Verkohlte Fetzen hängen dort, wo einmal die Fassade des zweigeschossigen Hauses war. In der Nacht zum Montag zerstörte das vermutlich von Rechtsextremisten gelegte Feuer Außenwand und Fenster des Berliner Jugendzentrums " Anton-Schmaus-Haus ". Das Löschwasser der Feuerwehr durchnässte die Räume und legte die Bürotechnik lahm. Jetzt ist der Treffpunkt der Falken, eines sozialistischen Jugendbundes im Stadtteil Britz, vorerst unbenutzbar.

Auch am frühen Mittwochmorgen ging die Gewaltserie weiter. Diesmal traf es das Parteibüro der Linken im Stadtteil Neukölln . Unbekannte schleuderten Flaschen mit flüssigem Teer auf Fassade und Fensterjalousien des Gründerzeithauses . Die Polizei sucht den oder die Täter laut Geschäftsstellenleiterin Sylvia Stelz im rechten Milieu.

Berlin erlebt gerade einen bisher beispiellosen Konflikt zwischen Links- und Rechtsextremisten. Die Feuer sind nach Einschätzung von Innensenat und Verfassungsschutz Racheakte. Denn vor anderthalb Wochen überfielen linke Aktivisten NPD-Landeschef Uwe Meenen - am helllichten Tag. Sie traten den Mann mit dem scharf gezogenen Seitenscheitel noch mit Füßen, als er schon am Boden lag, und besprühten ihn mit Reizgas. Tage später zerrten Gewalttäter nachts den NPD-Bezirksabgeordneten Jan Sturm von seinem Mountainbike und prügelten mit Stöcken und Flaschen auf ihn ein.

Seitdem lodern Feuer vor linken Treffs, alternativen Wohnprojekten und Cafés: Unbekannte setzten Autos in Brand, am Montag zündeten sie Papier so an, dass die Flammen Löcher in Haustüren brannten. Stunden später wieder ein Akt vermutlicher Vergeltung: Offenbar Linke pöbelten an einem Wahl-Infostand den Kreisvorsitzenden der ultrarechten Partei Pro Deutschland an und schleuderten Eimer mit Lackfarbe auf ihn.

Berlins Innensenator Ehrhart Körting äußert sich besorgt: Das, was Links- und Rechtsextremisten sich gegenseitig antäten, habe "eine neue Qualität", sagt der SPD-Politiker. Als einen Hintergrund vermutet er die nahende Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im September: Zu Wahlkampfzeiten habe es immer Fälle von Sachbeschädigung gegeben, sagt Körting. Aber an vermehrte Fälle von Körperverletzung kann er sich nicht erinnern.

Verantwortliche in Berlin beunruhigt, dass die Täter durch ihr Handeln den Tod anderer in Kauf nehmen. Zwar kam durch den Brand am Haus der Falken niemand zu Schaden. Doch in der Nacht zuvor sollen noch Kinder dort übernachtet haben.

Wann die extremistischen Attacken wieder nachlassen, ist offen. "Wir wissen aus langfristigen Betrachtungen, dass so etwas zyklisch verläuft", sagt der Berliner Protestforscher Dieter Rucht. Es sei deshalb nicht sicher, ob der Konflikt noch weiter eskaliere.

Der Soziologe am Wissenschaftszentrum Berlin hat die jüngste Entwicklung sogar schon erwartet. "Das war fast überfällig." Die konkurrierenden Gruppen verschafften sich durch die regelmäßige Reibung am politischen Gegner Selbstgewissheit. "Ich habe mich gewundert, dass sich in der Vergangenheit die Konflikte zwischen Links und Rechts nicht weiter zugespitzt haben", sagt er.

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Feindbilder aus Sicht des Experten verlagert. Kämpften die Linken der sechziger, siebziger Jahre noch gegen das "Schweinesystem" des Staates, sei jetzt der Gegner am anderen Ende des politischen Spektrums im Visier. Auch das Feindbild der Rechten habe sich von 'denen da oben' auf die Linken verlagert, sagt Rucht.

Um weitere Opfer und Schäden zu vermeiden, will Senator Körting die Berliner Polizei nun gezielter einsetzen. Er kündigte an, möglicherweise auch NPD-Veranstaltungen durch Sicherheitsbeamte schützen zu lassen. "Die Verfassungslage ist da relativ klar", sagte er. Solange eine Partei wie die NPD zugelassen sei, genießt sie den Schutz des Grundgesetzes.