Atomausstieg Ein Kompromiss – aber alle wollen Sieger sein

Beim schwarz-gelben Atomausstieg mussten alle Beteiligten zurückstecken, ein klassischer Kompromiss. Doch die Parteien verkaufen ihn als ihren jeweils eigenen Erfolg.

Am Morgen nach der nächtlichen Sitzung der Koalitionsspitzen zum Atomausstieg feiert sich CSU-Chef Horst Seehofer als Sieger. "Es steht fest, dass der Atomausstieg bis 2022 vollzogen wird", sagt er in der Bayerischen Landesvertretung in Berlin: "Unumkehrbar! Es gibt da kein Hintertürchen, gar nichts."  Insgesamt 13 Stunden lang seien die Gespräche zwischen der Regierung und am Ende auch der Opposition am Sonntag gewesen. Was am Schluss dabei herausgekommen sei, mache ihn "sehr zufrieden", strahlt Seehofer. Die "wesentlichen Punkte", zum Beispiel in welchem Jahr der Ausstieg abgeschlossen sein soll, habe seine CSU schließlich schon vor einer Woche bei einer Klausurtagung in Kloster Andechs beschlossen. Dass ein Ausstieg binnen zehn Jahren auch das Ergebnis der Ethikkommission der Bundesregierung und damit vermutlich ebenso ausschlaggebend war, erwähnt er nur am Rande.

Nein, Seehofers Botschaft ist eine andere: Während die Kanzlerin noch zögerte, habe er in seiner Partei Führung bewiesen. Einmütig stehe seine CSU hinter ihm, dass 2022 das richtige definitive Ausstiegsdatum sei. Ganz anders als bei der zerstrittenen CDU. Vielleicht könne man ja sogar noch früher aussteigen als 2022, wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien jetzt schneller ginge, betont der bayerische Landeschef mit einem schelmischen Lächeln. Es gehe darum, dass "wir das jetzt anpacken". Seehofer spricht von Bürgerinitiativen, die Selbstversorger-Strom herstellen, und vom Strommastenausbau. Er ist ganz in seinem grünen Element. "Glaubwürdigkeit gewinnt man durch Handeln", sagt Seehofer und lächelt vergnügt.

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Tatsächlich beschloss die Koalition im Kanzleramt  wie die CSU eine Woche zuvor dass das letzte Atomkraftwerk allerspätestens 2022 vom Netz gehen soll. Sechs der sieben alten Kernkraftwerke sollen bereits jetzt dauerhaft abgeschaltet werden, eines davon soll "in harten Wintern", "im absoluten Notfall"  – also bei Problemen mit der Stromversorgung – wieder angeschmissen werden können, sagt Seehofer. Das sei aber keine "Hintertür", sondern nur Vernunft.

Die Forderung nach einer "Kaltreserve"  war auch Thema am Tisch der Ethikkommission gewesen, die sich auf Initiative der Kanzlerin mit den Risiken der Kernkraft befassen sollte. In ihrem am Montag vorgestellten Abschlussbericht ist der Punkt aber nicht mehr vorhanden, wie Kommissionschef Klaus Töpfer erläuterte. Die Verhandlungspartner im Kanzleramt wussten das, entschieden sich in der Nacht aber anders.

Das ist wohl der FDP geschuldet. Sie forderte eine Gegenleistung dafür, dass sie sich am Ende doch auf eine konkrete Jahreszahl für den Atomausstieg festlegen ließ. Wenigstens ein "Ersatzmeiler" sollte daher nach der liberalen Logik zur Verfügung stehen, falls es Probleme beim Ausbau der erneuerbaren Energien gibt. Ebenso wie die Tatsache, dass die Atomkonzerne weiterhin eine Brennelementesteuer abführen müssen, obwohl ihr Atomausstieg ja gerade wieder rückgängig gemacht wurde. Auch hierfür hatte sich die FDP eingesetzt.

