Angela Merkel steht auf der Wahlkampf-Bühne in Lichterfelde und versucht, keine Miene zu verziehen. Wahrscheinlich ahnt sie, was CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel gleich ins Mikrofon rufen wird. In Zeiten der Euro-Krise, donnert Henkel nämlich, sei er froh, eine wie Angela Merkel an der Regierungsspitze zu haben und nicht diese "Stimme der Unvernunft" , die Liberalen. Die FDP sei eine "verzweifelte Partei", die "zu verzweifelten Mitteln greife", ruft Henkel: "Man macht keinen Wahlkampf auf Kosten Deutschlands und Europas!"

Der Applaus im Publikum fällt eher gediegen aus. Während Henkels gesamter Rede wird an diesem Freitagmittag sowieso kaum gejubelt. Dabei hat der Kandidat zum Wahlkampfabschluss auf klassisches Berliner CDU-Terrain geladen. Lichterfelde im Südwesten der Hauptstadt ist wohlhabend, viele große Einfamilienhäuser stehen es hier. Vielleicht liegt die mangelnde Begeisterungsfähigkeit am hohen Durchschnittsalter der Besucher. Oder daran, dass jeder hier weiß, dass die CDU nach der Abgeordnetenhauswahl am kommenden Sonntag wohl weiterhin in der Opposition bleiben wird.

Seit der klaren Absage von Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast fehlt der CDU schlicht ein Koalitionspartner zur Macht. Henkel hat das offensichtlich ziemlich sauer gemacht. Er schimpft über Künasts "Kapitulation" und lästert, es sei unerträglich, wie die Grünen nun die SPD um Posten anbettelten. Henkel schickt noch eine Drohung hinterher: Die Grünen sollten bloß aufpassen, dass sie nicht bald doch wieder auf der Oppositionsbank schmorten.

Tatsächlich hoffen die Berliner Christdemokraten am Ende dieses Wahlkampfs, doch noch von Klaus Wowereit erhört zu werden. "Mit uns als Koalitionspartner könnte er die A 100 problemlos bauen", betont ein junger Wahlkämpfer.

Auch die Kanzlerin wirbt nochmal routiniert, mit Frank Henkel würde es in der Hauptstadt endlich "Verlässlichkeit und Berechenbarkeit geben". Außerdem Investitionen in die Zukunft wie in die Stadtautobahn. Dann sagt sie noch ein bisschen was zur Finanzkrise. Nämlich, dass die CDU bisher alles richtig vorhergesehen und immer richtig gehandelt habe. Am Ende des etwas lahmen Wahlkampfendspurts der CDU ertönt die Nationalhymne, Henkel und Merkel singen mit. Dann sind sie auch schon wieder weg.

Ursula Salomon ist trotzdem zufrieden. Der Henkel sei kein Krakeler, sondern ein guter Mensch, sagt die Rentnerin. Sie wird ihn wählen. Salomon ist eine fröhliche Frau, sorgfältig gekleidet, den Lippenstift frisch aufgelegt. In Berlin gibt es vieles, was sie aufregt: Abends fährt sie ungerne mit der S-Bahn, weil Jugendliche dort rumpöbeln und sie sich bedroht fühlt. Sie kennt Kinder, die zum Pipi-Machen lieber von ihrer Schule zur Oma rübergehen, weil die Klos so runtergekommen sind. "Das kann doch nicht sein", sagt Salomon empört: "Und der Wowereit, der nimmt alles so hin."  Viele denken hier so wie sie.

Wowereit warnt die Grünen

Die SPD hat den Potsdamer Platz für ihre Feierlichkeiten gewählt. Das ist konsequent, verstehen sich die Sozialdemokraten doch als Platzhirsch unter den Berliner Parteien . Seit zehn Jahren stellen sie den Bürgermeister und sind – anders als die Konkurrenz – in der ganzen Stadt verankert. Daher auch die Party vor den gläsernen Hochhäusern des Sony-Centers. Dort, wo "West und Ost" vor 20 Jahren zusammen kamen, wie es Klaus Wowereit formuliert.

Der Regierende Bürgermeister ist gut drauf. Die SPD liegt in den Umfragen weit vorn. Die grüne Spitzenkandidatin Künast nennt Wowereit nur noch "Renatchen". Dem anwesenden SPD-Chef Sigmar Gabriel spricht er sein "Mitleid aus", weil Künast nach verlorener Wahl "im Bundestag bleiben" werde.

Auch inhaltlich grenzt Wowereit sich von den Grünen ab. Er hält ihnen Snobismus und Borniertheit vor: Einerseits könne es deren wohlhabende Klientel "sich leisten" für "das Öko-Brot" "zwei Euro mehr" auszugeben. Das habe offenbar, so analysiert Woereit, eine "Mentalität" zur Folge, mit der man auch die Kostenfreiheit an den Kitas in Frage stellt.

Er erwarte "von jedem Koalitionspartner, der sich anbietet", dass er die Prämissen der SPD mittrage, stellt Wowereit klar. Das heißt auch: Den Bau der Stadtautobahn. Dass die Grünen bereits "Bedingungen" für eine Koalition formulieren, hat ihm gar nicht gefallen.