ParteiensystemPiraten zwischen Öko und Liberalismus

Die Piraten verunsichern Konkurrenz und Politologen. Sind das verkappte Liberale oder Linke? Auch die 15 neuen Berliner Abgeordneten müssen noch einiges klären.

Demonstrierende Anhänger der Piratenpartei (im Bundestagswahlkampf 2009 in Erfurt)

Demonstrierende Anhänger der Piratenpartei (im Bundestagswahlkampf 2009 in Erfurt)

"Ich zeige Ihnen jetzt das Internet", sagt Christopher Lauer, als er das weiß leuchtende Display eines Apple-Laptops in die Kameras dreht. Im Saal 113 im ersten Stock des Berliner Abgeordnetenhauses erzeugt der eloquente Neu-Parlamentarier mit der trendigen Brille allgemeine Heiterkeit. "Es besteht auch nachher noch die Möglichkeit, Nahaufnahmen vom Internet zu machen", ergänzt er.

Das Internet, aha. Aber auch sich selbst können die Piraten gut auf die Schippe nehmen. "Man hat ja im Wahlkampf gemerkt, dass wir mit unseren Bildungslücken sehr offensiv umgehen", sagt Lauer – gemeint ist etwa ein Fernsehinterview aus dem Wahlkampf, in dem sein Sitznachbar, Spitzenkandidat Andreas Baum, die Berliner Schuldensumme nicht wusste.

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Erste Interviews, erste Wahlkampagne, erste Pressekonferenz . Die Piraten sind immer noch eine Das-erste-Mal-Partei. Ihre 15 neuen Parlamentarier betreten mit dem Berliner Abgeordnetenhaus absolutes Neuland. Alles ist ungewohnt, der Informationsbedarf ist riesig: Verlieren wir den Job, weil wir jetzt Abgeordnete sind? Wo tagen wir eigentlich? Öffentlich oder nicht? Herrscht bei uns Fraktionszwang? Und wer bekommt den Fraktionsvorsitz?

Auf dem Podium im Tagungssaal reihen sich MacBooks aneinander, iPhones düdeln. Gerwald-Claus Brunner, der Elektrotechniker vom Listenplatz 14, ist im Blaumann gekommen, Lauer im Jackett, Baum trägt Kapuzenshirt. Sie erläutern, wie sie sich Mitbestimmung und Transparenz vorstellen: das Internet als virtuelles Parlament. Jeder soll mitdiskutieren, fragen oder einfach teilnehmen – alles öffentlich. "Ich möchte kein Geheimnisträger sein", sagt der Listen-Dritte Pavel Mayer, als er über die anstehenden Ausschusssitzungen spricht. Fehlende Öffentlichkeit triebe ihn in einen Gewissenskonflikt.

Allen Parteien Wähler abgezogen

Wieviel Konfliktstoff diese Frage für die Piraten bietet, zeigte sich schnell. Keine 30 Stunden nach dem Wahltriumph führte der Umgang mit der Transparenz in eigener Sache zu einem ersten internen Zerwürfnis: Einige Teilnehmer einer Piraten-Besprechung am Montag setzten sich dafür ein, die Fraktion auch in geschlossener Runde tagen zu lassen, um "offen miteinander zu reden". Aber nicht alle waren in der Diskussion dieser Meinung, sogar das Wort Zensur fiel. Und so etwas wäre gegen jede Piratenehre.

Ähnlich unsicher reagiert in diesen Tagen das neue Umfeld der Piraten. Die politische Konkurrenz giftet oder gratuliert großmütig. Politologen, die den Piraten nach dem Überraschungserfolg zur Bundestagswahl 2009 ein schnelles Ende voraussagten, überdenken jetzt ihre Thesen noch einmal. Selbst die Kanzlerin bekannte, die anderen Parteien müssten die Piraten durchaus ernst nehmen.

Von allen Parteien haben die Piraten Wähler abgezogen, vor allem von den linken: Laut Infratest kamen 14.000 von der SPD, 13.000 von der Linken, 17.000 von den Grünen – und immerhin 6.000 von der FDP. Die neuen Piraten-Wähler kamen aus nahezu allen gesellschaftlichen Schichten: 14 Prozent sind junge, gut gebildete Selbstständige, sonst eher die Klientel von FDP und Grünen. Aber auch Arbeiter und Angestellte (21 Prozent) oder Arbeitslose (13 Prozent) sind unter den Piraten-Wählern – die nun der SPD fehlen. Auch 23.000 frühere Nichtwähler zogen die Piraten an die Wahlurnen.

Leserkommentare
  1. Die Piraten sind eine Schill-Partei für Leute mit gestörtem Verhältnis zum Eigentum anderer (Urheberrecht). Deshalb gehört ihnen die Idee von der Nutzung des Netzes zur politischen Willensbildung geklaut, denn die ist zu gut für diese Truppe mit den Bildungslücken.

    3 Leserempfehlungen
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    • Rhuo
    • 21.09.2011 um 19:01 Uhr

    Was ist eine Schill-Partei? Oder meinten sie etwa "Chill"-Partei?

