Noch vor ein paar Monaten galten die Linken in Mecklenburg-Vorpommern als möglicher neuer Koalitionspartner für die SPD von Ministerpräsident Erwin Sellering. Die Umfragen für die Landtagswahl am 4. September sagen der Linkspartei ein Ergebnis von 18 Prozent voraus . Linken-Spitzenkandidat Helmut Holter ist über die Parteigrenzen hinweg als pragmatischer "Realo" beliebt.

Inzwischen ist man in der SPD skeptisch geworden. Denn die Linkspartei zerlegt sich zusehends selbst – und das nicht nur auf Bundesebene . Im Landesverband kämpfen die Realos um Spitzenkandidat Holter und den jungen Parteivorsitzenden Steffen Bockhahn gegen die alteingesessene antikapitalistische Linke. Letztere fühlten sich bei der Listenaufstellung für die Landtagswahl übergangen, viele Alt-Linke traten daher unter Protest aus der Partei aus.

Kurz vor dem 50. Jahrestag des Mauerbaus hat sich der Flügelstreit auf eine Frage verengt: Wie bewertet die Linkspartei den Mauerbau? Ist sie der Ansicht, dass er historisch notwendig war? 

"Der Mauerbau war ohne vernünftige Alternative"

Was ist passiert? Just am Jahrestag des Mauerbaus, dem 13. August, findet ein Landesparteitag der Linken statt. Der schwierige Termin wurde angeblich gewählt, weil er mitten im Wahlkampfendspurt liegt. Genau drei Wochen vor der Wahl will sich der 32 Jahre alte Steffen Bockhahn im Amt als Landesvorsitzender bestätigen lassen und den Wahlkämpfern noch mal richtig einheizen. Doch allen Beteiligten war schnell klar: Kommt man am 13. August zusammen, dann muss man sich natürlich auch zum Mauerbau positionieren. Schließlich sind viele ehemalige SED-Mitglieder heute in der Linkspartei aktiv.

Aus diesem Grund habe der Linken-Landesvorstand im Mai eine gemeinsame Position zum Mauerbau erarbeitet, um diese auf dem Parteitag festzuzurren, sagt Bockhahn im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Das besagte Papier liest sich sehr neutral, es bearbeitet verschiedene historische Begebenheiten, die zum Mauerbau führten. Die Enttäuschung vieler DDR-Bürger mit dem "sozialistischen Experiment" wird thematisiert. Das Papier legt sich aber nicht darauf fest, ob der Mauerbau historisch notwendig war oder nicht.  "Eine absolute Wahrheit kann und wird es zur Geschichte nicht geben", betonen die Autoren.

Genau daran störten sich die Alt-Linken im Landesverband. Sie meldeten einen eigenen Antrag zum Landesparteitag an. "Thesen zum 50. Jahrestag der Berliner Mauer" heißt er und besagt, dass es sehr wohl eine "historische Wahrheit" über den Hintergrund des Baus der Berliner Mauer gebe: "Die Entscheidung über den Mauerbau war 1961 für die Führungen der Sowjetunion und der DDR ohne vernünftige Alternative."

Neun von zehn Thesen befassen sich mit den Gründen der sozialistischen Führung, ebenso mit dem Wegschauen der westlichen Mächte. Nur in einem kurzen Absatz und recht verschwurbelt gehen die Autoren auf die "persönlichen Konsequenzen" für die DDR-Bürger ein. Familien seien getrennt und Lebensplanungen "durchkreuzt" worden. Über die 136 Mauertoten heißt es lapidar: "Menschen verloren an der Grenze ihr Leben." Während die Alternativlosigkeit des Mauerbaus sehr absolut formuliert wird, lesen sich die Folgen für die DDR-Bürger relativierend.