Euro-Rettungsschirm Merkels Mehrheit für einen Tag

Kaum Abweichler, eine stille Kanzlerin, ein beleidigter Steinbrück. Die Euro-Abstimmung ist geschafft, die Sorgen bei Schwarz-Gelb bleiben.

Wo ist die Kanzlerin? Es ist Donnerstagmittag und die Koalition hat etwas erreicht, was vor einigen Wochen noch völlig ausgeschlossen schien: die symbolisch so wichtige Kanzlermehrheit. Nur 15 Abgeordnete von Schwarz-Gelb haben nicht für die Ausweitung des Euro-Rettungsschirms EFSF gestimmt, weit weniger als befürchtet. Das Ergebnis der namentlichen Abstimmung ist ein Erfolg für Angela Merkel. Doch die Protagonistin des Tages ist verschwunden.

Sie sitzt nicht auf ihrem Platz auf der Regierungsbank. Sie gibt kein Statement im Gewusel der Journalisten im Foyer des Reichstags ab. Sie ist einfach nicht mehr da. Dafür darf FDP-Chef Philipp Rösler einen enthusiastischen Satz in die Kameras rufen: "Wir starten mit einem klaren Sieg in die zweite Halbzeit!" Doch auch er verschwindet schnell wieder. Das Gewusel löst sich auf, die Show ist vorbei.

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Kanzlermehrheit

Die symbolisch wichtige Kanzlermehrheit von Union und FDP beträgt 311 Stimmen, also die Mehrheit aller 620 Bundestagsabgeordneten. Bei Abstimmungen beweist sie, dass Angela Merkel die sehr große Unterstützung ihrer Mannschaft genießt. Union und FDP haben gemeinsam 330 Sitze im Bundestag, für eine Kanzlermehrheit können also 19 Stimmen aus der Koalition fehlen.

Einfache Mehrheit

Union und FDP können Gesetze allerdings schon ab 291 Stimmen mit einfacher Mehrheit beschließen und sich so gegen die Opposition durchsetzen: SPD, Grüne und Linke kommen im Bundestag zusammen nur auf 290 Sitze. 

Vertrauensfrage

Stellt ein Kanzler die Vertrauensfrage, dann ist das Erreichen der Kanzlermehrheit Pflicht, um den Fortbestand der Regierung zu sichern. Ende 2001 hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan mit der Vertrauensfrage verbunden, um die Zustimmung der rot-grünen Koalition zu erreichen.

Eine Mehrheit der Mitglieder des Bundestages (Kanzlermehrheit) ist laut Artikel 63 des Grundgesetzes auch notwendig, um einen neuen Regierungschef zu wählen.

Die Bundeskanzlerin hatte sich verspätet

Das war sie also, die "Schicksalsabstimmung" der zerstrittenen schwarz-gelben Koalition. Das "wichtigste gesetzgeberische Vorhaben dieser Legislaturperiode", wie Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) zur Eröffnung der Sitzung gesagt hatte. Die Kanzlerin, die eine möglichst große Mehrheit erreichen wollte, kam auch da schon zu spät zur Debatte, nur wenige Minuten zwar. Aber sie musste sich mit ihrer großen Umhängetasche an ihren Kabinettskollegen vorbei bis hin zu ihrem Sitz drücken.

Während der Debatte schwieg sie, lief herum oder scherzte mit Vizekanzler Rösler, jedes Mal, wenn die Opposition sie attackierte. Das Werben um die Euro-Hilfsmaßnahmen, an die doch so viele den Fortgang ihrer politischen Karriere knüpfen, überließ sie anderen. Unionsfraktionschef Volker Kauder betonte, das Parlament sei bei einer Entscheidung zu Euro-Hilfen "noch nie so sehr beteiligt gewesen". Statt Applaus erntete er Gegrummel im Plenum.

