Mandate fürs Parlament SPD will Wahlrechtsreform forcieren
Union und FDP haben bisher kein Gesetz zur Reform des Wahlrechts vorgelegt. Die SPD will weniger Direktmandate und droht mit einer Klage vor dem Verfassungsgericht.
In Bundesratskreisen spottet man schon ein Weilchen, dass die Regierung Merkel II, die schwarz-gelbe Koalition also, möglicherweise die ereignisloseste Wahlperiode in der Geschichte der Bundesrepublik hinzaubern wird. Jedenfalls was die Gesetzgebung angeht. Beim Wahlrecht immerhin werden Union und FDP nicht anders können, hier hat das Bundesverfassungsgericht Einwände erhoben und eine Umsetzungsfrist bis Juni 2011 gesetzt. Es geht um die eher technische Frage des "negativen Stimmgewichts": Weniger Stimmen für eine Partei können unter Umständen zu mehr Sitzen führen (und umgekehrt). Außerdem geht es um die Überhangmandate, die eine Partei immer dann in einem Bundesland bekommt, wenn sie direkt mehr Mandate in den Wahlkreisen gewonnen hat, als ihr in diesem Land nach dem reinen Stimmenverhältnis eigentlich zustehen. Letzteres immerhin kann dazu führen, dass am Ende eine Bundesregierung dank der Überhangmandate an die Machthebel kommt, die eigentlich gar keine echte Stimmenmehrheit hat.
Ein schwarz-gelber Gesetzentwurf liegt aber immer noch nicht vor, die Wahlrechtsdebatte an diesem Donnerstag dreht sich nur um die Gesetzentwürfe von SPD und Linkspartei. Der Entwurf der Grünen war schon im März an der Reihe, ist aber bei den anderen Parteien durchgefallen. Aus der Unionsfraktion heißt es, es bedürfe noch einiger letzter Abstimmungen mit dem Koalitionspartner. Es gehe um feine Details.
Denn natürlich hat die Union schon konkrete Vorstellungen für ein neues Wahlrecht: Kurz gesagt laufen sie darauf hinaus, eher wenig zu ändern. Die Verteilung der Bundestagssitze wird nur noch auf der Landesebene stattfinden, nicht mehr bundesweit, die Landeslisten sind somit nicht mehr verbunden. Sechzehn Wahlgebiete also. Die Überhangmandate sollen bleiben, ohne Ausgleich wie bisher im Bundestag (während in den Landtagen ein solcher Ausgleich stattfindet, um das Stimmenverhältnis auch annähernd im Parlament abzubilden). Unklar ist noch, wie genau die Sitze auf die Parteien verteilt werden – die FDP möchte ein Verfahren, das die kleinen Parteien nicht benachteiligt. Der Unionsplan ist im Kern eine Rückkehr zu einem Wahlrecht, wie es noch 1953 galt.
Thomas Oppermann gefällt das alles gar nicht. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion findet es "unerträglich, wie die Koalition mit dem Auftrag des Bundesverfassungsgerichts umgeht". Sie versuche, die eigene Macht mithilfe von Überhangmandaten zu sichern, sagte er dem Tagesspiegel. In der Tat könnte bei der nächsten Wahl wieder ein hoher Anteil an diesen Mandaten an die Union fallen (derzeit sind es 24) – allerdings auch an die SPD, wenn sie sich bis dahin wieder richtig aufrappelt. "Bei einem knappen Ergebnis bei der nächsten Bundestagswahl bergen Überhangmandate die Gefahr, dass die Parteien mit den meisten Zweitstimmen nicht die Mehrheit der Sitze im Bundestag haben", fürchtet Oppermann und kündigte an, rasch in Karlsruhe zu klagen, sollten Union und FDP einen Alleingang wagen (was sie dürfen, das Wahlrecht kann mit einfacher Mehrheit geändert werden). Die Klage werde so schnell erfolgen, "dass das Verfassungsgericht eine Neuregelung noch vor der nächsten Bundestagswahl anordnen kann". Oppermann mahnte: "Politisches Einvernehmen über Fragen des Wahlrechts ist entscheidend für die Akzeptanz unser Demokratie insgesamt."
