Von den "großen Vier" sprechen die Berliner Linken gern. Damit meinen sie sich selbst, SPD, CDU und Grüne. Vor nicht allzu langer Zeit war das auch noch nachvollziehbar: Bei der Bundestagswahl 2009 holten alle vier Parteien in Berlin etwa 20 Prozent . Damals hoffte die Linke sogar heimlich, bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus als stärkste Kraft abzuschneiden. Heute, da diese Wahl unmittelbar bevorsteht, klingt es etwas ulkig, wenn die Linke sich selbst noch zum Club der Großen dazuzählt.

Tatsächlich hat die Partei einen stetigen Niedergang hinter sich. Umfragen sehen sie nur noch bei elf Prozent, nicht mal ein einstelliges Ergebnis ist ausgeschlossen. Der Koalitionspartner SPD ist fast dreimal so stark. Gut möglich, dass es diesmal nicht mehr für eine Neuauflage von Rot-Rot reicht. Dafür ist die Linke, die seit zehn Jahren in Berlin mitregiert, derzeit einfach zu schwach.

Woran liegt's? Ach, "an vielen Gründen", sagt Tobias Schulze, ihr Wahlkreiskandidat aus dem Wedding. Es sei diesmal "unheimlich schwer, durchzudringen". Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich lange auf das Duell Wowereit gegen Künast. Dem linken Spitzenkandidaten Harald Wolf kam nicht mal eine Statistenrolle zu. Schuld daran, da sind sich viele Linke einig, seien die Medien, die Wolf nicht zum TV-Duell geladen hätten und auch sonst ignorieren. Es liege aber auch an Wolf selbst, auch das ist common sense in der Partei. "Wenig mitreißend", nennt ihn beispielsweise Schulze.

Um festzustellen, was er meint, muss man nur einen Wahlkampf-Auftritt besuchen. Davon gibt es reichlich derzeit, mehr als bei den übrigen Parteien. Täglich veranstaltet die Linke eine Kundgebung, durchaus mit Engagement und Prominenz. So wie am Dienstagnachmittag in Neukölln: An einem belebten Platz werden rote Luftballons verteilt. Auf der Bühne wechseln sich im Vorprogramm ein Jazz-Quartett und eine Commedy-Gruppe ab. Über die Karl-Marx-Straße knattert ein Auto, das mit Lautsprechern für die Kundgebung wirbt. Man merkt: Die Partei gibt sich durchaus Mühe. Allein, der Funken will nicht so recht überspringen.

Spätestens, als Wolf zu reden beginnt, zieht ein Teil der Laufkundschaft weiter. Dem Wirtschaftssenator werden hohe Kompetenzwerte attestiert. Ein feuriger Wahlkämpfer ist er nicht. Der gebürtige Offenbacher leiert lange, monoton vorgetragene Schachtelsätze aneinander. Die Begriffe sind abstrakt und sperrig. Es geht um "öffentlich geförderten Beschäftigungssektor", um den "Niedriglohnsektor", um "Schulstrukturreformen", um "Zweckentfremdungen von Wohnraum". Die einzigen, die tapfer klatschen, sind die Kandidaten der Linkspartei, gut zu erkennen an ihren roten Westen.

Wolf ist so gänzlich anders als Gesine Lötzsch mit ihrem platten Populismus. Die Parteichefin der Linken hat vor dem Wirtschaftssenator gesprochen und dabei gegen die "Rettungsschirme für Banken und den Euro" gewettert. Lötzsch fordert "endlich" einen "Rettungsschirm für Leute, die wenig Geld haben". Und sie fordert eine "Entschuldung Berlins". Wenn der Bund die Griechen rette – warum dann nicht auch die Berliner?

Die Parteiführung um Lötzsch und Klaus Ernst hat in der Berliner Linken keinen guten Ruf. Der negative "Bundestrend" muss in Gesprächen oft als Erklärung für den Abschwung herhalten. Am Infostand müsse er sich regelmäßig für das Telegramm an Fidel Castro und die Äußerungen zum Mauerbau rechtfertigen, sagt ein Wahlkämpfer in Neukölln. Kein Kilometer von hier entfernt war früher der Todesstreifen.