Der EFSF

Die Europäische Finanz-Stabilitätsfazilität, kurz EFSF, ist der Fonds, aus dem klamme Euro-Staaten seit dem Frühjahr 2010 zu günstigen Zinsen Kredite bekommen. Irland nahm diese Möglichkeit im November 2010 als erstes Land in Anspruch. Das Ausleihvolumen des EFSF beträgt derzeit 240 Milliarden Euro, soll aber auf 440 Milliarden steigen – das beschlossen die Euro-Länder auf dem Brüsseler Krisengipfel im Juli 2011. Den Beschlüssen müssen die nationalen Parlamente noch zustimmen; zu ihnen gehört auch ein Anstieg des tatsächlichen Umfangs des EFSF von 750 auf 780 Milliarden Euro. Diese Summe liegt deutlich höher als die tatsächliche Vergabekapazität, weil für ein Spitzen-Rating des Fonds hohe Bürgschaften der beteiligten Staaten nötig sind. Der deutsche Anteil an den Bürgschaften beträgt derzeit 123 Milliarden Euro, er wird sich auf 211 Milliarden Euro erhöhen. Außerdem wurde eine Erweiterung der Kompetenzen des EFSF beschlossen: Er soll bald an der Börse Staatsanleihen von Krisenstaaten kaufen, um deren Kurse zu stabilisieren.

Der ESM

Der Europäische Stabilitätsmechanismus, kurz ESM, soll 2013 als dauerhafter Krisenfonds den EFSF ablösen; das beschlossen die Finanzminister der Euro-Staaten im November 2010. Der ESM umfasst 700 Milliarden Euro, von denen maximal 500 Milliarden an gefährdete Staaten verliehen werden können. Der Rest dient als Sicherheitseinlage. Sie soll die Rating-Agenturen überzeugen, auch dem ESM Bestnoten zu verleihen. Im Gegensatz zum EFSF wird der neue Fonds mit einer Bareinlage in Höhe von 80 Milliarden Euro ausgestattet. Deutschland gibt 22 Milliarden Euro Kapitaleinlage und garantiert weitere 168 Milliarden. Der ESM leistet nur im Notfall Hilfe, sofern der Empfängerstaat sich verpflichtet zu sparen. Über die Höhe und Bedingungen von Notkrediten bestimmen die Finanzminister im Euro-Raum einstimmig. Alle weiteren Entscheidungen bedürfen einer qualifizierten Mehrheit. In Einzelfällen können an den Hilfen auch private Gläubiger beteiligt werden. In der deutschen Regierungskoalition ist der ESM umstritten.

Besonders heftig legte sich FDP-Chef Rainer Brüderle für den Euro-Rettungsschirm ins Zeug. "Europa ist für uns Staatsraison", rief er und wurde im Laufe seiner Ausführungen immer lauter. Es gehe darum, eine Stabilitätsunion zu unterstützen. Die SPD, die lamentiere doch nur, dabei habe sie ebenso wie die FDP laut über eine mögliche Insolvenz Griechenlands nachgedacht. Nicht zu vergessen, dass die Schröder-SPD Europa durch die ständigen Verstöße gegen den Stabilitätspakt doch erst reingeritten habe. "Besserwisser sind noch keine Bessermacher", donnerte Brüderle in Richtung Peer Steinbrück.

Oppositionsführer Steinbrück überzeugt nicht

Der hatte zuvor den Oppositionsführer gegeben. Ungeduldig hatte der Ex-Finanzminister in der ersten Fraktionsreihe der SPD auf seinen großen Auftritt gewartet. Viele Reden im Bundestag hat Steinbrück in dieser Legislaturperiode noch nicht gehalten. Sein Auftritt war von den Sozialdemokraten deshalb mit Spannung erwartet worden. Einige Genossen wünschen sich ihn als nächsten Kanzlerkandidaten.

Ein Kracher war Steinbrücks Rede dann aber nicht. Viele Passagen: alles andere als neu. Etwa der Vorwurf an Merkel, herum zu lavieren und den Bürgern "keine Erzählung von Europa" anzubieten. Dass Steinbrück sich auf Kosten der Kanzlerin nun selbst zum Deuter von Europa stilisieren will, ließen ihm die ehemaligen Koalitionskollegen nicht durchgehen. Mit Zwischenrufen wurde er hart attackiert. Hinterher war Steinbrück deshalb ziemlich beleidigt: "Rumpelstilzchenhaft" sei das Verhalten von Schwarz-Gelb, der Ernsthaftigkeit des Themas nicht angemessen.

