Gerhard Schick hat die Zeit vergessen. Sein nächster Termin hat längst begonnen, aber er erzählt einfach weiter. Von seiner Vision, einer ökologischen "Ordnungspolitik für den Finanzmarkt". Die sieht so aus: Kleinere Banken, weniger Privilegien für die Josef Ackermanns dieser Welt und mehr Unterstützung für die Volksbanken und Sparkassen. "Weil gerade die Volksbanken, aber auch viele Sparkassen im wesentlichen solide gewirtschaftet haben und so fast unbeschadet aus der Finanzkrise gekommen sind", sagt der finanzpolitische Sprecher der Grünen.

Der 39-Jährige ist über seine Partei hinaus als Experte anerkannt. Vielleicht könnte der Parteilinke irgendwann einmal der erste grüne Bundesfinanzminister werden. Für die nächste Bundestagswahl gehöre ein klares finanzpolitisches Konzept ins grüne Wahlprogramm, findet Schick.

Er weiß, dass bei solchen Äußerungen oft aufgehorcht wird: Können die Grünen das überhaupt, Finanz- und Wirtschaftspolitik?

Die Grünen müssen sich noch beweisen

Dass sie es eben nicht so wirklich können, ist ein altes, aber hartnäckiges Vorurteil: Nur sieben Prozent aller Wähler, die sich "um die wirtschaftliche Entwicklung sorgen" wählen grün, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im März in einer Studie herausgefunden.

"Bisher haben die Wähler bei unseren Themen vor allem den ökologischen Schwerpunkt wahrgenommen", sagt Schick. "Dabei haben wir immer auch wirtschaftspolitisch gedacht". Seit Jahren würden die Grünen beispielsweise darauf hinweisen, dass ein Ausbau der erneuerbaren Energien viele Arbeitsplätze schaffen könne.

Das würden wohl auch CDU und FDP inzwischen nicht mehr grundsätzlich bestreiten. Im Gegenteil. Schwarz-Gelb hat die Ökotechnologie nun ebenfalls entdeckt. Dennoch lästert die Regierungskoalition weiter über die "Dagegen-Partei". Auch das ist so eine Bezeichnung, gegen die die Grünen sich seit Monaten wehren müssen.

Zur Rechtfertigung verweist die Ökopartei daher stolz auf die eigenen Erfolge: Der erste grüne Ministerpräsident kam im Wirtschaftswunder-Bundesland Baden-Württemberg an die Macht. Und in Bremen wurde zuletzt eine grüne Finanzsenatorin trotz ihres Sparkurses mit Bestergebnis wiedergewählt. Auch auf die erste grüne Wirtschaftsministerin in Rheinland-Pfalz, Eveline Lemke, setzt die Partei große Hoffnungen. "Das zeigt doch, dass die Menschen uns Kompetenz auf diesen Gebieten zutrauen", sagt Schick.

Sie wollen den Finanzmarkt umkrempeln

Doch was macht den "Green New Deal" aus? Laut Theorie soll er alle Gesellschaftsbereiche berücksichtigen, ressourcenschonend und sozial gerecht sein. Grüne Fachpolitiker verweisen darauf, dass noch nicht alles bis ins Klein-Klein durchdacht ist. Oftmals seien nur Fernziele formuliert. Anders als andere Parteien verfüge man noch nicht über den jahrelangen Erfahrungsschatz von (Landes-)Finanz- und Wirtschaftsministerien.

Die Grünen wollen zwar "den Finanzmarkt wieder vom Kopf auf die Füße" stellen, wie es in einem Entschlusspapier der Fraktion heißt. Doch wie genau solide wirtschaftende Banken staatlich gefördert werden sollen, ohne sich dem Vorwurf der Planwirtschaft auszusetzen, das steht noch nicht fest.

Zur Beschränkung risikobehafteter Finanzmarktgeschäfte ist beispielsweise ein internationaler Konsens notwendig. Auch Kanzlerin Angela Merkel, die die Idee einer Finanztransaktionssteuer von den Grünen übernahm, hat diesen Konsens bisher nicht erreichen können. Aber Schick schüchtert das nicht ein: "Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass man national gar nichts machen kann", sagt er. Der Finanzwissenschaftler ist pragmatischer Idealist, er will das System Schritt für Schritt umkrempeln.

 Die Grünen wollen eine  "sanfte" Vermögensabgabe

Versuch einer "sanften" Vermögensabgabe

Konkrete Vorhaben lassen die Grünen gerne von externen Instituten durchrechnen. Auch, um einem weiteren Vorurteil entgegenzuwirken: Die Ökopartei habe viele romantische Ideen, doch die seien wirklichkeitsfremd. 

Im Falle einer Regierungsbeteiligung würde die Partei gerne eine Vermögensabgabe einführen. Keine Steuer für alle, eine Abgabe für die Reichsten ab einem Nettoeinkommen von einer Million Euro soll es sein. Die Freibeträge für Unternehmen sollen nochmals höher ausfallen. Bei Privatpersonen sind für Kinder und Sparer ebenfalls Ausnahmen vorgesehen. "Weniger als ein Prozent der Deutschen wären davon betroffen", sagt Schick.

