SchuldenkriseKein Ort für Euro-Skeptiker

Deutschland, Land der Euro-Gegner? Von wegen. Selbst in Bayern scheint man sich der Vorzüge der EU sehr bewusst. Das zeigte auch der CSU-Parteitag. Ein Kommentar von Robert Birnbaum

Es ist ein Kreuz mit dem Euro-Skeptiker. Auf den Straßen, heißt es, sei er massenhaft unterwegs. Die Demoskopen glauben ihn in Scharen aufzuspüren. Wichtige Politiker warnen jeden Tag vor ihm. Nur wenn er mal dingfest gemacht werden soll – dann ist er ungefähr so schwer zu fassen wie der Wolpertinger.

Der Wolpertinger ist ein in süddeutschen Wäldern vermutetes Mischwesen aus allem möglichen Getier , das angeblich mit Vorliebe Preußen frisst. Bei der CSU wissen sie, was ein Wolpertinger ist. Ob sie nach ihrem Parteitag an diesem Wochenende noch wissen, was ein Euro-Skeptiker ist, kann man bezweifeln. Vorher galt zum Beispiel Peter Gauweiler als ein solcher. Dann hat er sich zu Wort gemeldet. Man tut dem "Schwarzen Peter" nicht unrecht, wenn man seine Ansprache dahingehend zusammenfasst, dass die Finanzmärkte verrückt seien, Europa die eigenen Stabilitätskriterien endlich kompromisslos einhalten müsse und eine europäische Sparpolitik für Griechenland nichts tauge, wenn sie dazu führe, dass ein Lehrer in Athen seit drei Monaten kein Gehalt mehr bekomme und nun in der Zeitung lese, dass davon künftig 20 Prozent gekürzt würden.

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Der Mann hat ja recht. Aber soll das nun Euro-Skepsis sein ? Die CSU hat Gauweiler folgerichtig nicht zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Wozu soll er da gut sein, wenn er eh nur sagt, was die anderen auch sagen, bloß unterhaltsamer? Noch viel bemerkenswerter ist, dass auch sonst kein einziger Christsozialer ans Rednerpult getreten ist, der Grundsätzliches gegen dieses Europa eingewandt hätte. Wenn irgendwo Euro-Skepsis Zuhause sein sollte, dann doch in dieser so betont bayerischen Regionalpartei. Aber keiner hat sich dazu bekannt.

Trauen die sich nicht? Oder ist vielleicht die Wahrheit doch die, dass es in diesem Land zwar jede Menge Meckerei gibt über dieses durchgeknallte Brüssel-Europa, das sich mit Bananenkrümmungsradiusnormen lächerlich macht, mit Glühlampenverboten nervt und überhaupt all die Abwehrreflexe auslöst, die jede Zentrale bei den von ihr ungebetenerweise Regulierten hervorruft – dass aber diese Deutschen, ja selbst diese Bayern sich sehr wohl der enormen Vorzüge der Gemeinschaft bewusst sind? Kann es überdies sein, dass die Leute sich zwar furchtbar darüber aufregen, dass wir mit unserem guten Geld den tricksenden Griechen helfen sollen – dass sich diese Aufregung aber nur wenig von jenem resignierten Ärger unterscheidet, mit dem der Bayer das vorlaute Berlin dann am Ende doch finanzausgleicht? Den Wolpertinger trifft man praktisch nie in freier Wildbahn, immer nur als ausgestopften Kinderschreck. Mit dem Euro-Skeptiker verhält es sich eventuell ganz ebenso.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • th
    • 10. Oktober 2011 15:01 Uhr

    umso mehr wächst der Druck. Was den EURO angeht, haben wir in Deutschland eine Art "Nationalrat der nationalen Front" (die "Linke" mit ihren Phrasen zählt in diesem Zusammenhang nicht) : alle sind dafür, wer dagegen ist, wird automatisch zum "Systemgegner" - selbst wenn ca die Hälfte der Wählerschaft damit unzufrieden ist.

