Papst-Besuch Wie Benedikt das Rednerpult zur Kanzel machte

Für den Papst-Auftritt im Bundestag scheute Berlin keine Mühe, auch die Fraktionen gaben alles, um schöne Bilder zu erzeugen. Nicht allen gefällt das.

Als Helmut Schmidt 1981 die DDR besuchte, lief eine vom Regime durchgeplante Vorstellung ab. In Güstrow ersetzte man die Passanten entlang der Besuchsroute des Kanzlers durch staatskonforme Stasi-Leute. Nichts Ungeplantes sollte das schöne Bild trüben. Auch wenn SED-Spitzenfunktionäre aus Berlin in die Provinz reisten, sperrten sie vorher die knappen Bestände an Fassadenfarbe, um damit Häuser an Hauptstraßen und Marktplätzen oberflächlich zu renovieren.

Heute geschieht Ähnliches, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen, sogar im Deutschen Bundestag, wo Papst Benedikt XVI. eine schon vorher umstrittene, mit Spannung erwartete Rede hielt. Das Kirchenoberhaupt blickte nicht nur in die vorbildlich und pünktlich gefüllten Sitzreihen von Union und FDP, sondern auch in leere, teils mit Gästen besetzte Reihen. Weil Parlamentarier der Opposition der Papstrede aus Protest fernbleiben wollten, gaben die Fraktionsführungen von SPD und Grünen freie Plätze für Gäste aus den Bundesländern, ehemalige Abgeordnete und Minister frei – um aus ihrer Sicht peinliche Publikumslücken zu vermeiden. Nur die Linksfraktion ließ die mehr als 40 unbesetzten Plätze leer.

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Entzündet hatte sich der Streit am Rederecht im Bundestag. Es ist ein kostbares Gut: Michail Gorbatschow erhielt es, Jaques Chirac, Nelson Mandela und Schimon Peres. Umstritten waren die Aufritte George W. Bushs oder der Wladimir Putins vor fast genau zehn Jahren. Putin ließ Panzer nach Tschetschenien rollen, während er zu den Abgeordneten sprach. Trotzdem applaudierten ihm die Abgeordneten fast vollzählig.

Erinnerung an dunkle Zeiten

Neutral betrachtet, bringt der Besuch Benedikts im Bundestag etwas Glanz in die Hütte, verschafft dem Politikbetrieb einige Stunden Ablenkung von blamablen Wahlergebnissen, vom Dauerkampf gegen die Staatsschuldenkrise. Die Bundestagsverwaltung ließ etwa 160 zusätzliche Stühle in den Plenarsaal stellen – um alle Interessenten unterzukriegen.

Für einen ehemaligen Priester und Kardinal sind Kanzeln die Orte der Rede. Als Benedikt beginnen sollte, strebte der Papst daher von seinem Sitzplatz aus dem erhöhten Podium zu, von dem aus Bundestagspräsident Lammert die Begrüßungsansprache gehalten hatte. Sanft machte der ihn schnell auf seinen Irrtum aufmerksam und lotste ihn zurück zum Rednerpult. Von dort aus erinnerte Benedikt an die Verantwortung der Politiker, dem Recht zur Geltung zu verhelfen und Unrecht zu verhindern. Er erinnerte an Zeiten, in denen "Macht von Recht getrennt war". Das ist unstrittig, auch für Linkspolitiker akzeptabel.

Grüne durch Benedikt direkt erwähnt

Mit seiner Analyse, was Recht ist und wie es zu erkennen sei, machte der Papst das Rednerpult dann doch ein Stück weit zur Kanzel. Fraglich sei, so sinngemäß, ob Natur und Vernunft als Rechtsquellen nicht doch eine schöpferische Vernunft Gottes voraussetzten. Da war es, was zur Differenzierung fähige Kirchenkenner als den "heiligen Bogen" verspotten – den rhetorischen Schwenk zur Verkündigung am Ende der Predigt. Wenig Widerspruch dürfte der Papst auch mit seiner Feststellung wecken, dass die Kultur Europas auf dem – umstrittenen – römischen Recht und dem jüdischen Gottesglauben fußt. Damit spreche Benedikt auch nur eine historische Wahrheit aus, sagte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin.

