Christine Lieberknecht"Ostdeutsche denken und handeln pragmatisch"

Was unterscheidet Ost- und Westdeutsche? Thüringens Landeschefin Lieberknecht sagt im Interview mit ZEIT ONLINE: Ostdeutsche lehnen politischen Streit als Selbstzweck ab.

ZEIT ONLINE: Frau Lieberknecht, fühlen Sie sich als Thüringerin, als Ostdeutsche oder als Deutsche?

Christine Lieberknecht: Ich bin Deutsche, ich bin Thüringerin, ich bin Europäerin. Ich will da aber keine Rangfolge aufmachen. Alles gehört zu meiner Identität. Die Selbstdefinition ostdeutsch ist übrigens eine Erscheinung der Nachwendezeit.

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ZEIT ONLINE: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Christine Lieberknecht
Christine Lieberknecht

Die 1958 geborene Pfarrerstochter Christine Lieberknecht studierte Theologie und war Pastorin im Kirchenkreis Weimar. Seit 1981 in der CDU, zog sie 1991 in den Thüringischen Landtag ein und war einige Jahre auch Parlamentspräsidentin. Als Kultusministerin verantwortete sie den Umbau des Schulsystems im Lande. Seit 2009 führt sie die Landesregierung und ist damit die einzige CDU-Ministerpräsidentin überhaupt.

Lieberknecht: Jüngere Menschen kennen den Alltag in der DDR nur aus Erzählungen. Da spielt das, was als positiv erlebt wurde, oft eine größere Rolle als all das Negative. Ich würde es nicht Verklärung nennen. Zumindest bei den jungen Menschen schwindet einfach die Vorstellungskraft davon, was es heißt, in einer Diktatur zu leben – mit Unfreiheit, Unterdrückung und Mangelwirtschaft.

ZEIT ONLINE: Es wird nicht nur die DDR immer positiver bewertet , zugleich verliert in Umfragen in Ostdeutschland die soziale Marktwirtschaft an Ansehen...

Lieberknecht: In manchen Köpfen wirken Reste der Ökonomieausbildung in der DDR nach. Kapitalismus und Monopolisierung wurden als unmenschlich dargestellt. Viele Ostdeutsche meinen, die Marktwirtschaft habe die Finanzkrise erst ermöglicht.

ZEIT ONLINE: Was kann die Politik gegen diese einseitigen Sichtweisen tun?

Lieberknecht: Zeitzeugen sind gefragt. Wir müssen erklären, den Blick auf die Marktwirtschaft objektivieren. Das ist auch Aufgabe der Schulen. Dafür tun die Landeszentrale für politische Bildung und unsere Lehrplan-Institute schon viel. Demnach gelingt dies noch nicht ausreichend gut.

ZEIT ONLINE: Auch in der Arbeitslosenstatistik ist das Land noch immer gespalten: Mit Ausnahme von Bremen und Berlin liegt der Osten in der Quote deutlich über dem Westen.

Lieberknecht: Das wird sich bald, wie viele andere Rankings, angleichen. Gerade Thüringen ist durch seine breit und branchenreich aufgestellte Wirtschaft in der Lage, den Anschluss an den Westen noch in diesem Jahr zu schaffen.

ZEIT ONLINE: Wahlkämpfe in ostdeutschen Ländern verlaufen meist flau, die Parteien scheuen die programmatische Auseinandersetzung. Muss man als Politiker hier einen besonderen Stil entwickeln?

Lieberknecht: Die Menschen in der DDR entwickelten eher einen nüchternen Realismus. Das wirkt bis heute nach. Der politische Diskurs ohne wirkliche Substanz ist ihnen fremd. Die Menschen hier schätzten solides Handwerk; Werbung und Konkurrenzdenken dagegen machen sie misstrauisch. Sie schauen auf die Substanz und reagieren.

Leserkommentare
    • Chali
    • 07.07.2011 um 10:05 Uhr

    ... Viele Ostdeutsche meinen, die Marktwirtschaft habe die Finanzkrise erst ermöglicht."

    ZEIT ONLINE: Was kann die Politik gegen diese einseitigen Sichtweisen tun?

    20 Leserempfehlungen
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    Liegt wahrscheinlich dran, dass ich Ossi bin...