Die SPD plädiert vor allem dafür, die Überhangmandate einer Partei mit Sitzen für die anderen Parteien auszugleichen. "Wir wollen, dass das Verhältnis der Sitze im Bundestag wieder dem Verhältnis der abgegebenen Zweitstimmen entspricht", sagte Oppermann. Damit das Parlament dadurch nicht zu sehr aufgebläht wird, soll der Anteil der Direktmandate an der Gesamtsitzzahl des Bundestags verringert werden. Bisher ist das Verhältnis 50 zu 50. Künftig säßen dann mehr Listenkandidaten als direkt gewählte Abgeordnete im Bundestag. Für diesen SPD-Vorschlag müssten allerdings die Wahlkreise vergrößert werden, was zur Wahl 2013 wohl nicht mehr möglich ist.
Ausgleichsmandate schlägt auch die Linkspartei vor, die – wie die SPD – beim einheitlichen Wahlgebiet mit verbundenen Landeslisten bleiben will (die Sitze der einzelnen Parteien werden dann weiterhin quasi von oben her auf die Länder verteilt). Aber die Linke geht noch viel weiter: Wahlrecht ab 16, Wahlrecht für Ausländer, die mindestens fünf Jahre in Deutschland gemeldet sind, aktives Wahlrecht auch für inhaftierte Straftäter, Abschaffung der Fünfprozenthürde. Für eine solch große Wahlrechtsreform zeichnet sich aber keine Mehrheit im Bundestag ab.
- Datum 26.05.2011 - 11:07 Uhr
- Quelle Tagesspiegel
- Kommentare 13
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






"Ein schwarz-gelber Gesetzentwurf liegt aber immer noch nicht vor"
Was soll das werden? 4 Jahre aussitzen und dann in die Wirtschaft flüchten? Jeder Arbeitnehmer wäre bereits entlassen worden, aber unsere Regierung dreht ungestraft Däumchen.
Aber gut, wenn sie etwas tun ist es meist das Falsche, insofern wäre es vielleicht besser abzudanken.
Aha, die SPD findet es also "unerträglich, wie die Koalition mit dem Auftrag des Bundesverfassungsgerichts umgeht"
Ich frage mich, wie sie es finden würde, wenn sie momentan von den Überhangsmandaten profitieren würden. :)
Ich finde es dagegen unerträglich, dass seit Neuestem bei wirklich jeder Sache sofort vor das Bundesverfassungsgericht gezogen wird, nur weil es bei Hartz IV funktioniert hat.
Ok, Gesetze sollten eigentlich nicht so angelegt sein, dass sie gegen die Verfassung verstoßen, aber das "Auf Gut Glück"-Klagen ist schlimm. Man könnte meinen die Politik wird nicht mehr von den Politikern, sondern nur noch vom BVerfG gemacht...
Die Überschrift des Artikels finde ich irgendwie irreführend. Grüne und Linke haben auch Anträge diesbezüglich eingerbacht und die Linke einen viel besseren als die SPD. Diese werden im Artikel garnicht oder nur kurz angerissen. Warum? Warum informiert ihr uns nicht über die gerade geführte Debatte im Bundestag umfassender? Warum erfahre ich so viel über Oppermanns Meinung und nichts über Kortes?
Naja, ihr seid hier der Boss...
nun nicht mehr an der Macht ist Sie natürlich dagegen.
Das alte Wahlrecht wäre wohl das Richtige dann
sollte man auch gleich die alten Schulgesetze
mitübernehmen.
Das Deutsche Bildungsniveau sinkt von Jahr zu Jahr
und immer werden die Schulen dem angepasst,weil es
ja sonst zu viele Sitzenbleiber gäbe...
ist das Thema als es überhaupt erklären zu müssen. So das Credo der ZEIT. Wer sich informieren will, ist hier falsch.
