Bald nur noch Außenminister: Guido Westerwelle, langjähriger FDP-Chef © Sean Gallup/Getty Images

Am Ende hatte Guido Westerwelle es furchtbar eilig. Eine Woche lang hatte der FDP-Chef zu den immer ultimativeren Rücktrittsforderungen aus den eigenen Reihen geschwiegen. Die bohrenden Fragen der Journalisten, die ihn auf seiner Asienreise begleiteten, hatte er höflich weggelächelt. Nun aber, frisch in Deutschland gelandet, hat Westerwelle Fakten geschaffen. Am Sonntagabend lud er in die Parteizentrale nach Berlin-Mitte. 120 Sekunden später war Gewissheit, was sich vorher schon angedeutet hatte: Westerwelle als Parteichef ist Geschichte.  

Er habe es sich "gut und gründlich" überlegt, sagt Westerwelle, als er um kurz nach 18 Uhr vor die Presse tritt. Auf dem nächsten FDP-Parteitag im Mai werde er sich um das Amt des Vorsitzenden nicht noch einmal bewerben. Das klingt netter als Rücktritt, meint aber de facto das Gleiche: Westerwelle gibt den Posten auf, den er nun seit fast zehn Jahren innehat. Parteichef – das war sein Traumjob, schon als Jungliberaler hat er darauf hingearbeitet. Vor einer Woche hatte er noch mitteilen lassen, sein Rückzug stehe "keinesfalls" zur Debatte . Inzwischen hat er erkannt, dass die flächendeckende innerparteiliche Kritik diese Reaktion erforderlich macht.

Westerwelle spricht so monoton und regungslos, wie man das zuletzt häufiger von ihm gesehen hat. Trocken betet er ein paar Zeilen herunter und starrt dabei ins Leere. Blickkontakt meidet er. Fragen lässt er nicht zu.

Der Schritt falle ihm "sehr schwer", rattert Westerwelle also vor sich hin. Schließlich sei er mit "viel Herzblut" FDP-Chef gewesen. Andererseits falle es ihm auch "leicht", beteuert er im nächsten Satz. Nein, nicht dass er nun den Stress los ist und sich die Kubickis, Hahns und anderen Nörgler einen neuen Sündenbock suchen müssen, versüßt ihm vorgeblich den Abgang. Sondern weil eine "große Anzahl von jungen Persönlichkeiten bereit" stehe, eine Führungsrolle zu übernehmen. Es sei eine Entscheidung "für einen Generationswechsel", sagt der 49-Jährige. Er selbst werde sich auf seine "Arbeit als Außenminister konzentrieren". Die "gute und erfolgreiche" Koalition sei nicht beeinträchtigt.

Kaum ist er mit seinem Text fertig, dreht Westerwelle sich um und verschwindet in die Katakomben der Parteizentrale. Viele Fragen indes bleiben offen. Vieles, was in der FDP derzeit heiß diskutiert wird, hat er in seinem 120-Sekunden-Vortrag unerwähnt gelassen.

Zum Beispiel, ob Westerwelle jetzt noch Vizekanzler bleiben kann. Er selbst hatte stets betont, wie wichtig es sei, die Ämter zu bündeln, um mit der Kanzlerin "auf Augenhöhe" verhandeln zu können. Dieses Vize-Amt, auf das er so stolz ist, bleibt in seinem Statement bewusst unerwähnt. Ein einflussreicher Kritiker Westerwelles sagt im Gespräch mit ZEIT ONLINE, er bezweifle, ob Westerwelle noch als Stellvertreter Merkels tragbar sei. Dieses Anrecht obliege dem künftigen Parteichef.

Dies wiederum führt zur nächsten drängenden Frage: Wer wird der neue starke Mann der FDP? Für den "Generationswechsel", den Westerwelle ankündigt, stehen in erster Linie Gesundheitsminister Philipp Rösler und Generalsekretär Christian Lindner. Rösler hatte am Wochenende seine Bereitschaft angedeutet, das Amt womöglich zu übernehmen. Er ist sechs Jahre älter als Lindner und hat überdies ein paar Jahre Regierungserfahrung gesammelt. Er ist also nicht mehr ganz so "grün hinter den Ohren", wie es manche Liberale dem 32-jährigen Generalsekretär nachsagen. Dessen interner Spitzname: Bambi.

Allerdings hatte Rösler Anfang der Woche "noch partout" nicht gewollt, wie ein Vertrauter berichtet. Schließlich hat der Gesundheitsminister oft betont, seine kleinen Kinder in Hannover zu vermissen. Ohnehin nervt ihn der überhitzte Berliner Polit-Betrieb gelegentlich. Auch mit seinem Posten als Gesundheitsminister ist er unglücklich. Lieber wäre er, wie schon in Hannover, Wirtschaftsminister, ließ er durchblicken.