50 Jahre amnesty international"Das Amnesty-Konzept war sehr überzeugend"

Vor 50 Jahren war Gerd Ruge Gründungsmitglied von amnesty international. Im Interview spricht er über das Leben in Unrechtsstaaten und die Anfänge der Organisation.

Frage: Herr Ruge, woran denken Sie, wenn Sie das Wort "Freiheit" hören?


Gerd Ruge : An Postkarten.

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Frage : Wie bitte?



Ruge : Der Schriftsteller Boris Pasternak, den ich 1956 als Korrespondent in Moskau kennenlernte, schrieb mir Postkarten, wenn er mit mir in Kontakt treten wollte. Er sagte: "Briefe kontrolliert der KGB, Telefone werden abgehört, Postkarten interessieren niemanden." Pasternaks Freunde hielten das für naiv, aber in einem unfreien System braucht man genau diese Art von Naivität, um nicht verrückt zu werden. Man darf seinen Lebensraum nicht zu sehr verengen.

Frage : Was passiert mit Menschen, wenn sie unfrei leben?



Ruge : Wer lange unter dem Druck einer geschlossenen, kontrollierten Gesellschaft lebt, dem fällt es schwer, etwas offen zu sagen, sich zu erklären. Die Menschen sind kaum ansprechbar, weil sie zu vorsichtig geworden sind.

Frage : Vor 50 Jahren gehörten Sie zu den Gründungsmitgliedern von amnesty international in Deutschland. Hatte das mit Ihren Moskauer Erfahrungen zu tun?



Ruge : Ja, aber auch mit dem, was ich vorher als ganz junger Journalist in Amerika erlebte. Ich war überrascht, wie viel Verfolgung es dort gab, von Schwarzen, von Andersdenkenden. 1961 besuchte ich dann ein Sommerfest in Köln, wo ein schmalgesichtiger Engländer namens Eric Baker von der Gründung einer neuen Organisation erzählte: "Appeal for Amnesty", wie es damals noch hieß.

Frage : Und Sie fingen gleich Feuer?



Ruge : Das Konzept war sehr überzeugend. Jede Amnesty-Gruppe betreute drei Gefangene: einen aus dem kommunistischen Osten, einen aus dem demokratischen Westen und einen aus der Dritten Welt. Dass jemand bedingungslos für die Freiheit auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs eintrat, gab es vorher nicht.

Frage : Anfangs müssen Sie ein ziemlich chaotischer Haufen gewesen sein.



Ruge : Wir wussten nicht einmal, wer die Kasse führen sollte. Am Ende übernahm sie der Schriftsteller Felix Rexhausen – der hatte wenigstens Volkswirtschaft studiert. Wir hatten die verschiedensten Leute an Bord: Wolfgang Leonhard war in der Sowjetunion aufgewachsen, wo man seine Mutter, eine deutsche Kommunistin, ins Lager steckte. Die Journalistin Carola Stern hatte ihre Erfahrungen in der DDR gemacht, andere Gründungsmitglieder waren in der Nazizeit mit Unfreiheit in Berührung gekommen. Ich hatte Freunde, die in Amerika den Kampf um die Bürgerrechte vorantrieben. Felix Rexhausen war einer der ersten bekennenden Schwulen. Er wusste, dass der Paragraf 175 nicht nur unter den Nazis, sondern noch in der Bundesrepublik Leben zerstörte.

Frage : Kämpft man leidenschaftlicher für die Freiheit, wenn man selbst die Erfahrung der Unfreiheit gemacht hat?



Ruge : Schwer zu sagen. Zur Ausbildung gehört das natürlich nicht.

Frage : Waren Sie selbst schon mal nah an der Verhaftung?



Ruge : Damals in Moskau hätte man mich nur rausgeschmissen. Bevor es eng wurde, erhielt ich einen Hinweis. "Das Innenministerium hat Ihr Visum gestrichen", sagte mir ein Mann im sowjetischen Außenministerium. "Wir können es nur um drei Wochen verlängern. Sehen Sie zu, dass Sie draußen sind, bevor es Ärger gibt." Ich bin abgereist, Ärger gab es trotzdem: Es dauerte zwölf Jahre, bis ich wieder ein Visum bekam. Immerhin blieb das gute Gefühl, dass es nicht bloß sture Kader gab.

Frage : An wen denken Sie da noch?



Ruge : An die Etagendame in meinem Hotel. Die sagte manchmal: "Heute sind ja wieder wahnsinnig viele Fliegen da." Dann wusste ich: Unten warten die KGB-Leute, die mich überwachen.

Frage : Wie lebt man mit diesem Gefühl ständiger Überwachung?



