Manuela Schwesig "In die SPD einzutreten, war schon exotisch"

Manuela Schwesig ist die Nachwuchshoffnung der SPD. Im Interview spricht sie über Unterschiede zwischen Ost und West und die Vorurteile gegen Frauen in der Politik.

ZEIT ONLINE: Frau Schwesig, wie kommt man in Schwerin mit 29 Jahren darauf, in die SPD einzutreten? Dem Zeitgeist haben Sie im Jahr 2003 damit nicht gerade entsprochen.

Manuela Schwesig: Natürlich: Es war erst mal ungewöhnlich. Auch in meiner Familie, die keinen SPD-Hintergrund hat, war Parteizugehörigkeit nach der Wende verpönt. In meinem Freundeskreis gab es keinen einzigen, der politisch aktiv war. Mein Engagement war aus dieser Warte betrachtet also durchaus exotisch. Aber ich war noch nie so wirklich im Mainstream – und ich wollte mich gern einbringen und engagieren.

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ZEIT ONLINE: Mussten Sie sich rechtfertigen vor Ihren Freunden und Verwandten?

Manuela Schwesig

Manuela Schwesig (Jahrgang 1974) ist seit Oktober 2008 Sozialministerin in Schwerin. Im November 2009 wurde sie zur Stellvertretenden Parteichefin der SPD gewählt.

Schwesig: Soziales Engagement wurde in meiner Familie immer groß geschrieben. Allerdings habe ich schon die Frage gehört: Wie kannst du bloß in einer Partei sein? Dann erkläre ich immer, dass es anders ist, als wir in der DDR gelernt haben. Wir sind mit dem Bild groß geworden, dass es nur Gut und Böse gibt. Aber so schwarz-weiß ist das Leben nicht. Entweder man bemeckert alles und lässt die anderen machen. Oder ich mache es selber.

ZEIT ONLINE: Und dann auch noch in diesem furchtbaren SPD-Jahr 2003, in dem Ihre Partei die Agenda 2010 verkündet und eine Massenflucht unter den Mitgliedern begonnen hat.

Schwesig: Ich hatte schon das Gefühl, dass sich was verändern muss. Entscheidend aber waren für mich die SPD-Leute in Schwerin, die bemüht waren um junge Leute. Im Stadtparlament habe ich viel gelernt. Das war eine echt gute Schule.

 ZEIT ONLINE: Macht sich die fehlende Erfahrung manchmal negativ bemerkbar? Anders als Ihre westdeutschen Politikerkollegen waren Sie ja nie bei den Jusos oder der Jungen Union.

Schwesig: Ich habe dafür andere Erfahrungen gemacht. Vielleicht bin ich deshalb etwas pragmatischer. Es ist auch ein gewisser Vorteil, dass ich nicht mit den Flügelkämpfen der SPD politisch groß geworden bin. Das macht mich unvorbelasteter. Aber heute arbeite ich natürlich selbst sehr gern mit den Jusos zusammen – und finde es toll, wenn junge Leute das Ideal haben, die Welt zu verbessern.

ZEIT ONLINE: Ist dieser "pragmatische" Politikstil typisch für Ostdeutsche?

Schwesig: Ja.1989/1990 gab es keine einzige Biographie in Ostdeutschland, die nicht verändert worden ist. Jeder Ostdeutsche hat mitbekommen, wie man plötzlich auf sich selbst gestellt war. Dabei sind wir in einem Staat aufgewachsen, der vieles vorgeschrieben und geregelt hat. Hinzu kommt: Die Herausforderungen sind groß. Das Geld wird weniger. Wir haben die Zeiten der großen Verteilungsspielräume nie erlebt. Das macht pragmatisch.

ZEIT ONLINE: Ärgert Sie die Apathie vieler Ihrer ostdeutschen Landsleute, was die Demokratie angeht?