Sie müssten pro Jahr rund 1,5 Prozent ihres Vermögens abführen. Laut DIW könnten auf diesem Weg 100 Millionen Euro in die Staatskasse fließen. Das Geld soll aus Sicht der Grünen ausschließlich und nur so lange für den Zweck genutzt werden, die Kosten der Wirtschafts- und Finanzkrise zu bezahlen. DIW-Steuerexperte Stefan Bach verweist allerdings darauf, dass die (wenigen) Betroffenen damit einige Jahre lang belastet würden. Problematisch könnte die Abgabe so auch für mittelständische Unternehmer werden.

Davor warnt auch die grüne Mittelstandsbeauftragte Christine Scheel. Es dürfe keinesfalls die "Substanz des Mittelstandes" angegriffen werden. Scheel vermutet, dass es bei der Aufstellung des Parteiprogramms für die nächste Wahl daher "Diskussionen" geben wird: Unter den vielen Neumitgliedern der Grünen sind neben Beamten mit Immobilienvermögen auch viele Selbstständige und mittelständische Unternehmer. "Wir müssen unsere Konzepte auf ihre Zumutbarkeit für die Bürger prüfen", betont Scheel.

Zuschüsse für Elektromobilität

Für den grünen Mittelstand sieht die Wirtschaftspolitikerin ein "Wahnsinnsauftragspotenzial" bei Elektroautos. "Viele Automobilzulieferer kommen auf mich zu, sie hoffen auf neue Aufträge", erzählt sie. Die Förderung der neuen Technologie müsse daher ausgebaut werden. Um den Verkauf der Elektroautos anzukurbeln sei auch eine staatliche Prämie denkbar. "Andere Länder halten das so."

Dass das alles ziemlich viel Geld kostet, weiß auch Scheel: "Wir müssen also mit Blick auf unsere Forderungen für 2013 genau prüfen, was geht, und was nicht geht." Oft nennen grüne Parteigenossen in diesem Zusammenhang den Hartz-IV-Satz. Die Grünen-Fraktion forderte noch im vergangenen Herbst 420 Euro Grundsicherung für jeden Bedürftigen. "Das wird nicht möglich sein, das ist einfach nicht finanzierbar", sagen nicht wenige Fachpolitiker heute hinter vorgehaltener Hand. Vielleicht sei es falsch gewesen, sich hier auf eine Summe festzulegen.

 Gutverdienende sollen mehr Krankenversicherung zahlen

 Gutverdienende sollen mehr Krankenversicherung zahlen

Für die Gesundheitsversorgung haben die Grünen bereits ein konkretes Vorhaben: In der "grünen Bürgerversicherung" sollen alle Krankenkassen – auch die Privatversicherungen – zu den gleichen Bedingungen arbeiten. Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollen wieder gleich hohe Beiträge zahlen. Der Beitragssatz eines Bürgers soll sich zusätzlich aus "allen übrigen Einkünften, wie Miet- und Vermögenserträgen" berechnen, wie die grüne Gesundheitspolitikerin Birgit Bender erläutert.

Auch dieses Konzept ließ die Partei durchrechnen. Robert Arnold vom Zentrum für Sozialpolitik der Uni Bremen hat schon einige Parteien beraten, bei der grünen Bürgerversicherung ist er voll des Lobes: Durch die Anrechnung von Miet- und Zinseinkommen würde der Beitragssatz für den Normalverbraucher niedriger – allerdings für Besserverdienende deutlich teurer. Bis zu 2,5 Millionen Menschen können seiner Rechnung zufolge von Mehrbelastungen betroffen sein, ihnen könnten im schlimmsten Fall monatlich 50 bis 100 Euro an zusätzlichen Abgaben drohen.

Wieder tut sich ein Dilemma auf. Werden die wohlhabenden Grünen-Mitglieder, die privat versicherten Beamten, das akzeptieren? Gesundheitspolitikerin Bender wiegt nachdenklich den Kopf. Die Wähler würden "Mehrbelastungen" schon in Kauf nehmen, "wenn wir ihnen erklären, wofür sie gut sind, und dass sie dem gesellschaftlichen Zusammenhalt dienen."

Gemeinsamkeiten mit der CDU

Sind die Grünen in ihrer Wirtschaftspolitik nun genauso seriös wie andere Parteien? An den Forschungsinstituten, die sich mit grünen Ideen befasst haben, äußert man sich jedenfalls positiv über die Partei: Deren Konzepte seien genauso gut vorbereitet, wie die von Union und SPD auch. Manchmal enthielten sie Fehler, falsche Einschätzungen. Aber das sei auch bei den anderen Parteien normal. Deswegen werde ja extern geprüft.

Und grüne Fachpolitiker erzählen, sie würden parteiübergreifend immer mehr ernst genommen. Mittelstandspolitikerin Scheel erlebt gar, dass viele ihrer eigenen Forderungen denen der Union gleichen, der ja bekanntlich viel Wirtschaftskompetenz zugeschrieben wird. "Zumindest auf dem Papier wollen wir das gleiche, umsetzen tut Angela Merkel ja nichts davon", schiebt Scheel schnell noch hinterher. Die grüne Eigenständigkeit ist den Politikern im Moment sehr wichtig zu betonen.