent der Befragten Fraktionschefin Renate Künast. Mit 46 Prozent kommt Parteichef Cem Özdemir auf den zweiten Platz. 40 Prozent wollen, dass Co-Fraktionschef Jürgen Tritten großen Einfluss haben sollte. Von Winfried Kretschmann wünschen dies 39 Prozent. Mit 36 Prozent schneidet Parteichefin Claudia Roth am schwächsten ab.