Ich finde man sollte auch die % Hürden ausmisten.
Es kann ja nicht sein, dass 10% oder so der Stimmen einfach verloren sind.
Also entweder muss man diese Hürde ganz aufheben, oder aber wenn es "10% Sonstige" sind müssen halt 10% der Parlamentssitze leer bleiben.
Der Extremfall nämlich wäre erreich wenn, z.B. die CDU 6% bekommt, alle anderen Parteien an der Hürde scheitern, die CDU aber dann 100% der Parlamentssitze besetzt.
So eine ähnliche Situation haben wir jetzt auch, nur nicht so extrem natürlich. Aber man muss davon ausgehen, dass ein Großteil der Nichtwähler EBEN WEGEN dieser Hürde nicht zur Wahl geht.
Um in den Bundestag einzuziehen, braucht man nicht unbedingt min. 5% aller Stimmen. Es geht auch über die Wahlkreise. Wenn es eine Partei schafft, in drei (von 299) Wahlkreisen das Direktmandat zu holen, dann zieht sie in den Bundestag ein - und zwar mit so vielen Sitzen, wie ihr nach den Zweitstimmen zustehen.
Um in den Bundestag einzuziehen, braucht man nicht unbedingt min. 5% aller Stimmen. Es geht auch über die Wahlkreise. Wenn es eine Partei schafft, in drei (von 299) Wahlkreisen das Direktmandat zu holen, dann zieht sie in den Bundestag ein - und zwar mit so vielen Sitzen, wie ihr nach den Zweitstimmen zustehen.
Wenn man sich die jüngsten Proteste in Spanien ansieht, in denen eine der Hauptforderungen ein gerechteres - also proportionaleres, weniger bipolares - Wahlsystem war, kann man über die von der Union geplante Aufsplittung des Bundesgebiets in 16 unabhängige Wahlbezirke nur noch den Kopf schütteln.
Dass Überhangmandate völlig objektiv das Prinzip verletzen, dass jede Stimme überall gleich viel wert sein sollte, ist offensichtlich. Dass die Union am Wahlrecht nun unbeholfen herumschrauben will, um auch weiterhin von dieser unschönen Inkonsistenz profitieren zu können, ist nur noch dreist.
Wenn man in jedem Bundesland nur das dortige Ergebnis betrachten würde, käme es kleineren Bundesländern (Bremen, Saarland, Hamburg, M-VP...) zu Inkonsistenzen, da die Prozentzahlen hier nicht korrekt auf Mandate abgebildet werden können. Da diese "Rundungsfehler" über Landesgrenzen nicht mehr ausgeglichen würden, könnten sie sich verstärken, worunter erwartungsgemäß große Parteien profitieren (siehe Spanien) - und das sogar schon gänzlich ohne Überhangmandate, die für die Union sicher noch dazu kämen.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...
Richtig ärgerlich wird es, wenn man bemerkt, dass der Koalitionsvorentwurf noch nicht einmal die Mindestanforderung des Verfassungsgerichts - Beseitigung des "negativen Stimmgewichts" - erfüllen würde:
http://www.wahlrecht.de/n...
verloren hat und schon in der Vergangenheit grosse Schwierigkeiten hatte, wählbare Kandidaten aufzustellen, möchte natürlich weniger direkt Gewählte. Logisch. Schliesslich lassen sich Parteienproporz, interne Quoten, Netzwerke etc. in Listen viiiiel besser abbilden, als mit diesen eigensinnigen Direktgewählten. Und Listenabgeordnete sind auch sehr viel leichter mundtot zu machen. Doch, die SPD hat viele gute Gründe, Schieflagen durch Überhangmandate dadurch auszugleichen, dass sie den Anteil der Direktkandidaten zurechtschneidet. Steht doch schon im Grundgesetz, dass Abgeordnete ihren Parteien verpflichtet sind, oder hab ich da was falsch verstanden :-).
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren