Christian Lindner wusste, wie er an diesem verkorksten Berliner Wahlabend wenigstens noch für ein bisschen Stimmung sorgen konnte. Seine Partei werde "ordnungspolitisches Korrektiv" der Regierung bleiben, warf der FDP-Generalsekretär im Berliner Dehler-Haus den vom 1,8-Prozent-Desaster schockierten Liberalen zu. Jeder im Saal verstand. Der Vorstoß von Parteichef Philipp Rösler, eine Insolvenz Griechenlands ins Auge zu fassen und seine Widerworte auf das Basta von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bleiben FDP-Politik. Trotzig applaudierten die Gedemütigten.

Man kann das Verhalten der FDP-Spitze dieser Tage verschieden deuten. Eine auch in der CDU populäre Lesart lautet: Die Liberalen schlagen in Todesangst um sich. Röslers Vorstoß war ein Testballon auf dem Weg zu einer dezidiert euro-skeptischen FDP, die die Stimmen derer einsammelt, denen die Rettungspakete schon lange zu viel sind. Eine solche Partei hätte keinerlei Probleme mit der Fünfprozenthürde.

In der FDP hingegen löst der Vorwurf der Euro-Skepsis allenthalben Erregung aus. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sehe doch selbst, dass die Möglichkeit einer griechischen Insolvenz bestehe, wenn er davor warne, dass man dem Land die nächsten Zahlungen verweigern könnte, versucht etwa Otto Fricke, haushaltspolitischer Sprecher der Fraktion, Röslers Aussagen zum Regierungskonsens umzudeuten.

Vom Wähler ungerecht behandelt

Die Liberalen fühlen sich ungerecht behandelt. Von Merkel und Schäuble, die Rösler maßregelten, obwohl doch CSU-Chef Seehofer mit seiner Forderung nach einem Euro-Rauswurf Griechenlands viel weiter gegangen war. Schon länger von der Presse, die ohnehin "zu siebzig Prozent aus Rot-Grünen" bestehe, wie ein FDP-Mitglied auf der Wahlparty schimpft. Und auch vom Berliner Wähler, der nicht erkennen mochte, dass die FDP aus Verantwortungsbewusstsein und nicht aus Wahlkalkül einen Regierungszwist herbeiführte.

Dem Parteichef aber wird die Berliner Pleite kaum etwas anhaben. Denn trotz allen Abwiegelns: Viele Liberale nehmen Röslers neuen Tonfall als Befreiung wahr. Schließlich steht noch immer die ernst gemeinte Frage im Raum, wozu es eigentlich die FDP braucht. Der von der neuen Spitze ausgerufene "mitfühlende Liberalismus" wurde mangels sinnvoller Befüllung schon wieder vergraben. Eine Zeit lang machte man sich Hoffnungen, allein über seriöse Regierungsarbeit wieder beim Wähler aufholen zu können – aussichtslos in einer Koalition, deren drei Parteien von existenziellen Ängsten getrieben werden. Und auch an einen eventuellen Rauswurf Guido Westerwelles aus dem Amt des Außenministers hängt – zumindest in Berlin – kaum mehr einer Hoffnungen.

Nun aber, so sehen das viele, hat die Partei wieder eine Mission: Sie wird für das Leistungsprinzip in der Europapolitik kämpfen. Dass Rösler den Durst der FDP nach Selbstvergewisserung in einem solchen für die Weltwirtschaft kritischen Moment stillt, hat vorerst Druck von ihm genommen. Doch die Streicheleinheit könnte sich noch rächen. Denn Rösler hat sich – bewusst oder unbewusst – mit seinen Aussagen zur griechischen Insolvenz als Vizekanzler eine Leichtfüßigkeit erlaubt, die zur Nachahmung einlädt.

Härteproben für Röslers Strategie

Es ist unklar, ob sich die zweifelnden Abgeordneten nun leichter einbinden lassen, wo doch die FDP endlich wieder die Chance hat, Volkes Stimme zu repräsentieren. Die sogenannten Euro-Rebellen um den Abgeordneten Frank Schäffler gewinnen an Zuspruch . Der pikste noch am Abend, die FDP dürfe "den Mund nicht nur spitzen, sondern muss auch pfeifen". Dass die Berliner Liberalen die Abgeordnetenhauswahl unter Missbilligung der Parteispitze zur "Euro-Abstimmung" erklärten, zeigt, wie schnell das Thema unsteuerbar werden kann.

Die Härteproben für Röslers Strategie der dosierten Euro-Dissidenz stehen kurz bevor. Die Kanzlermehrheit bei der Abstimmung über den erweiterten Rettungsschirm ist alles andere als sicher. Schon bald könnte außerdem eine Mitgliederabstimmung eine Ablehnung des permanenten Rettungsschirms ESM zur FDP-Linie machen – spätestens dann wäre die Koalition wohl am Ende. Rösler wird nicht nur besänftigen, sondern auch führen müssen.

Letztlich werden die Umfragen entscheiden, ob Röslers halbe Euro-Skepsis in der Partei trägt. Noch ist nicht wirklich messbar, was der Wähler von der Akzentverschiebung hält. Aber wie lange – und wie glaubwürdig – lässt sich ein solcher Kurs innerhalb einer Regierung durchfechten, die doch immer wieder auf die Zwänge des Marktes reagiert? Die CDU macht jedenfalls nicht den Eindruck, als wolle sie Rösler entgegenkommen. Finanzminister Schäuble stellte erst am Wochenende wieder klar, dass für das Euro-Thema er zuständig sei.