Suche nach einem Endlager

Bleibt die Atom-Endlagerfrage. Seehofer will eigentlich keinen Atommüll in Bayern haben. Zweimal zitiert er eine Passage aus der Übereinkunft aus der Nacht. Demnach wird der marode Standort Gorleben im entfernten Niedersachsen weiterhin ergebnisoffen auf seine Eignung geprüft, aber auch Prüfungen in anderen Bundesländern sollen möglich sein. Dazu soll ein Kriterienkatalog erarbeitet werden. Seehofer betont zwar, "überall dürfe" gesucht werden, aber er sei sich bereits sehr sicher, dass in Bayern die Erdschichten "durchlässig" seien und sich somit für die Atommüll-Endlagerung nicht eignen. Hier will sich einer seine vergnügte Stimmung nicht verderben lassen.

Weniger vergnügt ist die Stimmung an diesem Morgen beim großen Koalitionspartner, vor allem bei den Wirtschaftsfreunden und den Konservativen. Der Beschluss sei nun da, sagt Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier, bevor er zur Gremienberatung ins Berliner Konrad-Adenauer-Haus eilt. Und "über die Details werden wir jetzt reden". Begeisterung klingt anders. Der Chef der Wirtschaftsvertreter der Union, Schlarmann, geht vollends wortlos in die CDU-Bundeszentrale.

Erkläungsnot

In der CDU, das ist kein Geheimnis, brodelt es. Fraktionsvorsitzende in den Ländern beklagten erst am Wochenende, dass sie den Atomausstieg ihren Wählern an der Basis  kaum mehr erklären können. Und die Wirtschaftsfachleute wähnen Notstände in der Atomversorgung, wahrscheinlich spüren sie aber auch den Druck der (verärgerten) Atomkonzerne. Doch Unions-Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier versucht, Zweifel wegzuwischen. "Wir haben verlässliche Politik gemacht, wir leisten Versorgungssicherheit", sagt er.

Doch auch Altmaier weiß, noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Die Eckpunkte des Atomkonsenses wurden am Montagmorgen erst an die Abgeordneten verschickt, am Mittag tagen die Fraktionen. Auch Union-Insider sagen, in den kommenden Tagen werde jeder den Beschluss noch für seine Zwecke interpretieren und auslegen. 

Leser-Kommentare
  1. Liebe Autoren,
    das was Sie da in der Überschrift als "Nachricht" verkaufen wollen, ist der Sinn ienes jeden Kompromisses – und somit eher eine Un-Nachricht ...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sehr guter Kommentar,

    erstens ist es der Sinn eines jeden Kompromisses, dass niemand der "Verlierer" ist, zweitens kann ich nicht erkennen, wo hier jemand extrem Triumphatorhaft aufgetreten ist. Alle sprechen von einem "guten Ergebnis", dass alle "zufrieden" stellt.

    Ich habe das Gefühl, hier sollte eine Nachricht produziert werden, um sich über "Die Politiker" lustig zu machen.
    Schön, dass es noch nicht bei allen funktioniert.

    Liebe Grüße und auf bessere Artikel

    Baradin

    Sehr guter Kommentar,

    erstens ist es der Sinn eines jeden Kompromisses, dass niemand der "Verlierer" ist, zweitens kann ich nicht erkennen, wo hier jemand extrem Triumphatorhaft aufgetreten ist. Alle sprechen von einem "guten Ergebnis", dass alle "zufrieden" stellt.

    Ich habe das Gefühl, hier sollte eine Nachricht produziert werden, um sich über "Die Politiker" lustig zu machen.
    Schön, dass es noch nicht bei allen funktioniert.

    Liebe Grüße und auf bessere Artikel

    Baradin

  2. bei den bürgerlichen Parteien (Wendung kann man das ja schon nicht mehr nennen, es ist mehr eine Kreiselbewegung) macht mich schon ganz schwindelig - Herr Seehofer präsentiert sich als der grünste Grüne überhaupt??? Frau Merkel präsentiert sich als die grünste Grüne überhaupt??? Herr Rösler präsentiert sich als der grünste Grüne überhaupt???
    Zusammen sind sie dann ganz sicher dabei, die Welt zu retten; ich hoffe doch, in andren politischen Punkten wird auch eine Kreiselbewegung eintreten - Afghanistan, Umbau der Bundeswehr, Sicherung der Sozialsysteme usw. usw. Da läßt sich sicher noch viel finden.
    Ich bin doch ganz froh, daß wir in Deutschland solche Supermänner und Superfrauen haben, die von ganz allein zum Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg gekommen sind - der Druck der Bevölkerung war sicher völlig überflüssig.
    (Wer Ironie findet, darf sie behalten.)