Hinzu kommt, dass Steinbrück jenen Spagat rhetorisch vollzogen hat, der für fast alle rot-grünen Abgeordneten derzeit charakteristisch ist. Einerseits kündigte er seine Zustimmung zum Rettungsschirm an. Andererseits betonte er mehrfach, dass dieser bei weitem nicht ausreiche. Ähnlich argumentierte Jürgen Trittin. Der grüne Fraktionschef warb im Plenum zwar für die Einführung von Eurobonds und der Etablierung einer europäischen Wirtschaftsregierung. Dennoch gab er sich sehr staatstragend. Die Grünen seien "eine verlässliche Opposition"; bei der zerstrittenen Regierung vermisse er "bürgerliche Tugenden", sagte er mit viel Timbre.

Leser-Kommentare
  1. das hatten wir schon einmal.

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  2. "CSU-Europapolitiker Thomas Silberhorn ist jedenfalls schon fast apokalyptisch gestimmt. "Wir werden schnell erkennen, dass der EFSF nicht ausreichend wirksam sein kann", "Es ist objektiv unmöglich, dass das Land seine Schulden jemals zurückzahlen kann."

    Das ist kein Ausdruck einer apokalyptischen Stimmung, sondern eine der wenigen realistischen Einschätzungen zur Lage.

    In Kürze wird als Konsequenz der heutigen Entscheidung Germanys Tripple A+ Rating downgraded.

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    • Marula
    • 29.09.2011 um 18:35 Uhr

    Das war nun wirklich eine Schein-Debatte, die eigentliche inhaltliche Auseinandersetzung hat vorher vor dem Haushaltsausschuss stattgefunden, wo Bundesbankpräsident Weidmann vor der Erpressbarkeit durch die Rettungspakete warnte, wobei eine stärkere Integration die Pleitestaaten noch mehr in die Lage zu Erpressungen versetzen würde. Das wollte man heute nicht hören, aber man hat immer noch das "kleine" Problem, dass die Wähler nicht so wollen wie die Politiker. Bertolt Brecht: "Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?"

    23 Leser-Empfehlungen
  3. ...eine Zusammensetzung aus Opportunisten und Fehlzündern in den Fraktionen die gegen eigene Überzeugungen und vor allem gegen die Beölkerung agieren.Das war SED-Einheits-Brei-Abstimmungsverhalten der großen Fraktionen in einer Demokratie und ausgerechnet die Linke ,die man ständig mit SED Vergangenheit konfrontiert,zeigen Kante.Mit diesen war
    der einzige Lichtblick in diesem Deutschen Bundestag der BT Präsident und die Abgeordneten ,die von ihrer Unabhängigkeit und Gewissen Gebrauch machten.Der Rest, einschließlich der Grünen haben das Parlament wieder ein Stück beschädigt und nur gezeigt welche Clownsveranstaltung dieser Bundestag geworden ist.
    Wo bitte gehts zur Demokratie ??

    18 Leser-Empfehlungen
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    Was ist das für ein Verständnis von Demokratie wenn die freie Rede und die Gewissensfreiheit von Abgeordnete/r/n von sog. demokratischen Parteien in Abrede gestellt wird.

    Der Bundestagspräsident hat meine volle Unterstützung in dieser urbanen Frage des Demokratiebegriffes.

    Dieses Parlament in seiner Mehrheit kann man mit dem heutigen Tag abhacken!

    Was ist das für ein Verständnis von Demokratie wenn die freie Rede und die Gewissensfreiheit von Abgeordnete/r/n von sog. demokratischen Parteien in Abrede gestellt wird.

    Der Bundestagspräsident hat meine volle Unterstützung in dieser urbanen Frage des Demokratiebegriffes.

    Dieses Parlament in seiner Mehrheit kann man mit dem heutigen Tag abhacken!

    • Harzer
    • 29.09.2011 um 18:41 Uhr

    ..."Viele Reden im Bundestag hat Steinbrück in dieser Legislaturperiode noch nicht gehalten...
    ...Ein Kracher war Steinbrücks Rede dann aber nicht."...

