Mitglieder-Studie"Frauen und Junge meiden die Parteien"

Deutsche Partei-Mitglieder sind meist männlich, alt und gebildet. Den größten Schwund beklagt die SPD. Welche Reformen helfen würden, sagt der Politologe Tim Spier.

Die Deutsche Parteimitgliederstudie 2009 ist seit mehr als zehn Jahren die erste repräsentative Untersuchung aller im Bundestag vertretenen Parteien. Ein Forscherteam der Universitäten Düsseldorf und Hannover befragte hierzu 9400 Parteimitglieder auf ihren sozialen Hintergrund, ihre Einstellungen und Werte sowie die Motive ihres innerparteilichen Engagements.

ZEIT ONLINE: Herr Spier, Sie sind einer der Verfasser der ersten großen Parteimitglieder-Studie seit 1998. Schon damals galten die Parteien als überaltert und unattraktiv. Wie ist Ihre Diagnose nun: Hält der Niedergang der Parteien weiter an?

Tim Spier: Ja, insofern als die Zahl der Mitglieder in allen Parteien kontinuierlich abnimmt. Aber es kommt drauf an, welchen Vergleichsmaßstab man wählt. In den fünfziger Jahren gab es in Deutschland weit weniger Parteimitglieder als heute. Damals sprach deshalb niemand von einer Demokratie-Krise. In den politischen siebziger Jahren sind dann aber hunderttausende Menschen in die Volksparteien eingetreten. Die Mitgliedszahlen verdoppelten sich binnen kürzester Zeit. Eine vergleichbare Eintrittswelle gab es seither nie wieder. Diese Generation ist allerdings inzwischen alt geworden, macht aber immer noch einen guten Teil der Mitgliedschaft insbesondere der Volksparteien aus.

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ZEIT ONLINE: Welche Partei hat am meisten verloren?

Spier: Eindeutig die SPD . Sie hat seit 1990 fast die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Insgesamt haben alle Parteien massiv eingebüßt, die Volksparteien aber weit stärker als die kleinen Parteien. Bei FDP und Grünen folgt die Mitgliederentwicklung offenbar stark politischen Konjunkturen. Vor Wahlen steigen ihre Mitgliedszahlen. Die FDP hatte in ihrer Hochphase 2008/2009 einen enormen Mitgliederzuwachs. Ähnliches lässt sich derzeit bei den Grünen beobachten . Und auch die Linke hatte nach der Fusion von WASG und PDS einen großen Zuwachs, der das altersbedingte "Wegsterben" der noch aus der SED stammenden Generation aufhielt.

ZEIT ONLINE: Können die Parteien überleben, wenn ihnen zunehmend die Mitglieder abhanden kommen?

Spier: Bislang schon. Denn es sind nicht die Aktivposten, die die Parteien verlassen. Vor allem die Inaktiven treten aus, sprich: Alte und Unzufriedene. Durchschnittlich steigert sich dadurch sogar der Anteil derjenigen, die zum harten Kern gehören. Derzeit ist es so: Etwa 20 Prozent machen die klassische Parteiarbeit. Rund die Hälfte der Mitglieder ist hingegen inaktiv, besucht selten die Parteiversammlungen und beteiligt sich auch darüber hinaus kaum am Parteileben.

ZEIT ONLINE: Welche Partei hat die meisten Karteileichen?

Spier: Die Grünen haben den größten Anteil an weitgehend inaktiven Mitgliedern. Viele Grüne sehen in ihrem Mitgliedsbeitrag den angemessenen und einzigen Beitrag, den sie entrichten wollen. Die Linke hat dagegen die aktivste Mitgliedschaft. Hier sind nur 32 Prozent den Inaktiven zuzurechnen, bei den Grünen sind es hingegen 55 Prozent. Wichtig sind aber auch die konkreten Aktivitätsformen: Bei den Linken herrschen die "parteipolitischen Sekundärtugenden" vor: Man geht zu Veranstaltungen, beteiligt sich am geselligen Leben der Partei. Die aktive Parteiarbeit zwischen den Wahlen ist hier aber auch nicht besonders ausgeprägt.

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ZEIT ONLINE: Bekommen die Parteien da nicht doch Probleme? Schon jetzt wird oft geklagt, dass sich nicht genügend Kandidaten für die kommunalen Wahlen finden.

Spier: Richtig: Die großen Parteien haben in schwach organisierten Gebieten Probleme mit der Kandidatenaufstellung. Die SPD in Ostdeutschland zum Beispiel schafft es teilweise nicht, ihre Kandidatenlisten voll zu bekommen. Ähnliches gilt in verschärfter Form für die kleinen Parteien. Die haben auf kommunaler Ebene unter Umständen noch nicht einmal genügend Kandidaten, um alle Mandate zu besetzen, die ihnen laut Wahlergebnis zustünden. Ortsvereine gibt es bei den kleinen Parteien oft gar nicht. Auch die SPD plant, ihre Ortsvereine zusammenzulegen. Dadurch geht aber die lokale Verankerung verloren. Allerdings ist es genau das, was die meisten Mitglieder interessiert und motiviert teilzunehmen: Die Politik am Ort – oft ist sie entscheidend für politisches Engagement und der wesentliche Faktor für den Eintritt in eine Partei.

ZEIT ONLINE: Relativ stabil in ihrer Mitgliederentwicklung ist die CSU. Warum eigentlich?

Spier: Das hängt mit der hegemonialen Stellung zusammen, die sie lange in Bayern hatte und auf der Fläche oft immer noch hat. Wer sich hier politisch engagieren will, geht in der Regel zur CSU. Auf dem Lande bleiben ansonsten häufig nur die Freien Wähler als Alternative. Oft ist die Motivation dann nicht primär politisch, sondern man hat ein politisches Amt oder Mandat oder die persönliche Berufsentwicklung im Hinterkopf.

