Alles zurück auf Anfang. So ungefähr kommentierte Renate Künast von den Grünen den Atomkompromiss der schwarz-gelben Bundesregierung vom Sonntagabend. Deren Plan sei "nur ein Zurück zum Status quo", sprich zum Atomkompromiss der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder.

Das stimmt und ist doch falsch.

2000 vereinbarte die Bundesregierung mit den Energiekonzernen, dass jedes Atomkraftwerk 32 Jahre laufen dürfe. Ein Datum, wann das letzte Kraftwerk vom Netz gehen sollte, ließ sich zwar für etwa 2022 errechnen, wurde aber nie richtig fixiert.

Am Sonntag nun präsentierte der christdemokratische Umweltminister Norbert Röttgen den neuen Plan : 32 Jahre durchschnittliche Laufzeit für ein Kernkraftwerk, Ausstiegsjahr vermutlich 2022, vielleicht sogar 2021.

Was so ähnlich klingt, unterscheidet sich dennoch grundsätzlich.

Erstens erkämpfte Rot-Grün 2000 den Ausstieg gegen den erbitterten Widerstand der Atomwirtschaft und der Opposition aus Union und FDP. Man darf zwar vermuten, dass die Mehrheit der Bürger den Plänen damals aufgeschlossen gegenüberstand. Doch die ideologischen Kämpfe zwischen Atomkraftgegnern und Befürwortern waren hart; schon seinerzeit war klar, dass die nächste bürgerliche Regierung den Beschluss revidieren würde. 2005 zogen Union und Liberale offensiv mit der Ansage in den Wahlkampf, den Ausstieg aus dem Ausstieg erreichen zu wollen.

Der 29. Mai 2011 markiert nun ein Ende dieses fast vierzig Jahre währenden ideologischen Kampfes. Deutschland gibt die Kernenergie auf, darin sind sich alle einig. Es wird keine Revision des Plans geben. Wenn eine bürgerliche Regierung den Atomausstieg beschließt, dann kann niemand mehr dahinter zurück – ganz gleich, wie sich der Streit um die Details in den kommenden Wochen entwickeln wird.

Der zweite Unterschied: Mit dem rot-grünen Atomausstieg verband sich kein politischer Masterplan für den Umbau der Energiewirtschaft. Die Vorstellung war eher, wenn nur die Kernkraftwerke abgeschaltet und regenerative Energie gefördert würden, werde sich dieser Umbau ganz von alleine vollziehen.

Heute ist die Erwartung an die Bundesregierung eine ganz andere. Sie muss in den kommenden Monaten ein umfassendes Energiekonzept vorlegen, muss die Frage beantworten, wie und wo Energiespeicher entstehen sollen und in welcher Weise das Stromnetz ausgebaut werden soll. Dazu muss eine Flut von Gesetzen geändert, müssen neue Vorschriften verfasst werden.

Aus dem schleichenden Wandel ist ein umfassendes Infrastrukturprojekt geworden. Noch ist völlig offen, welche Formen es annehmen wird und welche Möglichkeiten die Politik überhaupt hat, auf die Akteure einzuwirken. Schon bieten die Energiekonzerne beispielsweise Kohlekraftwerke als alternative Stromquelle an. Die können nicht explodieren, sind aber Gift fürs Klima. Die echte Bewährungsprobe für die Bundesregierung steht also noch bevor.