Demonstranten während einer Kundgebung vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main © Arne Dedert/dpa

Der Euro hat heute Zulauf. Aus allen Richtungen strömen die Menschen zu ihm, aus den Häuserschluchten des Frankfurter Bankenviertels kommen sie, sammeln sich vor der Europäischen Zentralbank, rund um die riesige Statue des Euro-Symbols mit dem blauen € und den gelben Sternen drum herum. Hier am Ort, der wie kein zweiter in Deutschland für die Bedeutung des Geldes steht, kommen fast 5.000 Menschen zusammen, um gegen die Macht des Geldes zu demonstrieren – gegen das, was sie als Herrschaft der Finanzmärkte über die Wirtschaft, die Politik und ihr ganz persönliches Leben wahrnehmen.

Weltweit wurde für den heutigen Tag, an dem sich die Staatschefs der 20 mächtigsten Länder in Paris treffen, zu Protesten aufgerufen, und die Bankenstadt Frankfurt ist in Deutschland das Zentrum der Aktionen. Sie haben das New Yorker Motto "Wir sind die 99 Prozent" übernommen und damit nur ein bisschen übertreiben. Denn hier demonstrieren Studenten und Hausfrauen, Anwälte und Arbeitslose, linke Polit-Aktivisten und anzugtragende Banker. Für Viele ist es die erste Demonstration ihres Lebens.

So wie die elegant gekleidete ältere Frau, deren Stimme sich vor Wut fast überschlägt, als sie erklärt, warum sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf die Straße geht. "Ich finde das alles ganz schlimm!", ruft sie, "So kann das doch nicht weitergehen!" Sie ist sauer auf die Banker – "Die ziehen uns alle über den Tisch" – und auf die Politik, weil sie deren Treiben nicht stoppt. Die 63-Jährige hat in einer Anwaltskanzlei gearbeitet, ihren Namen will sie nicht sagen, wie so viele Demo-Teilnehmer. Sie wollen keine individuelle Aufmerksamkeit, wollen nicht herausstechen aus der Menge. Sie sehen sich als Teil einer anonymen Mehrheit, die vielleicht viel zu lange geschwiegen hat.

Ein paar Meter weiter stehen Alex und Johannes aus Nürnberg. " System Error " steht auf einem der Schilder, dass sie bei sich tragen. "Wir sind eigentlich unpolitisch", sagen sie. "Die meisten Demo-Aussagen sind uns zu platt". Aber mit der heutigen Veranstaltung können sie sich identifizieren, weil sie so grundsätzlich ist: "Es gibt keine Bösen, die an allem Schuld sind. Es ist das System, dass uns alle dazu zwingt, menschliche Werte immer weiter zu ignorieren". Dementsprechend halten sie sich mit konkreten Forderungen zurück: "Ich kenne mich bei den Details zu wenig aus", sagt Johannes, der Kunst studiert. Es müsse "so eine Art Neustart" geben. So denken viele hier: Irgendetwas läuft ganz grundsätzlich falsch, die Politik steht einem irgendwie unmenschlichen System ohnmächtig gegenüber.

Dieses Grundsätzliche und gleichzeitig Unkonkrete der Proteste ist ihre Stärke – und zugleich ihre Schwäche. "Wir sind für alle Positionen offen, für wirklich alle Meinungen und Stimmungen", ruft ein Mitglied von Occupy Frankfurt unter Beifall auf dem Platz vor der EZB. Doch als Mitglieder der Linkspartei sich mit ihren Fahnen immer wieder in die Kameras drängen, skandieren die Demonstranten so lange "Fahnen runter!", bis die Parteisymbole verschwinden.

Mit Parteien will man hier um keinen Preis etwas zu tun haben. Die Demo-Profis und Polit-Aktivisten gehen unter im Meer der Normalbürger. Einige von ihnen versuchen, kommunistische Zeitungen zu verteilen, gegen Asylpolitik Stimmung zu machen oder für die Entschuldung afrikanischer Länder, aber kaum einer beachtet sie. Diese Bewegung, wenn man sie schon so nennen kann, legt sich nicht fest, noch nicht. Ihre Vorbilder sind vielfältig: Die Demokratiebewegung in Spanien , die Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten in Israel , die Demos gegen den Sparkurs in Griechenland , vor allem aber: die Besetzer der New Yorker Wall Street .

Je länger die Demonstration dauert, desto mehr schlägt bei Vielen die Wut in Euphorie um. "Das ist ja toll, wie viele gekommen sind!, ruft ein älterer Mann. "Schauen sie sich doch um, dass hier ist die wahre Mehrheit", sagt ein Anderer. "Das hier ist der Anfang von etwas ganz Großem", ruft schließlich einer der Redner, und lauter Jubel bricht aus auf dem Platz, Jugendliche pfeifen laut und Rentner rufen laut: "Genau!".

Doch was kommt danach? Werden die Menschen wiederkommen, zu immer neuen Demonstrationen? Und welche Ziele wird sich diese bunt gemischte Gruppe geben? Dass er aus der Mitte der Gesellschaft kommt, verleiht diesem Protest eine ganz andere Qualität als Aktionen von einzelnen politischen Gruppen wie Attac. Aber die Mitte ist träge. All die Protestneulinge und Skeptiker, die peinlich berührt wegsehen, wenn Revolutionslieder angestimmt werden oder die "internationale Solidarität" beschworen wird, sie müssen wiederkommen. So wie sie in New York wiedergekommen sind und in Madrid. "Die Deutschen sind da etwas schwerfällig", sagt eine Sprecherin von Attac, "aber wir haben den Eindruck, dass sich das seit ein paar Wochen langsam ändert, dass der Funke überspringt."

Eine Gruppe Aktivisten will nach New Yorker Vorbild den Platz vor der EZB besetzen, erst einmal nur für ein paar Tage. Sie haben sich das vom Ordnungsamt genehmigen lassen, und dessen Sprecher sagt, die Besetzer seien "alle sehr verständig, da will keiner Anarchie oder so." Sie müssen noch Geld für eine mobile Toilette auftreiben, dass ist Verwaltungsvorschrift. Und nächtliche Temperaturen um den Gefrierpunkt könnten ihnen das Durchhalten schwer machen.

Zum Glück ist der Funke schon auf Maria übergesprungen. Die 51-jährige Angestellte in einem Anwaltsbüro steht mit ihrem Fahrrad am Rande des Platzes, direkt neben einem einsamen Besetzer-Zelt. "Ich finde das ganz wichtig, was hier passiert", sagt sie mit leuchtenden Augen. Sie will den Besetzern in den nächsten Tagen Essen bringen.