Schwesig: Die Leute sind nicht apathisch, aber sehr kritisch, wenn es um politische Entscheidungen geht. Ich habe es als junges Mädchen so empfunden, dass mir seit der Wende Tür und Tor offenstehen. Aber ich habe auch die Enttäuschungen und existentiellen Sorgen früh erlebt, die meine Eltern hatten. Mein Vater musste sich noch einmal total verändern. Ich persönlich finde es toll, zur Hälfte Ostdeutsche zu sein – und mit zunehmendem Alter eine gesamtdeutsche Biographie zu haben. Ich bin natürlich eine Demokratie-Verfechterin und versuche, gegen die Skepsis anzukämpfen. Gleichzeitig verstehe ich aber, dass Leute, die heute arbeitslos sind oder eine Mini-Rente bekommen, nicht jeden Tag Freiheit und Demokratie preisen.

ZEIT ONLINE: Wie kann man jemanden von der Demokratie überzeugen?

Schwesig: Mit den Leuten sprechen. Ihnen sagen, was Politik tun kann, wo die Grenzen sind und dass es sich lohnt, mitzumischen. Wenn ich ihnen von Mindestlöhnen oder Mindestrente erzähle, gehen die nicht nach Hause und sagen: Hurra, wir haben Demokratie. Aber sie sagen: Da war jemand, der hat mir zugehört, der versteht mich. Natürlich ist in den Köpfen noch vieles getrennt zwischen Ost und West. Es gibt auch viele Dinge in Westdeutschland, die man erst mal verstehen muss. Im Westen freut man sich schon, wenn eine Kita bis 16 Uhr auf hat. Ostdeutsche Frauen würden dagegen protestieren, denn sie sind bessere Betreuungszeiten gewöhnt. Ich musste erst verstehen, wie schwer es West-Frauen haben, sich die Rechte zu erkämpfen, die für uns normal sind.

Leser-Kommentare
  1. Merkel beerben ...

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    bin ich da sicher

    bin ich da sicher

  2. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die als frauenfeindlich wahrgenommen werden. Danke. Die Redaktion/vn

    Eine Leser-Empfehlung
  3. der in Wirklichkeit Anbiederung und Affirmation des Status Quo ist. Aber es passt in unsere Zeit der Alternativlosigkeit und orthodoxen Wirtschaftsdogmatik, dass gerade die "pragmatischen" Gesichter in die Kamera gucken dürfen.

    Mir graust es auch vor einer SPD-Politiker-Generation, die jetzt offenbar hochgezüchtet wird, die gerade wegen Agenda 2010 oder zumindest danach in die SPD eingetreten ist, aber als Motivgrund für das Engagement in der SPD trotzdem "Soziales" nennen darf. Entweder Frau Schwesig versteht die Politik ihrer Organisation nicht, oder es geht ihr eher um Parteikarriere als um bürgerfreundliche, zivile Politik zu gestalten.

    Traurig, dass die SPD Millionen Menschen in Deutschland in die Armutsfalle der prekären Arbeit getrieben hat, aber sich Frauen in Netzwerken dann nicht zu schade sind, diese zutiefst antiemanzipatorische Politik zu korrigieren. Vorwärts immer, rückwärts nimmer, Genossen!

    Es ist auch schade aus einem anderen Grund: die deutsche Gesellschaft sollte gründlich nachdenken, ob sie noch eine wahre sozialdemokratische Partei haben will (die LINKE), oder lieber eine neoliberale Kopfwackel-SPD, die ihre reichlich schlechten Geschäfte unter einem ehemals guten Namen macht. Man lese nur heute wieder die Schmähartikel hier auf ZEIT-Online. Da weiß man, dass die Presse die Debatte so lenkt, dass am Ende der totale Thatcherismus in Deutschland siegen wird.

    Ich würde Frau Schwesig nicht wählen.

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    • fauler
    • 11.08.2011 um 23:29 Uhr

    Sie mögen zum Teil Recht haben,aber die SPD ist auf jedenfall keine "neoliberale Kopfwackel-Partei".

    Was neoliberal ist , sind die Führungsriegen! Die Basis ist und bleibt links und sozialdemokratisch durch und durch! Die SPD ist gut besetzt was Fachleute angeht, reicht es von der Geldschöpfung bis "Demokratie in der Wirtschaft" ( Ich sags immer offen raus; "Vergemeinschaftung" der großen Betriebe und Unternehmen; Macht und Wohlstand den Angestellten und Arbeitern!)

    Ich bin der SPD vor paar Monaten beigetreten und bereue es nicht. Die Menschen sind Vernünftig und wissen abzuwägen.

