Elterngeld Die FDP entdeckt die Familienpolitik

Elterngeld oder Kinder-Grundsicherung? Die Liberalen streiten über ihre Vorhaben in der Familienpolitik. Und der Koalitionspartner schüttelt nur den Kopf. Von L. Caspari

Die FDP hat ein neues Lieblingsthema. Das zeigte sich bereits beim Bundesparteitag am Wochenende, bei dem der neue Parteichef Philipp Rösler viel von seiner Schwiegermutter und deren Betreuungskünsten für seine Zwillinge schwärmte und gleichzeitig über Probleme von Alleinerziehenden sinnierte. Schließlich will Rösler für den "mitfühlenden Liberalismus" stehen und seine Partei so aus dem Umfragetief hieven.

Völlig konträr dazu war die nur wenige Stunden später stattfindende Rede von Christian Lindner, in der er in einem Nebensatz forderte, das Elterngeld erneut zu prüfen. Für diese unpopuläre Aussage musste der FDP-Generalsekretär jede Menge Kritik einstecken. Ist das Elterngeld doch eine familienpolitische Maßnahme, die die allermeisten jungen Menschen – egal welcher politischen Richtung sie zuneigen – begrüßen. Eben weil es ihnen im ersten Jahr nach der Geburt ihres Kindes durch die Fortzahlung von bis zu 65 Prozent des früheren Lohns eine gewisse finanzielle Sicherheit verspricht. Und weil es immer mehr Väter ermutigt, eine Auszeit vom Job zu nehmen und sich um die Kinderbetreuung zu kümmern.

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War es das schon mit dem "mitfühlenden Liberalismus"? Warum will die FDP dem Elterngeld an den Kragen? Die Antwort ist: Weil sie von dessen Nutzen nicht überzeugt ist, es noch nie wirklich war. Die Liberalen wollen daher, dass die Wirksamkeit des Elterngeldes einmal ehrlich untersucht wird, wie FDP-Familienpolitikerin Miriam Gruß sagt.

Die Liberalen verweisen darauf, dass bereits im Koalitionsvertrag von 2009 eine "umfassende wissenschaftliche Evaluation der familienbezogenen Leistungen" gefordert wird. Leistungen im Unterhaltsrecht, Steuerrecht, Sozialrecht und Familienrecht sollten "harmonisiert" werden, heißt es dort. Leistungen sollten "wirksamer gestaltet" und "gebündelt" werden. Allerdings – und das verschweigt Gruß – gibt es im Vertrag auch einen Absatz zum Elterngeld, dessen "Weiterentwicklung" gefordert wird.

Generalsekretär Lindner ließ daher bereits mitteilen, er fordere nicht eine Einstellung des Elterngeldes noch in dieser Legislaturperiode. Doch seine Kritik von Sonntag stehe weiterhin: Die finanzielle Leistung koste den Staat jährlich vier Milliarden Euro, habe aber zugleich noch nicht wirklich zu einem Geburtenboom geführt. Also solle man das Geld lieber in den Ausbau der Kinderbetreuung stecken. Brüsk wies dies CDU-Familienministerin Kristina Schröder zurück: "Am Elterngeld wird nicht gerüttelt. Das Elterngeld ist keine Gebärprämie."

Doch da war die Debatte in der FDP schon weiter. Am Dienstag erlaubte sich die Vorsitzende des Familienausschusses im Bundestag, Sibylle Laurischk, ein Gedankenspiel. Sie könne sich grundsätzlich ein "Kinder-Grundeinkommen" vorstellen, sagte die FDP-Politikerin im Interview mit der Saarbrücker Zeitung von Mittwoch: "Es würde Elterngeld, Kindergeld, das Ehegatten-Splitting sowie alle weiteren Kinderzuschläge ersetzen."

Die FDP-Fraktion beeilte sich noch am Vormittag, diesen Vorstoß als "Einzelmeinung" zu deklarieren. "Die FDP hat derzeit keine Pläne zur Kindergrundsicherung", richtete Ausschuss- und Parteikollegin Gruß aus. Die schnelle Abmoderation lag vielleicht auch an dem für den Bürger leicht missverständlichen Begriff "Grundsicherung", den ja sonst eher im politisch linken Spektrum verortet wird.

Leser-Kommentare
  1. "Die finanzielle Leistung koste den Staat jährlich vier Milliarden Euro, habe aber zugleich noch nicht wirklich zu einem Geburtenboom geführt."

