Der erste Anruf kam auf der Rückfahrt von einem Gespräch mit militanten Neonazis, sogenannten autonomen Nationalisten, in der westlichen Ukraine. Um eine "unabhängige Expertenmeinung für unsere Zuschauer" zu den Verbindungen des Attentäters von Norwegen wurde da am Tag nach der furchtbaren Tat gebeten. Verbindungen zu europäischen Neonazis, vor allem in Deutschland. Stichwort Rechtsterrorismus, "Sie wissen schon." Nichts wusste ich, deshalb habe ich diese Anfrage, wie die darauf folgenden, höflich abgelehnt. Von den schrecklichen Ereignissen in Norwegen hatte ich aus dem ukrainischen Fernsehen erfahren.

Da war zunächst noch von al-Qaida die Rede – wie im ZDF, wo Terrorexperte Elmar Theveßen über die skandinavischen Aktivitäten der Islamisten ganz genau Bescheid zu wissen schien. Einen Tag später berichtete er im heute journal , dass die Tat von einem christlichen Fundamentalisten verübt worden sei, der einem rechtsextremen Gedankengut nachhänge, aber "kein einsamer Sonderling war, sondern vernetzt mit anderen Gleichgesinnten in Europa und in den USA". Dabei war zu diesem Zeitpunkt lediglich bekannt, dass Anders Behring Breivik als mutmaßlicher Autor kurz vor seiner Tat ein umfangreiches ideologisches Manifest an Hunderte Adressen internationaler Gruppen aus der rechten Szene geschickt hatte.

Das ist bezeichnend für die Debatte in Deutschland. Sie eilt den Fakten bisweilen weit voraus. Dies gilt auch für allerlei Lobbyisten, wie beispielsweise die Gewerkschaft der Polizei (GdP) oder einige CSU-Politiker, die nun schärfere Gesetze fordern . Suggerieren sie damit doch, dass auch in Deutschland Anschläge durch rechtsextreme Täter möglich sind. Doch gibt es für eine solche Gefahr irgendwelche Anzeichen?

Die Antwort ist einfach: Bislang gibt es keinerlei Hinweise dafür, dass die Sicherheitslage in Deutschland eine andere ist als vor den Schüssen von Utøya. Wer eine Terrorgefahr herbeizureden versucht, handelt unverantwortlich.

Auch in der Diskussion über das rechte Spektrum in Deutschland und seine Verbindungen zu Breivik ist die Tendenz zu voreiligen Schlüssen groß. Rechts ist nicht gleich rechts.

Beispielsweise standen Protagonisten des "Nationalen Widerstands in Dortmund" in Breiviks E-Mail-Verteiler. Sie sind autonome Nationalisten einer neuen Generation, die eine Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse über den Kampf auf der Straße proklamieren und sich nach außen hin abdichten – wie linksextreme Autonome es tun. Wie Breivik hetzen sie gegen Muslime und Linke. Sie haben also dieselben Feindbilder wie der Attentäter. Ihnen aber deshalb eine Verbindung zu ihm anzudichten, wäre töricht.