    Am liebsten wäre mir es wenn die roten Parteien sich zusammenschließen würden. Dann würde die SPD-linke an stärke gewinnen gegenüber den rechten und ihren anführern( Steinbrück und der ganze Mist).

    • fauler
    • 11.08.2011 um 23:29 Uhr

    Sie mögen zum Teil Recht haben,aber die SPD ist auf jedenfall keine "neoliberale Kopfwackel-Partei".

    Was neoliberal ist , sind die Führungsriegen! Die Basis ist und bleibt links und sozialdemokratisch durch und durch! Die SPD ist gut besetzt was Fachleute angeht, reicht es von der Geldschöpfung bis "Demokratie in der Wirtschaft" ( Ich sags immer offen raus; "Vergemeinschaftung" der großen Betriebe und Unternehmen; Macht und Wohlstand den Angestellten und Arbeitern!)

    Ich bin der SPD vor paar Monaten beigetreten und bereue es nicht. Die Menschen sind Vernünftig und wissen abzuwägen.

    Am liebsten wäre mir es wenn die roten Parteien sich zusammenschließen würden. Dann würde die SPD-linke an stärke gewinnen gegenüber den rechten und ihren anführern( Steinbrück und der ganze Mist).

  4. Nach hören des Interviewmitschnitts komme ich zu dem Schluss, dass die SPD in McPomm so etwas wie die CSU in Bayern sein muss: nicht besonders intelligent, dafür präsentiert sie einfache Lösungen und ist besonders "volksnah", respektive unakademisch. Wenn das die Hoffnung für diese untergehende Partei sein soll...

  5. "Die SPD schließt weder eine Koalition mit CDU noch Linken aus" (Manuela Schwesig, 2011)
    ------------------------------------------------------------"Es hat keinen Sinn, die Mehrheit für die Sozialdemokratie zu erringen, wenn der Preis dafür ist, kein Sozialdemokrat mehr zu sein." (willy Brandt, in einer anderen Zeit)

    MfG
    biggerB

    • ThorHa
    • 11.08.2011 um 16:00 Uhr

    Stimmt. Leider. Allerdings in beide Richtungen. Kein Mann wäre mit der Sammlung von Allgemeinplätzen und ohne politische Leistung jemals so prominent geworden, wie die blonde Interveiwte aus MeckPom. Das gehört denn auch zu der Wahrheit, wenn man die unterschiedlichen Blicke schon zum thema machen will. Ohne die = kein Interview mir Schwesig.

  6. Im Ernst, wer es nicht schafft in 8 Jahren in Koalition mit einer Mindestlohnbefürworterpartei (Grüne halt) diesen auch durchzusetzen, ist doch wohl ein Witz... Und diese Frau glaubt noch an dieses Ideal.

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    Auch wenn es sich so angefühlt hat, so haben die Grünen nicht 8 Jahre regiert.
    Und es gibt Gesetze, die müssen auch von den Bundesländern abgesegnet werden bzw. können sich die Bundesländer gegen gewisse Gesetze währen.
    Ich würde auch behaupten, dass nicht jeder in der SPD Mindestlöhne befürwortet, jedoch die Mehrheit, das gilt auch für die Grünen

    Aber ich habe eine andere Gleichung für Sie:
    Politik + alles einfach sehen = LOL

    Auch wenn es sich so angefühlt hat, so haben die Grünen nicht 8 Jahre regiert.
    Und es gibt Gesetze, die müssen auch von den Bundesländern abgesegnet werden bzw. können sich die Bundesländer gegen gewisse Gesetze währen.
    Ich würde auch behaupten, dass nicht jeder in der SPD Mindestlöhne befürwortet, jedoch die Mehrheit, das gilt auch für die Grünen

    Aber ich habe eine andere Gleichung für Sie:
    Politik + alles einfach sehen = LOL

  7. Und wen interessiert, warum Frau Schwesig in die SPD eingetreten ist?

    Eine Leser-Empfehlung
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    "Und wen interessiert, warum Frau Schwesig in die SPD eingetreten ist?"

    Mich zum Beispiel. Dafür interessieren mich Ihre Kommentare nicht.

    "Und wen interessiert, warum Frau Schwesig in die SPD eingetreten ist?"

    Mich zum Beispiel. Dafür interessieren mich Ihre Kommentare nicht.

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