In der jüngsten Debatte um Antisemitismus in der Linkspartei ist von Anfang an der Wurm drin. Den Auslöser, die Analyse "Antisemiten als Koalitionspartner?“ von Samuel Salzborn und Sebastian Voigt, bezeichnet der Soziologe Peter Ullrich in der taz als "politische Kampfschrift, die grundlegenden wissenschaftlichen Anforderungen nicht genügt".

Akademisch zurückhaltend klingt es in der Tat nicht, wenn der Politologe Salzborn und der Historiker Voigt die Linke Sahra Wagenknecht als "scheinheilig" bezeichnen und vom "Gejohle" des Publikums schreiben. Auch führen sie zwar die Arbeitsdefinition der EU-Grundrechteagentur zum Antisemitismus ein, derzufolge antisemitische Argumentationsmuster gegen Israel unter anderem dann vorliegen, wenn dem jüdischen Volk das Selbstbestimmungsrecht abgesprochen wird. Sie gehen aber wenig sorgfältig damit um. So lasse sich die Forderung nach einem palästinensischen Staat, der Freilassung aller politischen Gefangenen und der Öffnung des Gazastreifens nur als "Infragestellung des israelischen Selbstverteidigungsrechtes" interpretieren – eine gewagte Argumentation, die auch eine ganze Reihe internationaler Politiker zu Antisemiten stempelt.

Aber auch Ullrich tut seiner Kritik keinen Gefallen, wenn er Salzborn und Voigt vorwirft: "Ein eindeutig antisemitischer Text, der unter dubiosen Umständen auf einer Webseite der Duisburger Linken gefunden wurde, ein Schal, der eine Nahostkarte ohne Israel zeigte, sowie der Ruf nach einem Israel-Boykott, der von Linken-Politikern unterstützt wurde – all diese Vorfälle verallgemeinern die Autoren auf mehr als fahrlässige Weise." Keiner der genannten Vorfälle taucht bei Salzborn und Voigt auf. Erst die Frankfurter Rundschau, die als erste über die Analyse berichtete, führte sie an.

Antijüdische Ressentiments im linken Spektrum sind nichts Neues. Taz-Redakteur Philipp Gessler berichtete 2004 in "Der neue Antisemitismus" unter anderem von Auseinandersetzungen bei Attac, die mit den jetzt bei der Linken geführten deutliche Parallelen aufweisen. Neben der Kritik an Israel spielt dabei auch eine latente Identifikation des "(Finanz-)Kapitalisten" als Jude mit, wie sie sich schon bei Karl Marx findet.

Dass der Antisemitismus die politische Linke immer wieder einholt, liegt auch an deren mangelnder Auseinandersetzung damit. Die andere Seite des politischen Spektrums bekam sie aufgezwungen durch Affären wie um die "Tätervolk"-Äußerungen des damaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann oder um den ehemaligen FDP-Bundesvize Jürgen W. Möllemann, der das angeblich "überhebliche" Auftreten mancher Juden für Antisemitismus mitverantwortlich machte.

Derweil definierte die politische Linke den Antisemitismus in ihren Reihen einfach weg. Die DDR erklärte sich zum antifaschistischen Staat und ersparte sich so die Auseinandersetzung mit der Komplizenschaft vieler Deutscher zum NS-Regime. Der Antisemitismus wurde zum "Nebenwiderspruch" im großen marxistisch-leninistischen Geschichtsentwurf bagatellisiert.

Im Westen hegten viele Linke oft kritiklose Sympathie für die Palästinenser und die panarabische Bewegung als antikolonialistische Emanzipationsbewegung. Viele der arabischen Protagonisten verstanden und verstehen sich ja als islamische Sozialisten, etwa die Baath-Parteien im Irak und in Syrien oder Libyens "Revolutionsführer" Muammar al-Gadhafi.

Der "Pali-Feudel", die schwarzweiße Kafiya nach dem Vorbild des PLO-Chefs Yassir Arafat, war auf linken Demonstrationen lange omnipräsent. Dass der palästinensische Nationalist Mohammed Amin al-Husseini, der vom NS-Regime und vom faschistischen Italien unterstützt wurde, diese Kopfbedeckung in den 30er Jahren mit brutalen Methoden als Nationalsymbol durchgesetzt hatte, wusste kaum einer, der sie sich zu Ostermärschen der Friedensbewegung umschlang.