Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich auf dem Evangelischen Kirchentag entschieden gegen die Diskriminierung von Christen in aller Welt gewandt. Es sei nicht akzeptabel, dass Menschen wegen ihres Glaubens benachteiligt und verfolgt würden, sagte sie auf einem Forum zum Thema "Braucht die Welt eine neue Weltordnung?".

Vor knapp 5.000 Zuhörern forderte Merkel eine Dialogbereitschaft der Religionen: "Da reichen wir als Christen die Hand allen anderen Religionen zu einem Dialog. Aber wir erwarten auch, dass das, was bei uns zu Hause selbstverständlich ist, auch für alle anderen Christen in allen Ländern dieser Welt gilt."

Vor dem Hintergrund der Flüchtlingswelle aus Nordafrika verteidigte Merkel die Abschiebungen von tunesischen Flüchtlingen. Deutschland nehme selbstverständlich aus humanitären Gründen Menschen auf, die politisch verfolgt würden. Genauso müsse die EU Flüchtlinge aus Krisenländern wie Syrien oder Libyen aufnehmen.

Die Lage der tunesischen Migranten bewerte Merkel anders: "Tunesien hat sich gerade aus seiner Diktatur befreit. Die Menschen, die jetzt kommen, kommen nicht, weil sie verfolgt werden, sondern weil sie bessere wirtschaftliche Perspektiven sehen." In Staaten, in denen freiheitliche Verhältnisse herrschten, müsse vor Ort geholfen werden, um den Menschen in ihrem Heimatland Perspektiven zu eröffnen. "Aber es wäre meines Erachtens das falsche Signal zu sagen: Ihr könnt alle nach Europa kommen." 

Merkel verteidigte auch die Politik, Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückzuschicken, wenn sich dort die politische Lage normalisiert habe und sie keine Verfolgung mehr zu fürchten hätten. Man müsse zwischen dem Wunsch der Aufnahme und dem Anspruch, eine erfolgreiche Integrationspolitik betreiben zu können, abwägen.

Merkel kritisierte in diesem Zusammenhang indirekt die EU-Partner, die die Schengen-Regeln ändern wollen. Deutschland habe im vergangenen Jahr 50.000 Asylbewerber aufgenommen, Italien 6.000. "Wir haben unsere Aufgabe erfüllt. Und das muss bei allen EU-Ländern so sein." Italien hatte einem Teil der tunesischen Flüchtlinge auf der Insel Lampedusa Visa für die anderen EU-Staaten ausgestellt, was von den EU-Partnern kritisiert wurde.

Zudem sprach sich Merkel in ihrer Rede für eine Reform des UN-Sicherheitsrates aus. Diese sei überfällig. "Der UN-Sicherheitsrat reflektiert die Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg, aber nicht mehr die heutige Ordnung nach dem Ende des Kalten Krieges", sagte die Kanzlerin. Es müssten mehr Mitglieder aufgenommen werden ohne die Veto-Rechte der ständigen Mitglieder zu beschneiden. Merkel ging nicht auf den deutschen Wunsch ein, ständiges Mitglied in dem bedeutenden UN-Gremium zu werden. Momentan ist die Bundesrepublik im Sicherheitsrat als nichtständiges Mitglied vertreten.

Zu dem fünftägigen größten Treffen protestantischer Laien sind fast 120.000 Dauerteilnehmer gekommen, um gemeinsam zu beten, über gesellschaftliche Fragen zu diskutieren und zu feiern.