ZEIT ONLINE: Frau Ypsilanti, haben Sie sich über die Wahlsiege der SPD in Hamburg und Bremen eigentlich gefreut?

Andrea Ypsilanti: Natürlich. Wieso?

ZEIT ONLINE: Die Spitzenkandidaten Scholz und Böhrnsen haben im Wahlkampf öfters ihre Wirtschaftskompetenz als die soziale Gerechtigkeit thematisiert. Seither hat sich in Ihrer Partei die Lehre durchgesetzt, dass Wahlen in der Mitte gewonnen werden. Dass muss sie als prominente SPD-Linke doch ärgern?

Ypsilanti: Nein, für Hamburg war entscheidend, dass CDU und Grüne abgewirtschaftet hatten. Und Olaf Scholz war der richtige Mann zur richtigen Zeit. Ich glaube aber nicht, dass wir auf dieser Grundlage alle Wahlen gewinnen können.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Ypsilanti: Vom Staat wird zwar viel erwartet, aber es wird ihm auch wenig zugetraut. Wenn man da nachforscht, woran es liegt, dann stößt man immer wieder auf ein Thema: Die Gerechtigkeitsfrage ist nicht gelöst.

ZEIT ONLINE: Welche Gerechtigkeitsfrage?

Ypsilanti: Mehrere: Die Verteilungsgerechtigkeit – die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander. Die Geschlechterfrage ist nicht gelöst. Die ungleichen Zugänge zum Arbeitsmarkt oder die kaum vorhandene Bildungsgerechtigkeit – all das treibt die Menschen um.

ZEIT ONLINE: Müsste sich linke Politik dieser Themen stärker annehmen?

Ypsilanti: Natürlich. Ein linkes Projekt muss mehr tun, als die Parteien in diesem Spektrum momentan machen. In ihrer Alltagsarbeit und ihrer Programmatik geht es sehr häufig nur um Stellschrauben- und Instrumentendebatten.

ZEIT ONLINE: Auch Sigmar Gabriel wirbt für eine solidarische Gesellschaft, für Aufstieg und Bildung. Was wollen Sie mehr?

Ypsilanti: Ich skizziere das am Beispiel unseres geteilten Arbeitsmarkts. Die einen haben eine Vollzeiterwerbsstelle, verdichtete und entgrenzte Arbeitsverhältnisse. Die anderen arbeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen oder haben gar keine Arbeit. Wenn die SPD in ihrem Grundsatzprogramm über Arbeit redet, dann ist sie in der Tat in der Lage zu sagen, Arbeit ist mehr als Lohnarbeit. Wenn's aber an die konkrete Frage geht, wie gestalten wir die Zukunft der Arbeit, dann spielen Formen wie Ehrenamtsarbeit, Familien-  oder Pflegearbeit eine völlig untergeordnete  Rolle. Wenn wir in Zukunft über Arbeit reden, müssen wir über solidarische Arbeitsverhältnisse, über eine andere Arbeitsteilung reden. Die SPD muss sich fragen, wie wollen wir wirtschaften, welches Wachstum wollen wir, und das in den Bezug zu Arbeit setzen. 

ZEIT ONLINE: Langjährige Forderungen der linken Parteien sind inzwischen Mainstream, teilweise sogar bei Schwarz-Gelb. Man denke nur an den Atomausstieg .

Ypsilanti: Ich sehe das anders. Die spannende Frage ist doch: Was kommt danach? Nur mehr erneuerbare Energien zu fordern, reicht nicht. Entscheidend ist: Wie wollen wir diese produzieren? Wollen wir die Oligopole weiter an der Macht halten, die uns hinterher die Preise diktieren? Dahin geht der Weg von Schwarz-Gelb.  

ZEIT ONLINE: Kommen wegen der Energiefrage derzeit soziale Fragen zu kurz?

Ypsilanti:  Die Energiefrage ist selbst eine soziale Frage. Wenn die Kommunen und Regionen ihre eigene Energie produzieren, können sie auch mit der Wertschöpfung zugunsten der Bürgerinnen und Bürger arbeiten. Wenn die Netze in öffentlicher Kontrolle sind, kann Einfluss auf Strompreise genommen werden, weil keine hohen Renditen erzielt werden müssen. Und wenn durch den Umstieg auf erneuerbare Energie der Klimakatastrophe entgegengewirkt wird, dann ist alles das eine soziale Frage. Diese Zusammenhänge müssen wieder begriffen werden.