    Davon mal abgesehen, die Kernaussage gefällt mir. Wir Ostdeutschen sind pragmatischer. Zumindest kommt mir das auch oft so vor. Ob es dazu Studien gibt, die gibt es doch zu allem mögliche ;)

    "Viele Ostdeutsche meinen, die Marktwirtschaft habe die Finanzkrise erst ermöglicht"

    Ja, und das hat unsere Ossi-Kanzlerin schon bemerkt und ist kräftigst dabei, die Planwirtschaft wieder durchzusetzen, siehe Energiewende. Da gibt es keinen Markt mehr, nur noch Durchsetzen von Beschlüssen der Staatlichen Plankommission und des ZK. Ach nein, die heißen jetzt ja anders...

    Welche Krise uns damit erwartet, das werden wir alsbald erleben.

    "Viele Ostdeutsche meinen, die Marktwirtschaft habe die Finanzkrise erst ermöglicht."

    Haha! Ich habe diesen Satz auch sofort gesehen. :-D

    Vielleicht geht eher die Verklärung der DDR in den Köpfen vieler aktueller Politiker zu weit.

    Liegt wahrscheinlich dran, dass ich Ossi bin...

    Davon mal abgesehen, die Kernaussage gefällt mir. Wir Ostdeutschen sind pragmatischer. Zumindest kommt mir das auch oft so vor. Ob es dazu Studien gibt, die gibt es doch zu allem mögliche ;)

    "Viele Ostdeutsche meinen, die Marktwirtschaft habe die Finanzkrise erst ermöglicht"

    Ja, und das hat unsere Ossi-Kanzlerin schon bemerkt und ist kräftigst dabei, die Planwirtschaft wieder durchzusetzen, siehe Energiewende. Da gibt es keinen Markt mehr, nur noch Durchsetzen von Beschlüssen der Staatlichen Plankommission und des ZK. Ach nein, die heißen jetzt ja anders...

    Welche Krise uns damit erwartet, das werden wir alsbald erleben.

    "Viele Ostdeutsche meinen, die Marktwirtschaft habe die Finanzkrise erst ermöglicht."

    Haha! Ich habe diesen Satz auch sofort gesehen. :-D

    Vielleicht geht eher die Verklärung der DDR in den Köpfen vieler aktueller Politiker zu weit.

  1. Liegt wahrscheinlich dran, dass ich Ossi bin...

    Davon mal abgesehen, die Kernaussage gefällt mir. Wir Ostdeutschen sind pragmatischer. Zumindest kommt mir das auch oft so vor. Ob es dazu Studien gibt, die gibt es doch zu allem mögliche ;)

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "LoL: You made my day!"
    • Chali
    • 07.07.2011 um 10:11 Uhr

    Ach - heute nennt man das so?

    "Wir müssen erklären, den Blick auf die Marktwirtschaft objektivieren. Das ist auch Aufgabe der Schulen."

    Schön, dass die Schule mit dieser schweren Aufgabe nicht alein gelassen wird!

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  2. Diese Verallgemeinerungen sind schwer zu ertragen. Schreibt man sie fort, könnte man auch behaupten Ostdeutsche seien nur auf Subventionen aus, wobei sich Frau Lieberknecht mit ihrer Forderung nach Zahlungen für national dringend benötigte Hochspannungsleitungen besonders hervortut. Aber natürlich ist das genauso ein Unsinn als wenn man von den "Ostdeutschen" oder den "Westdeutschen" spricht. Beides sind Klischees, die es so nicht gibt-abgesehen davon, dass sich das Völkchen mittlerweile gut durchmischt hat.

    5 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 07.07.2011 um 10:20 Uhr

    Sehr gut. Das sollte Sie mal ihrer Kollegin an der Spitze vermitteln. Auf die Sache kommt es an. Nicht in erster Linie auf auf Wählerstimmen und Umfrageergebnisse. Aber auch nicht nur auf den guten Willen. Das sollte sie z. B. Sachsen Anhalt, Bremen oder sogar NRW mal vermitteln.

