ZEIT ONLINE: Frau Lieberknecht, fühlen Sie sich als Thüringerin, als Ostdeutsche oder als Deutsche?

Christine Lieberknecht: Ich bin Deutsche, ich bin Thüringerin, ich bin Europäerin. Ich will da aber keine Rangfolge aufmachen. Alles gehört zu meiner Identität. Die Selbstdefinition ostdeutsch ist übrigens eine Erscheinung der Nachwendezeit.

ZEIT ONLINE: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Lieberknecht: Jüngere Menschen kennen den Alltag in der DDR nur aus Erzählungen. Da spielt das, was als positiv erlebt wurde, oft eine größere Rolle als all das Negative. Ich würde es nicht Verklärung nennen. Zumindest bei den jungen Menschen schwindet einfach die Vorstellungskraft davon, was es heißt, in einer Diktatur zu leben – mit Unfreiheit, Unterdrückung und Mangelwirtschaft.

ZEIT ONLINE: Es wird nicht nur die DDR immer positiver bewertet , zugleich verliert in Umfragen in Ostdeutschland die soziale Marktwirtschaft an Ansehen...

Lieberknecht: In manchen Köpfen wirken Reste der Ökonomieausbildung in der DDR nach. Kapitalismus und Monopolisierung wurden als unmenschlich dargestellt. Viele Ostdeutsche meinen, die Marktwirtschaft habe die Finanzkrise erst ermöglicht.

ZEIT ONLINE: Was kann die Politik gegen diese einseitigen Sichtweisen tun?

Lieberknecht: Zeitzeugen sind gefragt. Wir müssen erklären, den Blick auf die Marktwirtschaft objektivieren. Das ist auch Aufgabe der Schulen. Dafür tun die Landeszentrale für politische Bildung und unsere Lehrplan-Institute schon viel. Demnach gelingt dies noch nicht ausreichend gut.

ZEIT ONLINE: Auch in der Arbeitslosenstatistik ist das Land noch immer gespalten: Mit Ausnahme von Bremen und Berlin liegt der Osten in der Quote deutlich über dem Westen.

Lieberknecht: Das wird sich bald, wie viele andere Rankings, angleichen. Gerade Thüringen ist durch seine breit und branchenreich aufgestellte Wirtschaft in der Lage, den Anschluss an den Westen noch in diesem Jahr zu schaffen.

ZEIT ONLINE: Wahlkämpfe in ostdeutschen Ländern verlaufen meist flau, die Parteien scheuen die programmatische Auseinandersetzung. Muss man als Politiker hier einen besonderen Stil entwickeln?

Lieberknecht: Die Menschen in der DDR entwickelten eher einen nüchternen Realismus. Das wirkt bis heute nach. Der politische Diskurs ohne wirkliche Substanz ist ihnen fremd. Die Menschen hier schätzten solides Handwerk; Werbung und Konkurrenzdenken dagegen machen sie misstrauisch. Sie schauen auf die Substanz und reagieren.