    Ahh, Lindner mal wieder als "Experte"....

    Der kinderlose Lindner versteht nicht, dass so ein Geburtenboom Zeit braucht- im Einzelfall so an die neun Monate...

    Bei 4 Milliarden Euro für das Elterngeld bin ich ganz entspannt.
    Lieber in Familien investieren als in den Afghanistankrieg, der uns ungefähr das gleiche kostet.

  2. Christian Lindner kommt mit seinen Forderungen ungeschickt hölzern daher. Während sein neuer Parteichef den "mitfühlenden Liberalismus" ausruft, macht Lindner den trockenen Rechenschieber. Lindner greift mit seinem Frontalangriff auf das Kindergeld zu kurz, da er in rein marktwirtschaftlicher Manier lediglich die letzten Jahre seit Einführung des Elterngeldes Revue passieren lässt. Demographische Trends lassen sich aber nicht innerhalb weniger Jahre verändern. Der Nordrhein-Westfale Lindner hätte nur nach Frankreich zu schauen brauchen, um dies zu verstehen.
    Die Franzosen haben bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts mit einer Politik der Geburtenförderung begonnen und fahren die "Ernte" erst jetzt ein! Lindners Rechenschieber-Ansatz greift da zu kurz. "Philister!" möchte man ihm zuraunen. Arme, alte FDP!

  3. nicht schon wieder diese Splittergruppe

    Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten und Thesen an der Artikeldiskussion. Danke. Die Redaktion/lv

    • nasi79
    • 17.05.2011 um 20:27 Uhr

    Warum wollen manche einfach nicht begreifen, dass man Kinder nicht wegen des Elterngeldes bekommt. Elterngeld ist kein Anreiz sondern eine sinnvolle Unterstützung, um nicht auf ein volles Gehalt verzichten zu müssen. Kinder haben wir bekommen, weil es im Leben mehr geben muss, als nur zu ackern und Geld anzuhäufen.
    Wenn man dann von finanziellen Anreizen spricht, sollte man sich die Psychologie dahinter ansehen. Sie bewirken selten, dass irgendetwas boomt (außer vielleicht kurzfristig die Automobilindustrie). Auch Lohnerhöhungen bewirken selten, dass ein Arbeitnehmer mehr tut. Denn schließlich wird er früher oder später denken, dass es richtig ist, mehr zu bekommen, da die geleistete Arbeit honoriert wird.

    Vielleicht sollte sich die FDP ein neues Lieblingsthema suchen ... Hoteliers vielleicht.

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    Das Elterngeld hat wahrscheinlich keinen Einfluß auf die Entscheidung, OB man Kinder will, wohl aber darauf, WANN man damit anfängt.

    Wie lange brauche ich, wenn ich nach einem Studium - BAFöG zurückzahlen etc, denn nicht jeder kommt aus reichem Elternhause - ein ganzes Jahresgehalt zusammensparen will? Es hat auch nicht jeder zwei satte Gehälter anzubieten, übrigens.

    Spät- und spätestgebärende Akademikerinnen verursachen wiederum medizinische Kosten aufgrund ihrer Risikoschwangerschaft und für die Kinderbetreuung des höheren Prozentsatzes behinderter Kinder.

    Die Abschaffung des Elterngeldes wäre ein klarer gesellschaftlicher Rückschritt.

    Das Elterngeld hat wahrscheinlich keinen Einfluß auf die Entscheidung, OB man Kinder will, wohl aber darauf, WANN man damit anfängt.

    Wie lange brauche ich, wenn ich nach einem Studium - BAFöG zurückzahlen etc, denn nicht jeder kommt aus reichem Elternhause - ein ganzes Jahresgehalt zusammensparen will? Es hat auch nicht jeder zwei satte Gehälter anzubieten, übrigens.

    Spät- und spätestgebärende Akademikerinnen verursachen wiederum medizinische Kosten aufgrund ihrer Risikoschwangerschaft und für die Kinderbetreuung des höheren Prozentsatzes behinderter Kinder.

    Die Abschaffung des Elterngeldes wäre ein klarer gesellschaftlicher Rückschritt.

  4. Die Führung dieser Partei entdeckte immer prächtige Posten in Wirtschaft und Politik. Aber nie Lösungen für arme Menschen in der Sozialpolitik.