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  3. "ZEIT ONLINE: Unterschiede im Einkommen gibt es vor allem im Ost-West-Vergleich. Ist die nach Regionen unterschiedliche Bezahlung noch zeitgemäß?"
    "Lieberknecht: Absolut nicht. Es ist in hohem Maße ärgerlich, dass die Tarifpartner in Ost und West noch immer unterschiedliche Stundenlöhne aushandeln."
    vs.
    "Lieberknecht: (...) Wir müssen erklären, den Blick auf die Marktwirtschaft objektivieren."

    und einer geht noch:

    "Lieberknecht: (...) Gerade Thüringen ist durch seine breit und branchenreich aufgestellte Wirtschaft in der Lage, den Anschluss an den Westen noch in diesem Jahr zu schaffen."
    Ja, auch dieses Plansoll wird sich sicher übererfüllen.... :-)

    Anm.: Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion, um sich differenziert zum Thema des Artikels zu äußern. Danke. Die Redaktion/vn

    6 Leserempfehlungen
    • ToCa
    • 07.07.2011 um 10:23 Uhr

    Laut Aussagen aus den Ausschüssen des Bundestag ist es nur die Linke, die sich ja zum Teil aus der PDS gespeist hat, die Parolen schreit anstatt pragmatisch ordentlich mitzuarbeiten.

    Außerdem habe ich gerade bei öffentlichen Veranstaltungen im Osten wesentlich mehr Menschen erlebt, die sich daneben benommen haben, anstatt ihre Idee in pragmatischer und respektvoller Art und Weise zu äußern.

    Der Referentin Rech geben muss ich in Bezug auf die Marktwirtschaft. Die Wirtschaft zieht deswegen nicht an, weil es in diesem Teil Deutschlands kein Unternehmertum gibt. DIe Menschen haben keine Ahnung davon, was es bedeutet Risiken einzugehen und sich am Markt durch zusetzen. Die Politik hat eigentlich vor allem in Sachsen und Türingen hervorragende Rahmenbedingungen geschaffen. Es liegt an der Mentalität der Menschen ,diese nicht ausnutzen zu können

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    weil eben die Bedingungen gut sind und diese Länder, besonders Sachsen, sparsam gewirtschaftet haben, weniger Schulden als die anderen Länder angehäuft und mit Biedenkopf und Vogel zwei exzellente Ministerpräsidenten hatten. Das war in den anderen Neuen Ländern etwas anders. Es ist aber auch selbstverständlich, dass sich ein Unternehmertum nicht von heut auf morgen entwickeln kann, diese Strukturen wurden in der ehemaligen DDR schließlich systematisch zerstört. Das wäre in den Alten Ländern genau so passiert, wenn ihnen der Sozialismus nach DDR-Prägung vorher aufgezwungen worden wäre, und manches westdeutsche Land hätte sich vermutlich nach 40 Jahren Zwangsplanwirtschaft schlechter als Sachsen und Thüringen entwickelt.

    weil eben die Bedingungen gut sind und diese Länder, besonders Sachsen, sparsam gewirtschaftet haben, weniger Schulden als die anderen Länder angehäuft und mit Biedenkopf und Vogel zwei exzellente Ministerpräsidenten hatten. Das war in den anderen Neuen Ländern etwas anders. Es ist aber auch selbstverständlich, dass sich ein Unternehmertum nicht von heut auf morgen entwickeln kann, diese Strukturen wurden in der ehemaligen DDR schließlich systematisch zerstört. Das wäre in den Alten Ländern genau so passiert, wenn ihnen der Sozialismus nach DDR-Prägung vorher aufgezwungen worden wäre, und manches westdeutsche Land hätte sich vermutlich nach 40 Jahren Zwangsplanwirtschaft schlechter als Sachsen und Thüringen entwickelt.

    • Tupaq
    • 07.07.2011 um 10:25 Uhr

    "Bei der sozialen Gerechtigkeit sieht das anders aus. Soziale Unterschiede vergrößern sich, auch in Thüringen: Der eine ist arbeitslos, sein Nachbar aber fährt den teuren Wagen in die Garage."

    Um diese Dinge geht es doch gar nicht, weil der ein Arbeit hat oder nicht!
    Es geht doch eher um die Verwerfungen der Gesellschaft, etwa wenn Bänker gegen die Begrenzung ihrer Gehälter auf eine halbe Million kämpfen oder wenn Leute Millionenbezüge erhalten (beides Ausdruck einer Fäulnis der Werte der Gesellschaft) und wenn Menschen nicht mehr von ihrer Arbeit leben können. Da wären Politiker, insbesondere christliche, gefordert.

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