Staatsbesuch Ein freundlicher Wulff erfreut Präsident Gül

Der Anschlag in Ankara trübte den Besuch des türkischen Präsidenten Gül in Osnabrück. Doch sein Amtskollege Wulff verschonte ihn mit kontroversen Themen.

Abdullah Gül steht im Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses und wartet auf seinen Auftritt. Der türkische Staatspräsident hört die Begrüßung des Osnabrücker Oberbürgermeisters Boris Pistorius, hat dabei die Hände vor seinem Körper gefaltet und blickt durch den Raum. Der alte holzvertäfelte Saal schluckt dämpfend die Worte. Es ist warm und es gibt wenig Platz. Hier endete der Dreißigjährige Krieg. Auf der Türklinke am Eingang zum Rathaus steht zur Erinnerung: "Friede 1648". Kein guter Ort, um über Gewalt und Verbrechen zu reden.

Doch Gül muss. Gut eine Stunde zuvor hat der Staatspräsident von dem Bombenanschlag in der türkischen Hauptstadt Ankara erfahren. Vielleicht deshalb die dreißigminütige Verspätung in Osnabrück. Der Besuch in Niedersachsen war lange geplant. Im Oktober vergangenen Jahres hatte Bundespräsident Christian Wulff Kayseri, die Heimat Güls besucht. Jetzt ist Gül in der Heimatstadt Wulffs. Ein Zeichen der Freundschaft.

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Tatsächlich macht es Gül kurz. Er geht ans Rednerpult, und nach den obligatorischen Begrüßungsfloskeln – er sei beeindruckt vom Empfang – kommt er unmittelbar auf das Attentat von Ankara zu sprechen. Nur wenige Sätze widmet er den Ereignissen in seiner Heimat. Doch was er sagt, ist deutlich. Er spricht sofort von "Terror gegen die Zivilbevölkerung". Wulff wird erst am Nachmittag über den "fürchterlichen Bombenanschlag" reden. Gül hat den Vortritt. Mit seiner leisen, etwas kehligen Stimme sagt er: "Ich verurteile diesen Terror auf das Schärfste". Seine Gedanken seien bei den Opfern und deren Angehörigen.

Es sind aufregende Tage für den türkischen Staatspräsidenten. Montag musste er wegen einer Bombendrohung seine Rede an der Berliner Humboldt-Universität verschieben. Gül passte das gar nicht. Zwei Stunden musste er warten. Auch heute berichten türkische Journalisten davon, Gül habe im kleinen Kreis ernsthaft damit gedroht, seinen Deutschlandbesuch abzubrechen, wenn die Rede ausfiele. An diesem Morgen dann das Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel, bei dem es unter anderem um konfliktgeladene Themen wie den EU-Beitritt und das türkisch-israelische Verhältnis ging. Und schließlich die Bombe von Ankara am Tag des Osnabrück-Besuchs, der selbsternannten Friedensstadt.

Tatsächlich dauerte es aber nicht lange, bis sich Güls Laune sichtlich besserte. Am Rathausplatz hatten sich mehrere Hundert Deutsch-Türken mit Fahnen und Plakaten versammelt. Immer wieder applaudierten sie dem Präsidentenpaar, das gemeinsam mit Wulffs Ehefrau Bettina und Tochter Annalena einen Rundgang durch die Altstadt unternahm. Gül und seine Ehefrau Hayrünnisa wurden in Osnabrück gefeiert wie ein Pop-Pärchen. Es hatte etwas von einem Triumphzug. Und Gül genoss das Bad in der Menge.

Auf dem Weg von der Kirche Sankt Marien zum Domplatz kamen zahlreiche Anhänger Güls und überreichten ihm Blumen, wollten Autogramme und Fotos. Junge Frauen mit bunten Kopftüchern filmten mit ihren Handys. Türkische Sprechchöre setzten ein. Menschen winkten aus den Fenstern. Dazu wurden deutsche und türkische Fahnen geschwenkt, die Kapelle des städtischen Ratsgymnasiums spielte Abba-Songs. Die Güls strahlten.

Auch in Osnabrück betonte der Staatspräsident gleich mehrfach die Bedeutung des deutsch-türkischen Verhältnisses für sein Land. Deshalb freue er sich über das gute Verhältnis zu "seinem Freund" Wulff. Gül, der promovierte Wirtschaftswissenschaftler, weiß um das Potenzial der Beziehungen. Knapp drei Millionen Türken leben in Deutschland, etwa die Hälfte davon mit deutschem Pass. Knapp vier Millionen deutsche Touristen reisen jedes Jahr in die Türkei. Auch der Handel ist stark gewachsen. Gut 4.500 deutsche Firmen sind in der Türkei tätig.

Am Nachmittag besuchten die Präsidenten die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, wo sie die Schirmherrschaft für ein deutsch-türkischen Jugendprojekt übernahmen. Gül staunte über laserbasierte Reinigungstechnik und ließ sich den "Lotus-Effekt" an selbstreinigenden Oberflächen zeigen. So sieht sich Gül gerne. Als Macher, als Freund der Wirtschaft, dem Fortschritt stets aufgeschlossen.