  5. Das Jetzige System des Kindergeldes, Kinderfreibetrag.... ist nicht nur kompliziert sondern auch ungerecht (sagt zumindest das Verfassungsgericht bei "Kinder Hartz 4")

    Darum wäre eine Einkommensunabhängige Kindergrundsicherung ein einfacher, gerechter und kostenneutraler Weg. Es ist nicht unsozial, sondern sogar sozialer!

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    weil er zu einer Zunahme der Armut führen würde.

    • Pencil
    • 18.05.2011 um 1:38 Uhr

    Was ist die Begründung?

    ... heißt, daß auch Männer und Frauen aus ärmeren Familien studieren und hochqualifizierte Berufe ergreifen können.

    ... heißt auch, daß diesen Leuten, die sich durch Anstrengung qualifiziert haben, das Gründen einer Familie nicht vergällt wird.

    Wenn ich 20 Jahre lang ausgebildet werde, kann es nicht sein, daß sich mein Lebensstandard erst hebt, wenn ich 50 bin. Das ist kein Anreiz. Das führt dazu, daß nur noch Leute aus reichen Familien studieren, die sogenannte Elite.

    weil er zu einer Zunahme der Armut führen würde.

    • Pencil
    • 18.05.2011 um 1:38 Uhr

    Was ist die Begründung?

    ... heißt, daß auch Männer und Frauen aus ärmeren Familien studieren und hochqualifizierte Berufe ergreifen können.

    ... heißt auch, daß diesen Leuten, die sich durch Anstrengung qualifiziert haben, das Gründen einer Familie nicht vergällt wird.

    Wenn ich 20 Jahre lang ausgebildet werde, kann es nicht sein, daß sich mein Lebensstandard erst hebt, wenn ich 50 bin. Das ist kein Anreiz. Das führt dazu, daß nur noch Leute aus reichen Familien studieren, die sogenannte Elite.

  6. ""Ich finde außerdem, solche Leistungen sollten sich eher an die Bedürftigen, als an Gutverdiener richten""

    Sobald die Frau ihr Kind zur Welt gebracht hat, ist sie keine "Gutverdienerin" mehr, weil sie den Job für eine gewissen Zeit niederlegt! Zählt sie da jetzt zu den Gutverdienern, obwohl sie ab dem Zeitpunkt der Geburt nicht mehr hat, als eine Frau, die vorher keinen Job hatte? Soll die Frau ohne Job nun Elterngeld bekommen und die, die einen hatte, keines? Oder wie soll ich diesen Satz verstehen??

    Elterngeld ist sicher nicht der alleinige Grund, ein Kind in die Welt zu setzen, aber es gibt Sicherheit und hilft ungemein. Der Verdienstausfall hält sich in Grenzen, so dass
    nicht die Frage "Können wir uns ein Kind überhaupt leisten" all zu sehr bei der Entscheidung im Vordergrund steht... und das ist gut so.

    • Fdgo1
    • 17.05.2011 um 20:43 Uhr

    "Kindergrundeinkommen" "Es würde Elterngeld, Kindergeld, das Ehegatten-Splitting sowie alle weiteren Kinderzuschläge ersetzen."
    Oje. Das Ehegattensplitting hat absolut nichts mit Kindern zu tun. Es lässt sich nicht abschaffen, weil es verfassungsfest ist.
    Es haut mich um, dass die FDP, die doch nun gerade als Schutzgeist der Verfassung ständig herumgeistert, so etwas von sich gibt.
    Datenschutz ist okay? Schutz der Ehe nicht?

    So liebe FDP jetzt schaust auch Du Dir endlich an, was das Ehegattensplitting ist. Nichts anderes als der notwendige Ausgleich der Steuerprogression und - ja, wirklich - seine Abschaffung wäre verfassungswidrig.

    Habt ihr denn überhaupt nichts aus dem Urteil des BVerfG gelernt, in dem es die Rechtsprechung des BGH zur Frage der "Fortentwicklung der ehelichen Lebensverhältnisse nach der Scheidung" für verfassungswidrig erklärt hat und sich gar bemüßigt fühlte, einmal zusammen zu fassen, was Ehe (Halbteilungsgrundsatz) bedeutet?

    Nehmt doch trotz Sparwahn und Co. endlich einmal die verfassungsrechtlichen Grenzen Eures Tuns zur Kenntnis.

    Muss das immer sein, dass die Politik die Verfassung mit Füßen tritt?

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