Wegen Plagiatsvorwurf : Silvana Koch-Mehrin tritt zurück

Die FDP-Spitzenpolitikerin reagiert auf die Vorwürfe, sie habe für ihre Doktorarbeit abgeschrieben: Sie legt ihre Ämter in Europaparlament und Bundes-FDP nieder.
Silvana Koch-Mehrin © Andreas Rentz/getty images

Die unter Plagiatsverdacht stehende FDP-Spitzenpolitikerin Silvana Koch-Mehrin ist von allen politischen Ämtern zurückgetreten. Die 40-Jährige teilte mit, sie wolle so verhindern, dass ihre gesamte Familie durch die öffentliche Diskussion weiter belastet werde.

Koch-Mehrin legte sowohl ihr Amt als Vorsitzende der FDP-Fraktion im Europäischen Parlament, als Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und als Präsidiumsmitglied der FDP nieder. Ihr Mandat im Europäischen Parlament will Koch-Mehrin Angaben ihres Sprechers zufolge behalten.

Mit ihrem Schritt schuf die FDP-Politikerin vor dem am Freitag beginnenden Parteitag Klarheit. "Ich hoffe, dadurch meiner Partei den Neuanfang mit einem neuen Führungsteam zu erleichtern", erklärte Koch-Mehrin, die bisher eisern zu den Vorwürfen geschwiegen hatte. Aus den Reihen ihrer eigenen Partei äußerte sich zunächst nur Generalsekretär Christian Lindner knapp: "Wir nehmen die Entscheidungen Silvana Koch-Mehrins mit Respekt zur Kenntnis und danken ihr für ihren langjährigen Einsatz für die liberale Sache."

Die Universität Heidelberg prüft derzeit Vorwürfe, Koch-Mehrin habe in ihrer Dissertation abgeschrieben. Laut der Online-Plattform Vroniplag Wiki wurden auf 56 Seiten – und damit knapp 28 Prozent – von Koch-Mehrins Doktorarbeit Plagiate gefunden. Auf der Plattform arbeiten anonyme Aktivisten ähnlich wie zuvor im Fall des ehemaligen Verteidigungsministers Guttenberg zusammen, um die Arbeit Koch-Mehrins und anderer Politiker zu überprüfen.

In dem online veröffentlichten Bericht heißt es: "Die zahlreichen textuellen Anpassungen der Plagiate sowie die Tatsache, dass Plagiate über die gesamte Dissertation hinweg zu finden sind, lassen darauf schließen, dass die Textübernahmen kein Versehen waren, sondern bewusst getätigt wurden." Es seien "in erheblichem Ausmaß" fremde Quellen verwendet worden, die nicht oder nicht hinreichend gekennzeichnet worden seien.

Koch-Mehrin hatte 1998 unter dem Titel "Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik" eine 227 Seiten umfassende Dissertation über die Lateinische Münzunion verfasst.

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Kommentare

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Puzzle-Dissertationen

Letztendlich ist das Thema bei zu Guttenberg "prominent" geworden, weil er sich in besonderem Maße politisch exponiert hat.

Hierdurch hat sich Prüfung von veröffentlichten Dissertationen bei politisch ebenfalls direkt (z.B. Koch-Mehrin, Pröfrock) oder indirekt (z.B. Saß) prominenten Personen zu einem populären Sport entwickelt. Auch die Hochschulen scheinen inzwischen endlich sensibilisiert zu sein. Aufgrund der bisherigen Verfahren der Promotionsphase gehe ich davon aus, dass nun alle nicht naturwissenschaftlichen Dissertationen einem sehr hohen Risiko einer erneuten Überprüfung unterliegen werden. Welche Konsequenzen daraus entstehen, wird dabei sicherlich von der Prominenz ggf. anzuweifelnder oder auch ertappter Drs. c+p abhängen.

Wer allerdings heute bereits im wohlverdienten Ruhestand ist, wird ab wohl kein Risiko mehr haben, dass ihm seine Dissertation ggf. als Puzzle nachgewiesen wird. Das ist schade.

Insgesamt aber eine absolut richtige und spannende Entwicklung.

Meist keine eidesstattliche Versicherung erforderlich.

Bei einer Promotion an der juristischen Fakultät der Universität Heidelberg hat der Promovend lediglich eine "schriftliche Erklärung" oder eine "ehrenwörtliche Erklärung" über das selbständige Verfassen der Dissertation abzugeben. Dies entspricht der Rechtslage an den meisten Unis, auch in NRW (vgl. z.B. Münster). Dass eine eidesstattliche Versicherung verlangt wird, ist die absolute Ausnahme (Beispiel hierfür: Uni Köln). Also: Kein Meineid.