Die Grünen können für sich in Anspruch nehmen, vom Papst direkt erwähnt worden zu sein. Der Kopf von Bundeschef Özdemir fährt zu seinen Fraktionskollegen herum, als Benedikt die Grünen – als markante Entwicklung der siebziger Jahre preist, die ein "Schrei nach frischer Luft gewesen" sei. "Das war schon eine Wertschätzung", sagt Trittin später in den Katakomben des Reichstags.

Leser-Kommentare
    • MeÖz
    • 22.09.2011 um 20:20 Uhr

    Die Roten Treter sind ja mal der Hit! Feiern nach der Messer, wa Ratze ? Auf manchen Bilder vom Merkel und dem Papst, denke ich an Darth Vader als Merkel und Lord Palpatine als Gepann fürs Empire of Euro!

    Ne,Scherz beiseite. Humor in der Redaktion ist ja da.

    Auf alle Fälle fiel mir etwas auf :

    Die ARD hatte sprichwörtlich - Schaum vor'm Mund - beim Thema um Ströbeles Abgang. Mir war das nicht verständlich, immerhin haben dutzende Gefehlt.

    Hier in Berlin, hat "Ratze" ordentlich rabau gemacht - verkehrstechnisch natürlich.

    • MeÖz
    • 22.09.2011 um 20:21 Uhr

    Erste Zeile : Messe - nach der Messer nicht Messer.

    • Zack34
    • 22.09.2011 um 20:46 Uhr
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    Ebenso, wie sich aufgeklärte, gebildete Menschen zum Beispiel mit einem Staat, einer Partei, einer Nation, einer Ideologie, einer Wissenschaft, ihrer Arbeit, einer sozialen Gruppe oder einem Lebensstil identifizieren können.

    Ebenso, wie sich aufgeklärte, gebildete Menschen zum Beispiel mit einem Staat, einer Partei, einer Nation, einer Ideologie, einer Wissenschaft, ihrer Arbeit, einer sozialen Gruppe oder einem Lebensstil identifizieren können.

  1. Ebenso, wie sich aufgeklärte, gebildete Menschen zum Beispiel mit einem Staat, einer Partei, einer Nation, einer Ideologie, einer Wissenschaft, ihrer Arbeit, einer sozialen Gruppe oder einem Lebensstil identifizieren können.

    11 Leser-Empfehlungen
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    • kyon
    • 22.09.2011 um 21:07 Uhr

    Sie meinen also allen Ernstes, dass aufgeklärte und gebildete Menschen sich mit einem Mann identifizieren können, der behauptet, ein Gott habe eine Jungfrau mittels eines Geistes geschwängert und den daraus resultierenden Sohn zur Rettung der Welt als Menschenopfer hat sterben lassen, und der von sich behauptet, er sei irrtumsfrei, wenn er ex cathedra spreche, und der den obigen Halbgott auf Erden vertrete?

    ... mit Staat oder System oder beidem führen kann, müssen wir ja nicht weiter diskutieren,oder? Ebensowenig die Motiv. Da lobe ich mir den seinerzeitigen Bundespräsidenten Heinemann, der auf die Frage, ob er Deutschland liebe, sagte: "Ich liebe meine Frau."
    Das, was Sie als Identifikation bezeichnen, ist mir seit jeher höchst suspekt.

    • Zack34
    • 22.09.2011 um 21:40 Uhr


    Ihr Vergleich lässt viel Interprätationsspielraum.

    Und hinkt letztendlich, in einer jeden der erwähnten Kategorien. Was ein sektenhaftes Glauben an eine "unfehlbare" Führer-Person mit dem Glauben an eine Wissenschaft (ergo auch an Zweifel und Hinterfragen, die die Wissenschaft ausmacht!), oder an die eigene Arbeit (Feuerwehrmann, Krankenschwester, Handwerker, usw.) zu tun haben soll, entzieht sich mir völlig.

    Sonst, die "Atheisten - Behauptung"... naja, eine Binse.

    Achja, bevor ich´s vergesse noch was:
    eine Grüne und "bekennende Katholikin" (...) begrüßte den Papst ganz herzlich, hat sich aber anscheinend im Anflug extremer Hinterfragitis allen ernstes gewünscht, dass "die Kirche" (sic!) "etwas liberaler wird". Da diese ohnehin schon derart liberal ist, so ist eine Steigerung desselbigen prompt zu erwarten...