Und dieses Bild will er auch nach außen tragen. Viele Europäer hätten sich die Türkei bisher als rückständiges Land vorgestellt, wo Pferdewagen statt Autos auf den Straßen führen, hatte Gül vor seinem Osnabrück-Besuch gesagt. Nun ändere sich dieses Image. Inmitten der Krise in der EU lege die Türkei wirtschaftlich zu, politisch sei die Türkei heute international so einflussreich wie die ganze EU zusammen. Dass er darin auch sein Verdienst sieht, lässt er unausgesprochen.

Auch beim Thema Integration möchte sich Gül nichts nachsagen lassen. Er wiederholt bei einem Besuch des Zentrums für Interkulturelle Islamstudien der Universität Osnabrück seine Forderung: "Jeder Muslim in Deutschland muss auf perfekte Art und Weise deutsch sprechen." An dem Zentrum werden künftig auch Imame ausgebildet. Er lobte Wulff für seinen Satz, wonach der Islam zu Deutschland gehöre. Es sei dabei die Frage, wo Studierende Religion lernten. Das Zentrum in Osnabrück ist dafür die richtige Stelle, so Gül. Ein Lob, das direkt an "den Freund" Wulff geht, der während seiner Zeit als Ministerpräsident Niedersachsens den Aufbau des Zentrum unterstützte.

Also nickt der Bundespräsident in der ersten Reihe sitzend den Worten Güls. Er selbst hatte zuvor gesagt, man wolle sich auch beim Thema islamischer Religionslehre vorbildhaft verhalten und versuchen, gemeinsam etwas aufzubauen. Und dabei nickt Gül versöhnlich zurück. Es ist heute nicht der Tag für Kontroversen gewesen. Nicht in der Friedensstadt, nicht in Osnabrück.

 
Leser-Kommentare
    • vril
    • 20.09.2011 um 20:44 Uhr

    [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Provokationen. Danke. Die Redaktion/er

    Eine Leser-Empfehlung
  1. 2. Oh Ha!

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/se

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    11 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Oh Ha!"
  3. "Es hatte etwas von einem Triumphzug."

    Hier dürfte wieder Kritik erschallen. Zu Unrecht, natürlich fühlen sich augenscheinlich und laut Statistik die meisten türkischen Mirganten als Türken, aber dies ist legitim.

    Eine noch Mehrheitsgesellschaft welche es nicht schafft, sich zu sich selbst, und ihrem Sein zu bekennen, hat auch keine Sendungsfunktion. Ich könnte mich als Fremder auch nicht mit einem Land identifizieren, welches sich nicht zu seiner Identität bekennt (viele gar nicht wissen was dies ist), ständig unterwürfig agiert und keinen Nationalstolz kennt.

    "Inmitten der Krise in der EU lege die Türkei wirtschaftlich zu."

    Ebenso wie die Staatschulden, aber hier breiten wir, und die Medien, einen Mantel des Schweigens aus. Die Türkei müßte noch 15 Jahre in diesem Maße weiterwachsen um südeuopäischen Standart zu erreichen und weitere 15 Jahre für mitteleuropäischen, gesehen auf die Gesamttürkei. Ein paar Perlen machen noch kein Industrieland aus.

    "Politisch sei die Türkei heute international so einflussreich wie die ganze EU zusammen!"

    Dies könnte man auch für Realitästfern halten. Nicht einmal so Einflußreich wie Spanien, oder Italien, aber das Träumen schadet nie, wer keine Ziele hat, kommt dort nie an.

    Insgesamt ein lauer Artikel, aber was will man von einem Bericht über ein laues Geschehen anderes erwarten, wenigsten waren die anwesenden türkischen Groupies erfreut. Dies bedeutet zufriedene Migranten und ein friedliches Zusammenleben, ist dies nicht wunderbar?

    17 Leser-Empfehlungen
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    Vollkommen d'accord mit Ihren Ausführungen, nur den internationalen Einfluss, den reklamiert die Türkei völlig zu Recht für sich.

    Schließlich ist aufgrund der geographischen Lage die Türkei einer der wichtigsten Ansprechpartner und Vermittler im Nahostkonflikt (auch wenn dem israelischen Außenminister Lieberman das offensichtlich noch niemand gesteckt hat). Und gerade jetzt, im arabischen Frühling, wird die Türkei, mit ihrer Verankerung im Westen, mit ihrem (wenn auch nicht mehr ganz unumstrittenen) Laizismus, mit einer vergleichsweise robusten Demokratie und einer prosperierenden Wirtschaft, als ein Modell wahrgenommen. Die Türkei ist international wichtig, heute vielleicht mehr denn je. Aus einem anderen Grund wichtig als Deutschland oder Spanien oder Italien, aber nichtsdestotrotz: sie ist unverzichtbar.

