Benedikt in Berlin Die Papst-Rede im Bundestag

Der Papst hat vor Abgeordneten im Bundestag gesprochen. Die Rede von Benedikt XVI. im Wortlaut.

"Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen (...). In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren – gewiss auch als Landsmann (...). Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. (...)

Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen.

Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? (...) In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber dass in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muss sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen. (...)

Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitäre Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. Für diese Menschen war es unbestreitbar evident, dass geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war. (...)

Wenn damit bis in die Zeit der Aufklärung, der Menschenrechtserklärung nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Gestaltung unseres Grundgesetzes die Frage nach den Grundlagen der Gesetzgebung geklärt schien, so hat sich im letzten halben Jahrhundert eine dramatische Veränderung der Situation zugetragen. (...)

Ich möchte kurz andeuten, wieso diese Situation entstanden ist. (...) Wenn man die Natur – mit den Worten von H. Kelsen – als "ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen" ansieht, dann kann aus ihr in der Tat keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen. Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erkennt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. 

Das gleiche gilt (...) für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis. Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus.

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Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt - und das ist in unserem öffentlichen Bewusstsein weithin der Fall -, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist. (...)

Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit. Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verwiesen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden.

Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, dass wir in dieser selbst gemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.

Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? (...)

Ich erinnere an einen Vorgang in der jüngeren politischen Geschichte (...). Ich würde sagen, dass das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseiteschieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. 

Jungen Menschen war bewusstgeworden, dass irgendetwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen. (...) Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen. (...)

An dieser Stelle müsste uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben.

Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom - aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist. (...)"

 
Leser-Kommentare
    • thea92
    • 22.09.2011 um 18:17 Uhr

    In dem was der Papst sagt liegt sehr viel Wahrheit!

    • h1
    • 22.09.2011 um 18:32 Uhr

    Über das Menschseins nachzudenken soll im Grundgesetzt verankert werden ;-)

  1. Und was hat er gesagt?
    Nichts gegen Rüstung.
    Nichts gegen Krieg.
    Nichts gegen Umverteilung von unten nach oben.
    Nichts gegen Armut.
    Nichts gegen Mißbrauch von Kindern.

    Alles kann gut sein.
    Aber es muß sich nichts ändern.

    Und Gott ließ es regnen.

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    • nicko
    • 22.09.2011 um 22:17 Uhr

    Zu all dem hat der Pabst etwas gesagt, wenn er darauf hin weist, dass der Mensch Gott braucht. Leider musste er den hohen Intellekt ansprechen, um möglichst wenig Angriffsfläche für Mißverständnisse zu bieten. Schade, hätte er doch hier schon die Freiheit gehabt zu sagen: "Kehrt um zu Jesus!" In seiner Predigt im Olympiastadion war das dann lupenreines Evangelium. Danke Benedikt, Gott segne Dich.

    • nicko
    • 22.09.2011 um 22:17 Uhr

    Zu all dem hat der Pabst etwas gesagt, wenn er darauf hin weist, dass der Mensch Gott braucht. Leider musste er den hohen Intellekt ansprechen, um möglichst wenig Angriffsfläche für Mißverständnisse zu bieten. Schade, hätte er doch hier schon die Freiheit gehabt zu sagen: "Kehrt um zu Jesus!" In seiner Predigt im Olympiastadion war das dann lupenreines Evangelium. Danke Benedikt, Gott segne Dich.

  2. nette Rede, wenn man sich die Zeit zum durchlesen nimmt, stellt man fest, dass der Papst doch gerne wieder zurück möchte, nein,nicht zur Natur, nur so 1000 Jahre zurück.

    An den Taten sollt ihr sie erkennen und da sehe ich nur schwarz. ( Aber auf einen Schwätzer mehr oder weniger kommt es gar nicht an, da sind wir ja dank unserer "Regierung" schon einiges gewohnt, deshalb verstehe ich die ganze Aufregung nicht.

    Mir tun nur die ganzen "Schäfchen" leid, die tatsächlich was von diesem Gerede erwartet haben.

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    -nis...1000 Jahre ist diese noch nicht alt.
    Dauerschreiber, die seit 50 Jahren dieselben Punkte bringen, sind natürlich höchst innovativ ;)in ihren TATEN ???

    -nis...1000 Jahre ist diese noch nicht alt.
    Dauerschreiber, die seit 50 Jahren dieselben Punkte bringen, sind natürlich höchst innovativ ;)in ihren TATEN ???

    • maj7
    • 22.09.2011 um 20:37 Uhr

    Wenn ich Ihrem starsinnigen & heuchlerischen Geplapper über die Unantastbarkeit der Menschenwürde zuhöre, muss ich an die dunklen Zimmer & Ecken denken, in denen Kinder & junge Heranwachsende, meine Brüder & Schwestern im Namen Deines Gottes misshandelt, vergewaltigt & von sog. hohen Würdenträgern Ihrer Kirche zu ekelhaften Spielchen & Handlungen gezwungen worden sind. Und dabei reden wir hier nur von Teilaspekten als Folge eines befremdlichen & kleingeistigen Verhaltens im Umgang mit Erziehung & Sexualität.

    Es sind Ihre Mitarbeiter, werter Herr Papst, die es gewesen waren & heute noch immer sind, welche die Würde von Millionen hilfloser Menschen mit Füßen treten sowie unsere, im Art. 1 des Grundgesetzes festgeschriebe, deutsche Auffassung von der Würde des Menschen- diese zu achten & zu schützen, massiv verletzen. Unzählige junge Menschen, die unter der Obhut Ihrer Organisation stehen, wurden & werden vermutlich immer noch massiv geängstigt, in ihrer natürlichen Entwicklung beschränkt, ihr Verhältnis zum eigenen Körper massiv gestört & psychisch geschädigt.

    ...

    • maj7
    • 22.09.2011 um 20:38 Uhr

    Sie, werter Herr Papst, als oberster Repräsentant & Teil dieser für diese menschenverachtenden Verbrechen stehenden Organisation, entziehen sich als Gast in unserem hohen Haus durch Hohn, Spott, Ignoranz & romantischer Verklärung einer verhängnissvollen & nicht zuletzt auch grausamen Erziehungspraxis Ihrer Verantwortung & unserem Versprechen aus Art. 1 des Grundgesetzes.

    Ich darf Sie, sehr geehrter Herr Papst gleichwohl daran erinnern, dass Ihre Kirche als Institution im Grundsatz eine nach Innen und Aussen autoritär und ebenso totalitär geführte Organisation ist und allein aus diesem Grunde schon im Wiederspruch zu unserer Vorstellung von Demokratie und Pluralität steht.

    Sie, werter Herr Gast, stehen nicht auf dem Boden unserer freiheitlich, demokratischen Grundordnung.

    Verachtungsvoll,

    1 Deutscher Atheist

  3. was verschiedene Kommentatoren wollen. Der Papst hat im Bundestag zur "politischen Elite" gesprochen. Diese gebildeten Damen und Herren Abgeordnete werden wohl zwischen den Zeilen lesen können. Zu den "normalen" Menschen sprach er dann im Olympiastadion - die scheinen ihn da verstanden zu haben. Übrigens, das Verhalten des Volksvertreters Ströbele war dem Gast gegenüber unhöflich, nein es ist schlimmer, es war ungezogen.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. -nis...1000 Jahre ist diese noch nicht alt.
    Dauerschreiber, die seit 50 Jahren dieselben Punkte bringen, sind natürlich höchst innovativ ;)in ihren TATEN ???

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