Nach den Jugendprotesten in Großbritannien beschäftigen sich die Menschen in Deutschland mit der Frage, ob so etwas auch hierzulande möglich wäre. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sagte dazu, eine Gefahr bestehe nicht, denn die soziale Integration in Deutschland sei in den vergangenen Jahren sehr gut vorangekommen. Betrachtet man die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland, könnte er Recht haben. Mit gerade einmal 9,1 Prozent ist sie vergleichsweise gering.

Diese Quote gibt jedoch nur einen Teil der Wahrheit wieder. Seit 2010 konnte zwar eine geringe Entspannung auf dem Ausbildungsmarkt festgestellt werden. Nach dem aktuellen Berufsbildungsbericht 2011 des Bundesinstituts für Berufsbildung bekamen aber beinahe die Hälfte der Jugendlichen (46 Prozent), die eine duale Ausbildung anstrebten (51 Prozent eines Jahrgangs), keinen Ausbildungsplatz.

Die nach wie vor fehlenden Ausbildungs- und Arbeitsplätze werden durch ein sogenanntes Übergangssystem Schule-Beruf aufgefangen. Die Jugendlichen landen in vollzeitschulischen Berufsbildungsgängen oder in Maßnahmen verschiedener öffentlicher und karitativer Anbieter. Die qualifikatorischen Leistungen dieses Systems werden von Experten jedoch kritisiert. Denn auch nach dem Absolvieren einer oder mehrerer Maßnahmen werden die Chancen der Jugendlichen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt kaum verbessert. Zudem verursacht diese Warteschleife für junge Menschen jährlich Kosten in Höhe von rund sechs Milliarden Euro.

Vielen Jugendlichen gelingt erst nach vielen Jahren der Einstieg in das reguläre duale Berufsbildungssystem. Das steigert den Frust der jungen Generation. Der Sozialpsychologe Erich Fromm hatte bereits vor über 50 Jahren gemahnt: "Der Wille zu zerstören muss entstehen, wenn der Wille, etwas zu schaffen, nicht befriedigt werden kann."

Auch wenn es hierzulande noch nicht zu Krawallen wie in England oder zu Jugendprotesten wie in anderen Ländern gekommen ist, unterscheidet sich die deutsche Entwicklung auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt nicht grundsätzlich von der in anderen europäischen Ländern. Es gibt also für Politiker und die Wirtschaft keinen Grund, sich zurückzulehnen.