Ein Jahr nach seinem Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten hat Horst Köhler über die Gründe für diesen Schritt gesprochen. "Ich bin zurückgetreten, um Schaden vom Amt abzuwenden", sagte er der ZEIT. "Die Angriffe auf mich im Zusammenhang mit meinen Äußerungen über sicherheitspolitische Interessen Deutschlands waren ungeheuerlich und durch nichts gerechtfertigt." Es sei die Rede gewesen von "der Befürwortung von Wirtschaftskriegen" und "möglichem Verfassungsbruch“.

Köhler hatte am 31. Mai des vergangenen Jahres seinen Rücktritt bekannt gegeben. Vorausgegangen war ein Interview mit dem Deutschlandfunk, in dem der damalige Bundespräsident so verstanden worden war, dass zu den künftigen Aufgaben der Bundeswehr auch die Sicherung von internationalen Handelswegen mit militärischen Mitteln gehöre. Daraufhin sah sich Köhler heftiger Kritik ausgesetzt. Daraufhin zog er sich "mit sofortiger Wirkung" zurück.

Man habe sich damals fragen müssen, sagte Köhler nun, ob man dem Bundespräsidenten angesichts der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts Schlimmeres vorwerfen könne. "Meine Äußerungen wurden im Vorfeld der Diskussion um die Verlängerung des Afghanistanmandats der Bundeswehr bewusst missverstanden und für parteipolitische – auch innerparteiliche – Ziele instrumentalisiert", sagte er weiter. Mit seinem Rücktritt zog Köhler die Konsequenzen aus der Kritik an seiner Amtsführung: "Es ging mir um Respekt und Wahrhaftigkeit in der politischen Kultur unseres Landes."

Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern.
Horst Köhler

Er habe sich nie in das Amt des Bundespräsidenten gedrängt, sondern in die Pflicht nehmen lassen. "Die Anfrage schmeichelte mir, aber 80 Prozent war Pflichtgefühl", erklärte der ausgebildete Volkswirt, der vor seiner Amtszeit als Direktor des Internationalen Währungsfonds in Washington tätig war. "Ich dachte, ich könnte mit meiner beruflichen Erfahrung auch helfen", sagte Köhler. Er habe aber selbstverständlich das Institutionen- und Machtgefüge der Verfassung gekannt und akzeptiert.

Seit seinem Rücktritt vor einem Jahr führe er wieder ein normales Bürgerleben, sagte Köhler weiter. "Ich bin mit mir im Reinen und genieße manche Dinge, die ich vorher nicht hatte." Neben seiner Honorarprofessur an der Universität Tübingen beschäftige er sich mit der Niederschrift seiner "Lebensgeschichte".

Im Interview mit der ZEIT bemängelte Köhler zudem die europäische Flüchtlingspolitik. "Europa ist in der Gefahr, sich selbst zu verraten", sagte er. Die jetzige Situation zeige, dass "wir vor unseren eigenen Werten versagen und vielleicht auch zu wenig unsere langfristigen Interessen sehen würden". Die Rebellion in Nordafrika sei "die letzte Warnung, dass es uns mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Afrika wirklich ernst sein muss", sagte Köhler.

Nachhaltige Lösung des Flüchtlingsproblems

In den nächsten Tagen reist der frühere Bundespräsident nach Tansania, Uganda, Ruanda und Äthiopien. Schon während seiner Amtszeit hatte sich Köhler für eine engere Zusammenarbeit mit Afrika eingesetzt. Köhler verlangt eine "nachhaltige Lösung des Flüchtlingsproblems". Diese könne nur darin bestehen, "dass die Menschen Arbeit und Einkommen in ihren Heimatländern bekommen". Dennoch hält er Europa für stark genug, in der unmittelbaren Notsituation mehr Flüchtlinge aufzunehmen. "Wir können eindeutig mehr verkraften", sagte Köhler weiter.

Mit Blick auf die Schuldenkrise einiger Mitgliedstaaten der Währungsunion warnte der ehemalige Währungsmanager vor einer beispiellosen europäischen "Zerreißprobe". Es müsse darum gehen "aufzurütteln, damit die Deutschen begreifen, was auf dem Spiel" stehe. Die Euro-Gruppe und das ganze europäische Projekt müssten "wegen gravierender politischer Versäumnisse in der Vergangenheit" nun gewaltige Schwierigkeiten verkraften.

Es gehe nur noch um die "Suche nach der am wenigsten schlechten Lösung", sagte Köhler. Diese werde in jedem Fall politisch und finanziell teuer. "Für Deutschland wird aber alles teurer, wenn Europa auseinanderfällt", ergänzte Köhler. Man könne den Deutschen erklären: "Es ist in unserem Interesse, es dient der Sicherung von Arbeitsplätzen und Wohlstand in unserem Land, dass das europäische Projekt nicht scheitert."

Auf die Frage, ob die Unterstützung für alle von der Schuldenkrise betroffenen Länder gelten solle, also für Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien, sagte Köhler: "Ja, natürlich. Ohne diese Länder wäre Europa nicht Europa. Wir wären töricht, das gering zu schätzen."