Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Guido Westerwelle (Archivbild) © Sean Gallup/Getty Images

Es geht längst nicht mehr nur um Griechenland. Die europäischen Regierungschefs stecken mitten in einer Systemdebatte, infrage steht die Richtung des gesamten europäischen Projekts . Entweder die EU-Staaten treiben die Vertiefung Europas jetzt voran, um weitere Schuldenkrisen zu verhindern – dazu gehört mindestens ein Mechanismus, der die Neuverschuldung der Staaten wirksam begrenzt, vielleicht sogar der Einstieg in eine Transferunion . Oder die Politik gesteht ein, dass die EU nicht mehr steuerbar ist. Das wäre ihr Ende. 

Die deutsche Politik wirkt in dieser Ausnahmesituation wie aus der Zeit gefallen. In den vierzehn Monaten seit Beginn der Krise hat sich lediglich ein mürrischer Konsens darüber herausgeschält, dass die Deutschen nur nicht zuviel zahlen sollten. Angela Merkel, die den Konflikt mit ihren eigenen Leuten scheut, hat mit überheblichem Auftreten und innenpolitisch motivierten Vorstößen zudem europäische Regierungen und Anleger gleichermaßen verunsichert. Deutschland fällt auch deswegen als Makler und als Führungsmacht praktisch aus. 

Abseits der Kanzlerin aktivieren Euro-Skeptiker wie der FDP-Rebell Schäffler oder Hans-Werner Sinn Vorurteile vom faulen Südeuropäer. Sicher, man muss darüber diskutieren, ob immer neue Rettungspakete etwas bewirken. Auch, ob die Staaten die Maastricht-Kriterien verletzen, indem sie – anders als zur Euro-Einführung beschlossen – in Haftung für andere gehen. Doch mit dem bisherigen Kleingeist kommt man in der Debatte nicht weiter.

Niemand kämpft für die europäische Idee

Nirgends, auch nicht in der Opposition, sind mehr beherzte Worte für die Idee des geeinten Europa zu hören, erst recht nicht Ideen zur Zukunft der EU. Selbst von den Grünen, der Partei mit den europafreundlichsten Wählern, kommt kaum etwas. Alles erstickt in technokratischem Gerede. Nur die alten Europapolitiker Waigel , Kinkel , Schmidt , Fischer werfen besorgt ein, man möge die Fortexistenz Europas doch bitte auch als nationales Interesse betrachten. Welch eine triste Debatte. 

Gern werden die Ängste der Bürger als Begründung für diese politische Ideenlosigkeit genannt. Doch dieser Zusammenhang funktioniert auch umgekehrt . Solange kein Politiker in der Lage ist, eine positive Vorstellung von Europa zu formulieren; eine Vision, wie der Kontinent in zehn Jahren aussehen könnte, wird auch die öffentliche Meinung feindselig bleiben. Gegen die Deutung Brüssels als bürokratisch-diktatorisches Monstrum kann man auch als Politiker vorgehen.

Es geht nicht ohne Europa

Man wünscht sich, diese Politikergeneration möge bald Platz machen. Für die Nachfolger Merkels, Westerwelles, Sarkozys und Berlusconis wird die nationale Option nicht mehr bestehen. Sie werden damit umgehen müssen, dass Europa bald nur noch einen Bruchteil der Weltbevölkerung ausmacht. Dass sich Klimawandel und Weltwirtschaft nur supranational steuern lassen. Dass sich die kleinen Staaten dieses Kontinents – auch Deutschland! – kaum allein gegen die Interessen Chinas oder der USA werden durchsetzen können.

Unabhängig von der schwierigen Frage, wie sie gestaltet wird – eine funktionierende EU ist die einzige Möglichkeit, den Europäern Handlungsmacht zu sichern – und nicht Rating-Agenturen, multinationalen Konzernen oder fremden Regierungen. Es wird wohl die nächste Generation sein, die den Europäern klarmachen muss, dass sie sich stärker von Brüssel aus regieren lassen müssen – dafür ihr Personal dort aber auch wählen dürfen. Umfragen stimmen zuversichtlich : Die Jungen haben die Rolle Europas vielleicht besser begriffen als alle anderen.

Noch aber schweigen sie. Vielleicht weil diese Generation Europa als biografische Selbstverständlichkeit kennt; weil sich niemand vorstellen kann, dass Europa tatsächlich scheitern könnte. In diesem Fall wird es nicht mehr lange dauern, bis sich die Jungen empören. Solidarität, die Überwindung nationaler Egoismen, das Teilen der Fähigkeiten und Erkenntnisse – es wird immer sichtbarer, dass Europas Politiker diese Versprechen brechen.