Längst aber sind die Piraten keine reine "Internetpartei" mehr. Inzwischen werben sie für eine liberale Drogenpolitik, für den Mindestlohn oder den Laizismus. Das Programm erinnert an einen Mix aus FDP, Grünen und Linkspartei. Als "linksliberal" bezeichnen sich die Piraten selbst. Baum legt Wert darauf, dass seine Partei "schon abgecheckt" habe, dass man den Berlinern nicht das Blaue vom Himmel verspricht, sondern seriös argumentiert. Nicht alle Forderungen sind so populär wie die kostenlose S-Bahn. Im Gegenzug fordern die Piraten eine Sondersteuer und Kurtaxe von allen Touristen. En Detail sei zwar noch nicht alles durchgerechnet und gegenfinanziert, räumt er ein. Aber hey, "das machen die Grünen auch nicht". Die 100.000 neuen Jobs, die sie versprechen, seien doch "sorry, ein Witz".

Die Lieblingsgegnerin der Piraten in diesem Wahlkampf ist "Renate", wie sie hier alle nennen. Die grüne Spitzenkandidatin hatte angekündigt, die Piraten "resozialisieren" zu wollen. Würfel und Co. waren empört. Ihren eigenen Aufwind erklären sie sich nicht zuletzt mit der Unzufriedenheit, die Künast in vielen linksliberalen Kreisen entgegenschlägt.

Viele Piraten waren früher Grünen-Sympathisanten, manche kamen von der FDP, einer von der Jungen Union. Inhaltliche Flügel-Streitigkeiten gebe es trotzdem nicht, beteuern alle. Für mehr Ärger intern sorgte zuletzt ein "Software-Streit". Die Berliner Piraten schwören auf ihr Konzept der liquid democracy , bei dem sich jedes Mitglied je nach Interesse direkt und kontinuierlich am politischen Prozess beteiligen kann. Andere Piraten-Verbände haben andere technische Vorstellungen von der gelebten, transparenten Demokratie.

Wahlkampf 1.0

In die Parteizentrale werden nun mehrere Kisten geliefert. Der Inhalt: Hunderte Luftballons. Die sollen im Straßen-Wahlkampf an Passanten verschenkt werden. Wie bitte? Luftballons und Infostand? Ist das nicht old-school? Baum zuckt mit den Schultern. Ach, man verrate die Ideale nicht, wenn man sich kommunikativ ein wenig an die anderen Parteien anpasst.

"1.0er-Wahlkampf", nennt das Benny. Er ist der Direktkandidat der Piraten in Neukölln. Zusammen mit drei anderen Jungs verteilt er vor einem Einkaufscenter Flyer und Aufkleber. Sogar eine gedruckte Wahlkampf-Zeitung gibt es, den Kaperbrief . "Wir haben dazugelernt", sagt Benny. Wenn man den Wahlkampf nur im Netz macht, wie früher, erreicht man viele potenzielle Wähler nicht. Als Mandatsjäger dürfe man keine "Barrieren" zwischen sich und den Bürgern errichten,

Und wer weiß, vielleicht bleibt es nicht nur beim Parlamentseinzug. Benny erzählt, wie die anderen Parteien bereits den Kontakt suchen, um die potenziellen parlamentarischen Neulinge "mütterlich-fürsorglich" unter ihre Fittiche zu nehmen. Vielleicht erwächst hier sogar ein neuer Koalitionspartner? Rot-Rot-Pirat? "Warum nicht?", fragt Benny zurück und grinst. Allerdings müsse man tunlichst aufpassen, dass man dann die Ideale nicht verrate. Basisdemokratie und totale Transparenz müssten auch im Parlament weiterhin propagiert und gelebt werden. Eine Bedingung der Piraten für eine Koalition wäre beispielsweise bereits, dass man die Verhandlungen im Netz verfolgen kann. Fraglich allerdings, ob Wowereit da mitmacht.