Wer deutscher Staatsbürger werden will, sollte die Sprache gut sprechen und sich an den deutschen Lebensstil anpassen. Dann ist es egal, ob der Einbürgerungswillige aus Europa oder Ostasien stammt, oder wie lange er schon in der Bundesrepublik lebt.

Das ist die Meinung der Mehrheit der Deutschen ohne Migrationshintergrund laut einer Langzeitstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die noch unveröffentlichte Studie, die ZEIT ONLINE vorliegt, vergleicht insbesondere, wie sich die Einstellung der Deutschen ohne Migrationshintergrund zwischen 1996 und 2006 verändert hat.

Demnach führten 1996 noch viele Bürger auf die Frage: "Wer darf Deutsche/r werden?" die deutsche Abstammung, die Geburt in Deutschland oder eine lange Aufenthaltsdauer an. Zwölf Prozent der einheimischen Bevölkerung in Westdeutschland und 17 Prozent in Ostdeutschland nannten damals solche ethnische Kriterien. 2006 waren es nur noch vier beziehungsweise drei Prozent.

Stattdessen gewannen Integrationsbemühungen von Migranten an Bedeutung. 2006 betonten 57 beziehungsweise 54 Prozent der West- und Ostdeutschen die besondere Wichtigkeit verhaltensabhängiger Kriterien für die Einbürgerung – rund drei Mal mehr als 1996. Vor allem die Sprache und die Anpassung an den Lebensstil ist den Einheimischen viel wichtiger als in den neunziger Jahren, im Westen auch die Zugehörigkeit zur christlichen Kirche.

Die Forscher lesen daraus, dass die Deutschen inzwischen ein anderes Verständnis von Nation haben. Sie vermuten, dass das mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechtes zu tun haben könnte. Seit 2000 ist ein Kind, das in Deutschland geboren ist und dessen Eltern mehr als acht Jahren legal im Land sind, automatisch deutscher Staatsbürger. Entsprechend, mutmaßen die Forscher, verstehen sich die Deutschen nicht mehr so sehr als Abstammungsnation wie noch vor einigen Jahren. Dazu passt auch, dass 80 Prozent der Menschen ohne Migrationshintergrund inzwischen glauben, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.

Das alles heißt nicht, dass die Deutschen weniger skeptisch gegenüber Einwanderern sind, sagen die Forscher. Der große Wunsch, dass ein Neudeutscher sich an ihre Lebensgewohnheiten anpassen soll, könnte auch so interpretiert werden: Die Deutschen erkennen kulturelle Unterschiede zwischen sich und den Einwanderern und fürchten diese auch.

Die Forscher betonen, es sei unklar, was dies bedeute. Geht es bei der geforderten Lebensstil-Anpassung um Themen wie beispielsweise die Gleichberechtigung von Mann und Frau? Oder geht es um mehr? Wollen die Deutschen die neuen Bürger vielleicht sogar assimiliert sehen, verlangen sie also die völlige Aufgabe von deren kultureller Identität?