    • kyon
    • 22.09.2011 um 21:07 Uhr

    Sie meinen also allen Ernstes, dass aufgeklärte und gebildete Menschen sich mit einem Mann identifizieren können, der behauptet, ein Gott habe eine Jungfrau mittels eines Geistes geschwängert und den daraus resultierenden Sohn zur Rettung der Welt als Menschenopfer hat sterben lassen, und der von sich behauptet, er sei irrtumsfrei, wenn er ex cathedra spreche, und der den obigen Halbgott auf Erden vertrete?

    ... mit Staat oder System oder beidem führen kann, müssen wir ja nicht weiter diskutieren,oder? Ebensowenig die Motiv. Da lobe ich mir den seinerzeitigen Bundespräsidenten Heinemann, der auf die Frage, ob er Deutschland liebe, sagte: "Ich liebe meine Frau."
    Das, was Sie als Identifikation bezeichnen, ist mir seit jeher höchst suspekt.

    • Zack34
    • 22.09.2011 um 21:40 Uhr


    Ihr Vergleich lässt viel Interprätationsspielraum.

    Und hinkt letztendlich, in einer jeden der erwähnten Kategorien. Was ein sektenhaftes Glauben an eine "unfehlbare" Führer-Person mit dem Glauben an eine Wissenschaft (ergo auch an Zweifel und Hinterfragen, die die Wissenschaft ausmacht!), oder an die eigene Arbeit (Feuerwehrmann, Krankenschwester, Handwerker, usw.) zu tun haben soll, entzieht sich mir völlig.

    Sonst, die "Atheisten - Behauptung"... naja, eine Binse.

    Achja, bevor ich´s vergesse noch was:
    eine Grüne und "bekennende Katholikin" (...) begrüßte den Papst ganz herzlich, hat sich aber anscheinend im Anflug extremer Hinterfragitis allen ernstes gewünscht, dass "die Kirche" (sic!) "etwas liberaler wird". Da diese ohnehin schon derart liberal ist, so ist eine Steigerung desselbigen prompt zu erwarten...

  2. Stellen wir uns mal den komplementären Fall vor, ein islamischer Großmufti würde im Bundestag eine Rede halten und Parlamentarier würden aus Protest fernbleiben (vielleicht weil der Mufti nicht deutlich genug die Gleichheit von Mann und Frau unterstützt).
    Nein, ich will mir das nicht vorstellen, mir schellen schon jetzt die Ohren beim Gedanken an das zu erwartende Geschrei der Presse.

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    • wauzi
    • 22.09.2011 um 21:30 Uhr

    ist ein unabhängiger staat. kaum ein großmufti ist staatsoberhaupt.

    • wauzi
    • 22.09.2011 um 21:30 Uhr

    ist ein unabhängiger staat. kaum ein großmufti ist staatsoberhaupt.

  3. So viele Scheinheilige und Kinderschänder auf einem Haufen. Da hätte das BKA jede Menge zu tun, aber da trauen wir uns ja nichtr ran. Da kommt der Deckmantel des Schweigens drüber. Ich bin mir sicher, das wir mit den Skandalen der letzten zwei Jahre um den Missbrauch von Kindern durch katholishce Priester nur die Spitze des Eisberges zu Gesicht bekommen haben.

    ES gäbe noch so viel aufzuklären.

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    ... vor der "Herrschaft der Vernunft" gewarnt hat ...

    ... vor der "Herrschaft der Vernunft" gewarnt hat ...

  4. Jetzt kann auch Harry Potter im Bundestag sprechen.
    Vielen Dank CDU, Ihr habt die richtige Beziehung zur Demokratie.
    Bitte bleiben Sie konstruktiv. Die Redaktion/se

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    Ich bin begeistert. Ob dieser faux pas wohl irgendwann ins Wachbewustsein unserer durch den Auftritt dieses Woodopriesters hypnotisierten Politiker tritt?

    Ich bin begeistert. Ob dieser faux pas wohl irgendwann ins Wachbewustsein unserer durch den Auftritt dieses Woodopriesters hypnotisierten Politiker tritt?

  5. Wenn ich jemanden "unterkriegen" will, und damit Erfolg habe, hat dieser jemand verloren. Hier ist sicher weniger vom "unterkriegen", sondern vom "unterbringen" die Rede. Sollte man als ZEIT-Schreiber aber schon differenzieren können. Auch, wenn man alles ganz schnell auf einer Seite "unterkriegen" muß ;-)

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