Leserkommentare
  1. Wozu soll man einer Partei beitreten?

    Die "Führung" macht sowieso was sie will solange sie es "durchboxen" kann... dazu dürfen die Mitglieder fürs Mitglied sein zahlen...

    Des weiteren werden die meisten Arbeitnehmer heute wenig Zeit haben sich aktiv an irgendeinem Parteienkram zu beteiligen.

    Warum also in eine Partei eintreten? Der Bürger ist eh der Dumme, aber "frei" muss er dafür wenigstens nicht zahlen.

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  2. abhilfe schaffen würde-die förderalismusreform, bundesländer halbieren, gemeinden noch stärker in landkreise zusammenziehen - durch diese straffung gäbe es wieder mehr möglichkeiten auch neue aktive mitglieder zu finden da die aufgaben dann auch durch die neue größe interessanter sein würden

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    Die Erfahrung der Vergangenheit zeigt, dass die Zusammenlegung der Gemeinden zu einem Nachlassen der Beteiligung geführt hat. Ja kleiner die Einheit, desto näher ist sie am Bürger und umso größer schätzt er seinen persönlichen Einfluß ein und das auf Themen, die ihn direkter betreffen.

    filz und steuerlast entsteht

    Die Erfahrung der Vergangenheit zeigt, dass die Zusammenlegung der Gemeinden zu einem Nachlassen der Beteiligung geführt hat. Ja kleiner die Einheit, desto näher ist sie am Bürger und umso größer schätzt er seinen persönlichen Einfluß ein und das auf Themen, die ihn direkter betreffen.

    filz und steuerlast entsteht

  3. Mindestens 50:50 Frauen zu Männer und Parteien die diese Quote in Mitgliedern und Gremien nicht bis Ende 2012 erfüllen dürfen nicht an Wahlen teilnehmen bis das Manko ausgeglichen oder Ursula von der Leyen zur Kanzlerin gequotet wurde :-)

    2 Leserempfehlungen
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    dann können auch bei den großen Parteien viele Ortsverbände aufgteben. Eine Frauenquote einführen, wenn es im Ort kein einziges weibliches Mitglied gibt ist bestimmt kein Löaungsansatz.

    dann können auch bei den großen Parteien viele Ortsverbände aufgteben. Eine Frauenquote einführen, wenn es im Ort kein einziges weibliches Mitglied gibt ist bestimmt kein Löaungsansatz.

  4. [...]

    An die Demokratie glauben eh nur noch die Naiven. Ohne einen klaren cut und einer Neuaufstellung wird das mit diesem System nix mehr.

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Danke. Die Redaktion/lv

    3 Leserempfehlungen
  5. ist ein Relikt des 20sten Jahrhunderts.
    Diese Form der Demokratie zerbröselt nun.

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  6. bezüglich des Daumens der Redaktion befinde ....
    > Deutsche Partei-Mitglieder sind meist männlich, alt und gebildet. <

    Das letzte Wort dieses Satzes gibt mir zu denken. Wer hat das gesagt und was ist damit gemeint? Reicht diese pauschale Qualifizierung für ein Ministeramt? Und was hat diese Aussage mit dem Mitgliederschwund zu tun?

    Bildung allein (wie auch immer das gemeint ist) reicht nicht für einen guten Politiker.

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  7. andere Menschen vorsätzlich an zu lügen. Deshalb bleiben sie lieben den Parteien fern.

    10 Leserempfehlungen
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    Viele Menschen könnne ihre eigene Muttersprache nicht korrekt schriftlich ausdrücken. Deshalb schreiben sie dann hier einen Kommentar. ("anzulügen")

    Bitte argumentieren Sie artikelbezogen. Danke, die Redaktion/se.

    ... nach anderer Leute Pfeife zu tanzen.

    Es herrscht in jeder Partei auf jeder Ebene eine relativ kleine Clique, die bestimmt, wo's langgeht. Die große Mehrheit, die weder die Zeit, noch den Ehrgeiz, noch die Fähigkeiten besitzt, die Richtung aktiv mitzubestimmen, dient lediglich als passives Stimmvieh. Und es gibt offensichtlich, gerade bei den Großen, etliche, die das irgendwann auch bemerken und die Konsequenzen ziehen.

    Viele Menschen könnne ihre eigene Muttersprache nicht korrekt schriftlich ausdrücken. Deshalb schreiben sie dann hier einen Kommentar. ("anzulügen")

    Bitte argumentieren Sie artikelbezogen. Danke, die Redaktion/se.

    ... nach anderer Leute Pfeife zu tanzen.

    Es herrscht in jeder Partei auf jeder Ebene eine relativ kleine Clique, die bestimmt, wo's langgeht. Die große Mehrheit, die weder die Zeit, noch den Ehrgeiz, noch die Fähigkeiten besitzt, die Richtung aktiv mitzubestimmen, dient lediglich als passives Stimmvieh. Und es gibt offensichtlich, gerade bei den Großen, etliche, die das irgendwann auch bemerken und die Konsequenzen ziehen.

  8. Schön zu sehen, dass eine gewisse Partei aus der öffentlichen / medialen Wahrnehmung verschwunden sind, wo diese doch lediglich die meisten jungen Männer an sich bindet und ehemalige Nichtwähler politisiert hat...

    Die Parteienlandschaft / - relevanz beschränkt sich hierzulande nicht auf parlamentarische Partizipation.

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