Ach nö, das ist nicht das Ergebnis, das Klaus Wowereit sich gewünscht hat. Und das zeigt der Regierende Bürgermeister auch. Als er um 18.30 Uhr ans Mikro tritt, seufzt er erst einmal laut auf: Es sei "so schön" hier zu sein, auf "der besten Wahlparty" der Stadt. Aber Wowereit verhehlt auch nicht, "ein bisschen traurig" zu sein. Ein Ergebnis "30 plus" hätte es schon sein dürfen, sagt er. Es klingt knatschig.

Auch Wowereits Anhänger hatten mit einem triumphaleren Ergebnis gerechnet: Der Partysaal in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg war schon lange vor den ersten Hochrechnungen proppevoll gewesen. Man hatte sich eingeklatscht und auf den Wahlsieg gefreut, den die Umfragen seit Langem vorhersagt hatten. Und dann die erste Prognose um 18.00 Uhr: Nur 29,2 Prozent, leichte Verluste im Vergleich zur Vorwahl. Erst quittierten die Genossen das mit kurzer Stille, dann mit trotzigem Applaus, der erst frenetisch wurde, als der FDP-Balken bei 2,0 Prozent verkümmerte.

Aber sei's drum. Auch wenn die SPD im Verlauf des Wahlabends sogar noch einen Prozentpunkt tiefer rutschte und Wowereit nicht einmal seinen eigenen Wahlkreis gewann: Zum Trübsaal besteht bei den Sozialdemokraten kein Anlass. Schließlich kann sich die SPD frei entscheiden, ob sie künftig mit der CDU oder den Grünen koalieren will. Sie bleibt stärkste Kraft und Wowereit bleibt Regierungschef.

Entsprechend bombastisch wird sein Einmarsch auf der Wahlparty inszeniert. Eine Kamera begleitet ihn, als er mit Entourage die Halle betritt, dabei wummert Techno und die Diskokugel flackert. "Wowi, Wowi"-Rufe ertönen. Der Regierende schunkelt mit, klatscht zurück und verteilt Handküsse auf die Tribüne.

Aber, wie gesagt, Wowereit hat schon ausgelassener gefeiert. Etwas wehmütig zollt er den Linken seinen "Respekt". "Leider" werde eine gemeinsame Koalition künftig nicht mehr möglich sein. "Rot-Rot ist abgewählt" triumphieren die Konkurrenzparteien bereits in ihren Pressemitteilungen.

Gewinner-Typ Wowereit

Aber allzu lange beschäftigt sich Wowereit an diesem Abend ohnehin nicht mit der Berliner Landespolitik. Nach wenigen Sätzen bereits attackiert er die zerstrittene, schwarz-gelbe Bundesregierung, "wenn man die noch so nennen darf". Das seien "Dilettanten", die schleunigst "zurücktreten" sollen.

Hoppla, deutet da etwa jemand bundespolitische Ambitionen an? Mehrere hatten Wowereit ja zuletzt als potenziellen Kanzlerkandidaten ins Spiel gebracht. Kürzlich erst Michael Sommer: Der DGB-Chef lästerte öffentlich, dass ein SPD-Kandidat in erster Linie "Wahlen gewinnen" können müsse. Das richtete sich gegen die sogenannte Führungs-Troika der SPD. Parteichef Sigmar Gabriel, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Ex-Finanzminister Peer Steinbrück vereint, dass sie als Spitzenkandidaten all ihre Wahlen verloren haben.

Die Partei-Linke und die Gewerkschaften wollen vor allem den derzeit gehypten Steinbrück verhindern. Wowereit, so ihre Botschaft in diesen Tagen, sei ein Gewinner-Typ. Wowereits Vertraute rechnen gerne vor, dass ihr Chef bisher bei jedem seiner Wahlsiege in Berlin Prozentpunkte hinzugewonnen habe. Diesmal ist das allerdings nicht ganz so.

Doch SPD-Chef Gabriel ist ebenfalls kein glühender Steinbrück-Fan. Mit Wowereit dagegen hat er bereits 2009 eine Allianz geschlossen: Wowereit, damals von mehreren Landesverbänden als Parteivorsitzender favorisiert, verzichtete und unterstützte Gabriels Kandidatur. An diesem Abend auf der Bühne der Kulturbrauerei erinnert Gabriel heiter daran, wie viele Wahlsieger die SPD im Wahljahr 2011 hervorgebracht hat. Je mehr potenzielle Kandidaten die SPD aufzubieten hat, umso besser für ihn.

Auch der Parteichef holzt ordentlich gegen die Bundesregierung. Auf der Bühne ruft er den "Regierungsnotstand" in Berlin aus. Am Wochenende hat er "Neuwahlen" gefordert. Zwar rechnet Gabriel nicht wirklich mit einem freiwilligen Rückzug von Schwarz-Gelb, wie er ebenfalls einräumt. Aber dennoch weiß er, dass sich die K-Frage der SPD bald in neuer Dringlichkeit stellen könnte.