    Netzpolitik ist wichtig. Trauriger Weise wissen die "alten" Frau-/Herrschaften lediglich mit Zensur, Beschränkungen und Freiheitsberaubung (bspw. Vorratsdatenspeicherung) reagieren.

    Dafür das wir in einer Informationsgesellschaft leben sollen ein Armutszeugnis.

    Nur nebenbei, beim Chillen kommen Menschen ebenfalls sehr gute Ideen die Welt zu verbessern. Make love not war z.B. ;)

    Gerade erhielt ich eine private Email mit einem Link zu YouTube.
    Aber den darf ich mir nach dem Diktat der Gema nicht ansehen.
    Zensur in D sogar durch private Organisationen die sich zu viel Privilegien nahmen. So sieht ein angeblicher Rechtsstaat im Lobby-Umfeld aus. Welche Lobby-infizierte Partei soll ich jetzt noch wählen?

    • Rhuo
    • 21.09.2011 um 19:01 Uhr

    Was ist eine Schill-Partei? Oder meinten sie etwa "Chill"-Partei?

    Netzpolitik ist wichtig. Trauriger Weise wissen die "alten" Frau-/Herrschaften lediglich mit Zensur, Beschränkungen und Freiheitsberaubung (bspw. Vorratsdatenspeicherung) reagieren.

    Dafür das wir in einer Informationsgesellschaft leben sollen ein Armutszeugnis.

    Nur nebenbei, beim Chillen kommen Menschen ebenfalls sehr gute Ideen die Welt zu verbessern. Make love not war z.B. ;)

    Gerade erhielt ich eine private Email mit einem Link zu YouTube.
    Aber den darf ich mir nach dem Diktat der Gema nicht ansehen.
    Zensur in D sogar durch private Organisationen die sich zu viel Privilegien nahmen. So sieht ein angeblicher Rechtsstaat im Lobby-Umfeld aus. Welche Lobby-infizierte Partei soll ich jetzt noch wählen?

  2. Zitat: 23.000 frühere Nichtwähler zogen die Piraten an die Wahlurnen.
    ###
    Das sind ca.1/3 der Stimmen!Die sind z.B. wichtig.
    .
    Wohlhabend, Segelboot, gutes Gehalt, Radfahrer, für mehr Steuern bei sich selbst, dafür Vernünftige preiswerte, teilweise kostenlose Daseinsvorsorge für alle.....
    .
    Ist so jemand ein Linker, Rechter, Liberaler?
    .
    Diese Schuböaden passen doch nicht mehr. Genau daran, an fehlenden Inhalten, an Politsprech und sage vielleicht, meine nein aber doch ja.... sind doch die etablierten Volks-Parteien gescheitert.
    .
    Wie war da noch mal: Wir versuchen Antworten zu geben auf Fragen, die ihr demnächst noch stellen werdet :-))
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    Ist das von den Piraten?
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    Gruss
    Sikasuu

    3 Leserempfehlungen
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    ...seine eigene Partei gründen. Weil niemals zwei Menschen zu allen Dingen genau die gleiche Meinung haben und immer genau die selben Interessen verfolgen. Das Problem ist halt, dass in der Politik irgendwann konkrete Entscheidungen getroffen werden müssen, die dem einen Teil der Wähler gefallen und dem anderen nicht. Die Piraten hatten bisher den Vorteil, dass sie sich noch nirgends genau positionieren mussten sie deshalb eine Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Interessengruppen abgaben. Spätestens wenn sie tatsächlich mal an irgendeiner Regierung beteiligt werden, müssen sie zwangsläufig Farbe bekennen und werden "entzaubert".

    ...seine eigene Partei gründen. Weil niemals zwei Menschen zu allen Dingen genau die gleiche Meinung haben und immer genau die selben Interessen verfolgen. Das Problem ist halt, dass in der Politik irgendwann konkrete Entscheidungen getroffen werden müssen, die dem einen Teil der Wähler gefallen und dem anderen nicht. Die Piraten hatten bisher den Vorteil, dass sie sich noch nirgends genau positionieren mussten sie deshalb eine Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Interessengruppen abgaben. Spätestens wenn sie tatsächlich mal an irgendeiner Regierung beteiligt werden, müssen sie zwangsläufig Farbe bekennen und werden "entzaubert".

  3. Die PIRATEN haben nur eine geschichtliche Existenzberechtigung. Sie besteht darin, dass sie zur Epochenwechsel-/Ordnungsübergangs-Partei wird.

    Die EURO-Krise drängt auf einen Wechsel der Fortschrittsordnung - raus aus dem 2%Wachstumszwang-Regime der Kapitalstock-Maximierer und Ressourcen-Verschwendungs-Organisatoren.

    Um zur Epochenwechselpartei zu werden, müßten die PIRATEN nur e i n e Innovation in die Diskussion bringen: die evolutionäre Variaten des Grundeinkommens, die ich KREATIV-Lohn nenne. Dieser ist ein Zweiteinkommen-für-Jeermann. Er tritt an die Stelle der Flächentariflohnerhöhungen und ist energie- und sachkapitalsteuer-finanziert. Bei den Grünen wird dies ÖKO-Bonus genannt - und totgeschwiegen. Die PIRATEN könnten die Totschweigemauer öffnen. Das wäre ihre geschichtliche Leistung.

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