Der stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Dietmar Bartsch, hält die Kritik an antisemitischen Tendenzen in der Linkspartei für berechtigt. Der Zentralrat der Juden habe der Linken "etwas ins Stammbuch geschrieben, das wir sehr, sehr ernst nehmen sollten", sagte Bartsch der Mitteldeutschen Zeitung. Bartsch habe die Kritiker in seiner Fraktion aufgefordert, die in der vorigen Woche verabschiedete Antisemitismus-Resolution zu akzeptieren. "Ich finde es vernünftig und richtig, dass die Fraktion so entschieden hat", sagte er.

In der Resolution heißt es: "Rechtsextremismus und Antisemitismus haben in unserer Partei heute und niemals einen Platz. Wir werden uns weder an Initiativen zum Nahost-Konflikt, die eine Ein-Staaten-Lösung für Palästina und Israel fordern, noch an Boykottaufrufen gegen israelische Produkte noch an der diesjährigen Fahrt einer 'Gaza-Flottille' beteiligen." Die Resolution war zwar einstimmig verabschiedet worden, allerdings hatten zuvor zehn Fraktionsmitglieder den Saal verlassen. Mehrere Abgeordnete gingen später auf Distanz zu der Erklärung.

Anlass für den Streit in der Linkspartei sind Äußerungen von Dieter Graumann, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden. Er hatte Teilen der Linkspartei Antisemitismus und "blindwütigen Israel-Hass" vorgeworfen. "Der alte anti-zionistische Geist der DDR spukt noch in der Partei", schrieb er in einem Zeitungsbeitrag der Süddeutschen Zeitung.

Graumann erwähnt in seinem Artikel mehrere Vorfälle, die in den vergangenen eineinhalb Jahren für Aufsehen in der Linkspartei sorgten. So blieben im Januar 2010 am Holocaust-Gedenktag einige Vertreter der Linksfraktion bei der Begrüßung des israelischen Präsidenten Schimon Peres im Bundestag demonstrativ sitzen. Der Duisburger Kreisverband der Partei rief im Frühjahr 2011 im Internet zum Boykott israelischer Waren auf. Und eine Bundestagsabgeordnete trug öffentlich einen Schal mit einer Landkarte des Nahen Ostens ohne Israel.

Linksparteichef Klaus Ernst hatte Graumann daraufhin Diffamierung vorgeworfen und ihn aufgefordert, "die Niederungen der Parteipolitik schnell wieder zu verlassen". Auch der Landesvorsitzende der Linken in Sachsen-Anhalt, Matthias Höhn, wies die Kritik des Zentralrats zurück. "Wir haben in der Partei zum Teil unterschiedliche Positionen zum Nahost-Konflikt. Aber pathologische Israel-Hasser haben wir nicht", sagte er der Mitteldeutschen Zeitung. "Eine Grenze ist das Existenzrecht Israels. Ich kenne niemanden, der das in Abrede stellt. Solange das so ist, ist das gut."

Die Antisemitismus-Debatte war vor vier Wochen durch einen 16-seitigen Aufsatz zweier Wissenschaftler aus Gießen und Leipzig mit der Überschrift "Antisemiten als Koalitionspartner?" ausgelöst worden. Darin ist von einer Zunahme antisemitischer und anti-israelischer Tendenzen in der Linken die Rede. Der "antizionistische Antisemitismus" sei in der Linken inzwischen zu einer "weitgehend konsensfähigen Position" geworden, heißt es in dem Aufsatz, den die Frankfurter Rundschau zum Download anbietet.