    Die Wirtschaft wächst in dem selben Tempo wie China. Das sehen Sie auch, wenn Sie das Land bereisen. Diplomatisch ist das Land zu einem Schwergewicht geworden. Sie kommen langsam dahin wo Sie mal waren. Es bringt nicht sich die Augen vor Wahrheiten zu verschießen.

    Vollkommen d'accord mit Ihren Ausführungen, nur den internationalen Einfluss, den reklamiert die Türkei völlig zu Recht für sich.

    Schließlich ist aufgrund der geographischen Lage die Türkei einer der wichtigsten Ansprechpartner und Vermittler im Nahostkonflikt (auch wenn dem israelischen Außenminister Lieberman das offensichtlich noch niemand gesteckt hat). Und gerade jetzt, im arabischen Frühling, wird die Türkei, mit ihrer Verankerung im Westen, mit ihrem (wenn auch nicht mehr ganz unumstrittenen) Laizismus, mit einer vergleichsweise robusten Demokratie und einer prosperierenden Wirtschaft, als ein Modell wahrgenommen. Die Türkei ist international wichtig, heute vielleicht mehr denn je. Aus einem anderen Grund wichtig als Deutschland oder Spanien oder Italien, aber nichtsdestotrotz: sie ist unverzichtbar.

    Die Wirtschaft wächst in dem selben Tempo wie China. Das sehen Sie auch, wenn Sie das Land bereisen. Diplomatisch ist das Land zu einem Schwergewicht geworden. Sie kommen langsam dahin wo Sie mal waren. Es bringt nicht sich die Augen vor Wahrheiten zu verschießen.

  4. den Wulff nicht sparen? Wir haben eine € kriese!

    13 Leser-Empfehlungen
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    Hätten Sie "Krise" nicht mit "ie" geschrieben,wäre mein hörendes Ohr vor Ihrem Beitrag nicht so schnell davongesprungen.

    Hätten Sie "Krise" nicht mit "ie" geschrieben,wäre mein hörendes Ohr vor Ihrem Beitrag nicht so schnell davongesprungen.

  5. Wulff hat jedenfalls mehr dafür getan, dass Türken, die seit Jahrzehnten hier in Deutschland leben und arbeiten, sich wenigstens bei einem Teil der Deutschen willkommen fühlen können.

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    • _Sven_
    • 21.09.2011 um 0:13 Uhr

    Huiuiui, mit dem Namen "Miri" in eine Diskussion über türkische Integration im Norden Deutschlands einzusteigen ist aber reichlich gewagt.

    • _Sven_
    • 21.09.2011 um 0:13 Uhr

    Huiuiui, mit dem Namen "Miri" in eine Diskussion über türkische Integration im Norden Deutschlands einzusteigen ist aber reichlich gewagt.

    • okky
    • 20.09.2011 um 21:16 Uhr

    hinterm PC in Deckung..

    Gleich kommen wieder alle Antitürken mit den bekannten
    Antisemiten, Armenier, Kurden, Griechenland und Zypernkeulen..

    Bitte beteiligen Sie sich sachlich und verzichten Sie auf Provokationen. Danke. Die Redaktion/er

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    pc das aus ;-)

    pc das aus ;-)

    • mahkay
    • 20.09.2011 um 21:35 Uhr

    Der C. Wulff hatte eingeladen. Und Gül kam der Einladung nach.
    Was ich an Wulff schätze ist, dass er eine Brücke zwischen Kulturen baut und in Deutschland für die migranten mit türkischen Wurzeln eine angenehme Erscheinung ist.

    Mag sein, das Türkei noch nicht die Standards europäischer Industrieländer erreicht hat. Doch sie sehen Deutschland, Schweiz und die skandinavischen Länder als Vorbild für Demokratie und Menschenrechte. In den letzten Jahren ist ein gutes Stück in diese Richtung gefahren worden.
    Auch wenn Türkei noch 10, 20 oder 30 Jahre auf dem Weg dahin benötigt, so hat es jedenfalls den richtigen Weg eingeschlagen.
    Es währe gut für Deutschland und der EU, wenn man weiterhin die Beziehungen ausbaut. Das würde auch für mehr Frieden im Nahen Osten und letzendlich für uns in Europa sorgen.

    Die Wirtschaft boomt in der Türkei. Erst kürzlich hat Standart & Poors die Bonität der Türkei wieder heraufgestuft, entgegen der Entwicklungen einzelner Länder in Europa.
    Auch der Einfluss der Türkei in arabischen Länder ist groß.
    So sehen viele arab. Länder Türkei als Vorbild. Demokratie und Islam ist also möglich. Bedingung ist, Trennung von Religion und Staat. Wie es auch in der Türkei der Fall ist.

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/er

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    • tecnyc
    • 20.09.2011 um 22:00 Uhr

    Ich behaupte das Gegenteil. Seitdem Erdogan am Ruder ist, ist die Türkei weit weniger säkular.

    • tecnyc
    • 20.09.2011 um 22:00 Uhr

    Ich behaupte das Gegenteil. Seitdem Erdogan am Ruder ist, ist die Türkei weit weniger säkular.

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