    Der Herr Steinbrück hat sowieso auch noch kaum überzeugende Taten vorzuweisen. Sonst kann er immerhin wortgewaltige Sprüche (siehe "Kavallerie") machen.
    Bei uns hieß das früher "Ma..held".

    Aber er ist der Protagonist der Seeheimer ... .
    Wo "SPD" draufsteht ist eben "Seeheimer Partei Deutschlands" drin ... ... .

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    25.10.2007
    "Finanzminister gegen Kritik an Hedge-Fonds"
    "Steinbrück nimmt Heuschrecken in Schutz"

    "Die Beteiligungsgesellschaften und Hedge-Fonds erhalten Rückendeckung: Wer ihr Engagement generell ablehne, müsse wissen, dass "Arbeitsplätze in Deutschland verloren gehen", schrieb Steinbrück in einem Brief an die Fraktionen von Union und SPD."

    Quelle: http://www.sueddeutsche.d...

    25.10.2007
    "Finanzminister gegen Kritik an Hedge-Fonds"
    "Steinbrück nimmt Heuschrecken in Schutz"

    "Die Beteiligungsgesellschaften und Hedge-Fonds erhalten Rückendeckung: Wer ihr Engagement generell ablehne, müsse wissen, dass "Arbeitsplätze in Deutschland verloren gehen", schrieb Steinbrück in einem Brief an die Fraktionen von Union und SPD."

    Quelle: http://www.sueddeutsche.d...

    • Puh
    • 29.09.2011 um 18:48 Uhr

    Es ist eines der herausragendsten Kennzeichen einer Demokratie, dass sie auch den Minderheiten das Wort erteilt. Lammerts Entscheidungen, Abweichlern der die Regierung tragenden Fraktionen das Wort zu erteilen war von daher zutiefst demokratisch und völlig richtig. Die Reaktionen der Fraktionen und insbesondere die des Herrn Kauder hierauf sind hingegen wieder einmal mehr nur zutiefst undemokratisch.

    14 Leser-Empfehlungen
  4. "Unten in der Lobby ärgerte sich Unions-Fraktionschef Kauder laut vor Journalisten, dass die Euro-Abweichler ans Mikrophon gelassen wurden. "Die Entscheidung war falsch", sagte er in Richtung Bundestagspräsident Lammert."

    Herr Kauder wie kommen Sie eigentlich dazu, zu entscheiden welcher Abgeordnete wann was sagen darf?

    Herr Kauder was bilden Sie sich eigentlich ein dem zweiten Mann im Staate Vorschriften machen zu wollen welchen Abgeordneten er das Recht gibt von seinem Verfassungsmaßig verbrieften Rederecht gebrauch zu machen?

    Nur zur Erinnerung: Herr Wilsch z.b. ist in erster Linie vom Volk in den Bundestag gewählt worden, er ist mit einem DIREKTMANDAT im Bundestag nicht als Listenfuzzi!

    Es zeugt schon von einem sehr merkwürdigen Demokratie- und Rechtsverständniss einem DIREKTEN Vertreter des Volkes das Wort verbieten zu wollen, oder es Ihm unmöglich machen zu wollen das er reden kann!

    Und das nur weil er andere Meinung hat?????

    Vielleicht sollten Sie sich mal in Nordkorea um, die können solche "Demokraten" wie SIE brauchen!

    LG

    Klaus

    28 Leser-Empfehlungen
    • Harzer
    • 29.09.2011 um 18:53 Uhr

    ..."Unten in der Lobby ärgerte sich Unions-Fraktionschef Kauder laut vor Journalisten, dass die Euro-Abweichler ans Mikrophon gelassen wurden. "Die Entscheidung war falsch", sagte er in Richtung Bundestagspräsident Lammert. Da könne künftig ja jeder der 620 Abgeordneten einfach spontan in Sitzungen reden wollen."...

    Ich glaube, daß Herr Kauder trotzdem alle liebt ... .

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    Hinter der Trommel, trotten die Kaelber, das Fell fuer die
    Trommel liefern sie selber ! HERR KAUDER benoetigt dringend
    ein anderes Volk !

    Hinter der Trommel, trotten die Kaelber, das Fell fuer die
    Trommel liefern sie selber ! HERR KAUDER benoetigt dringend
    ein anderes Volk !

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