Ruge : Mich hat das nicht sehr belastet. 30 Jahre später lernte ich einen ehemaligen KGB-Mann kennen, der sagte: "Sie waren unser schlimmster Fall! Wenn wir Ihre Wohnung durchsuchten, da war eine solche Unordnung, man brauchte Stunden, um etwas zu finden!" Ich konnte darüber lachen.

Frage : Ihr Telefon wurde abgehört. Haben Sie sich Mühe gegeben, besonders undeutlich zu sprechen?



Ruge : Nein. Das hätte auch nichts genützt.

Frage : Wie konnten Sie unter diesen Bedingungen als Journalist arbeiten?



Ruge : Unsere Freiheit war vor allem durch die Zensur begrenzt. In der ersten Zeit in Moskau musste man jeden Artikel bei der Post abgeben. Dann bekam man ihn nach Stunden, manchmal auch erst nach zwei Tagen zurück. Wenn man dann ins große Telegrafenamt an der Twerskaja ging und einen Text nach Deutschland durchtelefonierte, konnte man keinen Satz sagen, der nicht im Manuskript stand, sonst wurde die Leitung abgewürgt.

Leserkommentare
  1. Schönes Interview ;).

  2. Beeindruckend wie Gerd Ruge große Dinge sagt, ohne Geschrei, ohne Effekthascherei erzählt er das Leben. Man sollte mehr von ihm veröffentlichen.
    Denn gerade weil er leise ist, hebt er sich wohltuend von vielen wichtigtuern ab, die nichts zu erzählen haben aber dafür laut schreien.

  3. Respekt vor einem ai-Gründungsmitglied, einem ausgezeichneten Journalisten und tollen Typ. Ich habe Angst, dass solche Charaktere alle älter werden und bald wegsterben. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke. Die Redaktion/wg

  4. Vernachlässigt wurde der Fakt, dass auch Deutschland in Teilen ein Unrechtsstaat ist.

    Auch in Sachen Menschenrechten wurde Deutschland schon mehrfach von der EMRK abgemahnt bzw. wurde Deutschland aufgefordert, zu den Menschenrechtsverletzungen in Deutschland Stellung zu nehmen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wird dies von Amnesty nicht, aber aus den Gründen nicht zum eigenen Land zu arbeiten (bzw. nur sehr eingeschränkt: Thema Polizeigewalt in Deutschland und informell bei Asylarbeit formell geht es um Menschenrechtsverletzungen im Ausland aber man muss sehr wohl die Rechtsnormenhierarchie auch von Deutschland kennen um Asylarbeit zu machen.) von der deutschen Sektion "vernachlässigt". Sehr wohl passiert auch zu Deutschland Amnesty Arbeit ZU Deutschland, nur diese wird von anderen Sektionen (also einem anderen Land) wo Amnesty vertreten/ aktiv ist gemacht.

    Best wishes E.

    wird dies von Amnesty nicht, aber aus den Gründen nicht zum eigenen Land zu arbeiten (bzw. nur sehr eingeschränkt: Thema Polizeigewalt in Deutschland und informell bei Asylarbeit formell geht es um Menschenrechtsverletzungen im Ausland aber man muss sehr wohl die Rechtsnormenhierarchie auch von Deutschland kennen um Asylarbeit zu machen.) von der deutschen Sektion "vernachlässigt". Sehr wohl passiert auch zu Deutschland Amnesty Arbeit ZU Deutschland, nur diese wird von anderen Sektionen (also einem anderen Land) wo Amnesty vertreten/ aktiv ist gemacht.

    Best wishes E.

  5. man interessiere sich für sie und verstehe ein bisschen was von ihrem Leben".

    Genau das ist es was mich an seinen Reportagen so fasziniert: ich habe das Gefühl er interressiert sich dafür und er versteht auch was davon.

    Prima! Mehr davon.
    Das er ai Gründungsmitglied ist wusste ich nicht. Hut ab!

  6. wird dies von Amnesty nicht, aber aus den Gründen nicht zum eigenen Land zu arbeiten (bzw. nur sehr eingeschränkt: Thema Polizeigewalt in Deutschland und informell bei Asylarbeit formell geht es um Menschenrechtsverletzungen im Ausland aber man muss sehr wohl die Rechtsnormenhierarchie auch von Deutschland kennen um Asylarbeit zu machen.) von der deutschen Sektion "vernachlässigt". Sehr wohl passiert auch zu Deutschland Amnesty Arbeit ZU Deutschland, nur diese wird von anderen Sektionen (also einem anderen Land) wo Amnesty vertreten/ aktiv ist gemacht.

    Best wishes E.

    Antwort auf "Unrechtsstaaten"

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