  3. Sehr guter Kommentar,

    erstens ist es der Sinn eines jeden Kompromisses, dass niemand der "Verlierer" ist, zweitens kann ich nicht erkennen, wo hier jemand extrem Triumphatorhaft aufgetreten ist. Alle sprechen von einem "guten Ergebnis", dass alle "zufrieden" stellt.

    Ich habe das Gefühl, hier sollte eine Nachricht produziert werden, um sich über "Die Politiker" lustig zu machen.
    Schön, dass es noch nicht bei allen funktioniert.

    Liebe Grüße und auf bessere Artikel

    Baradin

  4. Kompromiss bedeutet, dass man sich einigt und zufrieden ist. Und das scheint ja wohl der Fall zu sein. Aber dass sich dabei irgendwer als "Sieger" dasstellen will, ist schon eigenartig. Denn "Sieger" sein bedeutet ja, dass man alle anderen von seine Argumenten überzeugt hat und man selbst nicht irgendwas wegstreichen musste. Insofern ist wohl keine Partei wirklich Sieger. Aber immerhin geht es vorwärts.

  5. sie sind am 29. Oktober 2010, ein Tag nach der namentlichen Abstimmung für die Laufzeitverlängerung auf eine einsame Insel geflogen und erst heute wieder in die Zivilisation zurückgekeht.
    Im Flugzeug lesen sie, dass die CDU/CSU mit der FDP zusammen den Atomausstieg beschlossen hat und die FDP sich mit der großen Leistung preist, dass sie dafür gesorgt hat, dass die Brennelementesteuer nicht zurückgenommen wird.

    Hätten Sie auch das Gefühl gerade statt der Nachrichten eine Satierzeitschrift gelesen zu haben?

    Ich hoffe, dass die Zeit diejenigen interviewt, die innerhalb dieser kurzer Zeit ihre Meinung um 180° gedreht haben. Bitte lassen Sie sich aber hierbei nicht von Bundeskanzlerin Dr. Merkel, der Promovierten Physikerin" & Co mit Sätzen wie "Seit Fukushima ist alles anders" abspeisen.
    Fragen Sie doch bitte nach, was sich am Restrisiko geändert hat und ob wir davon ausgehen können, dass ihr jetziger Sinneswandel länger anhält. Fragen Sie bitte auch, warum jetzt nicht mehr das Licht in Deutschland ausgeht und welche neue gefahren in deutschen AKWs entdeckt wurden.

  6. Unabhängig von ihrer politischen Einfärbung eint die politischen
    "Spitzen"kräfte doch eins: Wenn sie merken, daß sie in der vor-
    hergehenden Richtung nicht weiterkommen, vollziehen sie eine
    180°-Wende und - so der Polit-Sprech - setzen sich an die Spitze
    der Bewegung.

    Diese Vorgehensweise, oder besser: Beliebigkeit, nervt schon
    im beruflichen wie privaten Alltag. Alarmierend wird´s aller-
    dings, wenn uns diese Beliebigkeit auch bei Themen begegnet,
    bei denen es für uns Bürger/Wähler/Kunden um Langfristigkeit,
    Stringenz und Verbindlichkeit geht.

    Es waren dieselben Protagonisten, wie z.B. die BKin und MP See-
    hofer, die noch vor Monaten das Menetekel einer teilverdunkel-
    ten Republik projizierten und mit beiden Daumen auf die Warn-
    taste "Versorgungssicherheit" drückten.

    Es sind dieselben Protagonisten, die "...Augenmaß..." einfordern
    und gleichzeitig ihre politischen Entwürfe auf Tagesmottos redu-
    zieren. Das macht viele (noch) nachdenklich, bestätigt andere in
    ihrer zunehmenden Distanz zum politischen Geschehen. Der An-
    spruch, "Volksparteien" und Parteien der gesellschaftlichen Mitte
    zu sein, wird damit immer stärker und in schon grotesker Weise
    von den Parteien selbst konterkariert.

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