ZEITONLINE: Welche Hoffnungen hatten Sie, als Sie 2001 in den Ethikrat berufen wurden?

Volker Gerhardt: Die Entwicklungen in Technik, Wissenschaft und medizinischer Praxis erfordern neue ethische Normen, die nicht mehr in Jahrhunderten wachsen können, sondern unter Mitwirkung von Experten begründet und vergewissert werden müssen. Dabei kommt den Ethik-Kommissionen eine eminente Beratungsaufgabe zu. Daran an exponierter Stelle mitwirken zu können, begreife ich als große Aufgabe, obgleich ich nicht zu den Bioethikern im engeren Sinn gehöre.

ZEITONLINE: Was waren die ersten Themen?

Gerhardt: Beim Nationalen Ethikrat war es die Stammzellenforschung. Der Ethikrat hat sich erstmals auch mit der Frage der Biobanken befasst: Welche genetischen Daten sollen wie lange und zu welchen Zwecken gespeichert werden? Wer darf Zugang haben und wer entscheidet über die Nutzung und die Weitergabe? Das sind Fragen, die es vor der Kartierung des Genoms noch gar nicht gab.

ZEITONLINE: Wie wurde die Gründung des Rates aufgenommen?

Gerhardt: Sie war sehr umstritten. Gegner der Stammzellenforschung brachten den Verdacht in Umlauf, Bundeskanzler Schröder habe den Nationalen Ethikrat zusammenstellen lassen, um seine liberalen Ziele durchzusetzen. Das entsprach nicht der Wahrheit. Der Nationale Ethikrat umfasste 25 Personen mit einem breiten Meinungsspektrum. Überdies gab es Kritik aus der Enquete-Kommission des Bundestages, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigte und nun eine unliebsame Konkurrenz zu verbellen suchte. Doch der Nationale Ethikrat hat sich durchgesetzt. Er wurde 2008 auf eine gesetzliche Grundlage gestellt, dem Bundestag angegliedert und als Deutscher Ethikrat neu konstituiert.

ZEITONLINE: Würden Sie an der Zusammensetzung des Rates etwas ändern?

Gerhardt: An der Zusammensetzung des Deutschen Ethikrats haben alle im Bundestag vertretenen Parteien und die Bundesregierung mitgewirkt. Insofern kann er als "politischer" gelten als der Nationale Ethikrat. Das muss kein Nachteil sein. Ich selbst würde mir in der Kommission ein paar mehr Philosophinnen und Philosophen wünschen.

ZEITONLINE: Kürzlich hat die Regierung ein weiteres Ethik-Gremium geschaffen, die Ethikkommission zur Kernenergie. Ist das Konkurrenz für Sie?

Gerhardt: Nicht im Geringsten, ganz abgesehen davon, dass im Titel "Ethikkommission" die gleiche wahltaktische Kurzatmigkeit zum Ausdruck kommt wie in der überstürzten Abschaltung der älteren Atommeiler. Mit der vorzeitigen Schließung hat man der neuen Kommission die Chance genommen, eine eigene konkrete politische Empfehlung zu geben, und mit dem Namen lenkt man vom Wesentlichen ab. Von der neuen Kernenergiekommission sollte man erwarten, dass sie technische Risiken, ökonomische Folgen und politische Aufgaben einschätzt. Erst wenn hier eine nüchterne Bilanz gezogen ist, kann es um eine ethische Empfehlung gehen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass man das in der Kommission, trotz ihres Namens, genauso sieht.