    In einer parlamentarischen Demokratie sollten aber die verschiedenen großen Strömungen der öffentlichen Meinungen durch die demokratischen Parteien aufgegriffen und im Parlament vertreten werden: das ist der Sinn des Parlamentarismus, und davon lebt er. Wenn gar nichts anderes mehr hilft, dann eben durch Volksabstimmungen.

    Nicht so in Deutschland. Da ist man besonders zufrieden, wenn Gegensätze nicht ausdiskutiert werden (s. Kritik an N. Lammert), und am liebsten unwillkommende Meinungen - anderswo "Dissidenz" genannt - gar nicht zu Wort kommen.

    Ich halte diese Tendenz zum Konformismus unabhängig vom Wählerwillen, unabhängig davon, um welche Frage es gerade geht für ein Warnsignal, für ein Symptom, dass mit unserem Parteiensystem etwas nicht stimmt.

    Übrigens gilt analoges für die medien, in denen sich leider auch immer die Gesinnungstüchtigen zuerst nach vorne drängen, die alle anderen mit erhobenem Zeigefinger ermahnen, doch bitte bei der richtigen Linie zu bleiben, und erst langsam dann auch kritische Stimmen zu Wort kommen.
    Die fundamentale Aufgabe der Medien, die "herrschende Linie" kritisch zu hinterfragen, geht dabei den Bach hinunter.

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    das war einmal, sie wird inzwischen von den Medien vorgegeben,
    und kaum ein Politiker wagt sich dagegen zu stellen,
    und zwar auf allen Politikfeldern.
    In diesem faktenlosen, polemischen Artikel wird der € mit der EU gleichgesetzt, obwohl viele EU-Mitglieder nicht im € sind (und Gott dafür danken)
    Die EU gab es vor dem € und wird es auch danach geben.
    Und wer gegen die Ausplünderung der Deutschen ist, ist nicht automatisch gegen Europa.
    Auch werden die Vorzüge Europas und des € wieder durcheinander gebracht.
    Über die Vorzüge Europas kann man streiten,
    die Vorzüge des € kann ich nicht mehr erkennen

    • Unhold
    • 10. Oktober 2011 15:01 Uhr

    Am Ende will jeder schon immer Euroskeptiker gewesen sein. Wendehälse allerorten... Das Spiel kennen wir schon. Aber diesmal, lassen wir euch nicht so einfach davonkommen.

  1. zwischen "€uro" und "€uropa" zu unterscheiden wissen - zu Lasten des unbedarften Lesers ...

    • WiKa
    • 10. Oktober 2011 15:14 Uhr

    … denn nach meinem (wohl nicht nur mein empfinden), ist doch der ganze Euro-Rettungszauber gegen alle vertragliche Regelungen und damit gegen Recht und Gesetz. Das die Regierung hier einfach macht was sie will und auch SPD noch in den Chor mit einstimmt ist schon schlimm. Man muss übrigens auch kein ausgewachsener Euro-Skeptiker sein, um zu erkennen das diese Euro-Titanic den Eisberg nicht durchfahren wird, trotz aller Beschwörungen. Dazu passt: „Vollgas“, denn Kurskorrekturen sind nicht mehr möglich und Bremsen ist ausgeschlossen, also „Augen zu und durch“ in Ermangelung ausreichender Weitsicht unserer Politiker.

    Ok, selbstverständlich wird man dem Bürge® nach dem Crash suggerieren, dass das Projekt nur an seiner Unwilligkeit gescheitert sei und ihn hart dafür abstrafen. Vermutlich bekommt dann der Deutsche seine Mark wieder, nein nicht die D-Mark, wir greifen eine Etage tiefer und kehren zur „Deutschen Knochen Mark“ zurück … Link. Die gute alte „Leidwährung“ die das Volk immer wieder zu verkosten kommt wenn es unartig war oder sich halt nur die Herrschaft einfach mal (weniger selten) vergaloppiert hat. Wäre also nicht das erste Mal … (°!°)

    • bkkopp
    • 10. Oktober 2011 15:30 Uhr

    Es scheint, dass spätestens Ihr Chefredakteur einen Wolpertinger in Ihre Redaktion eingeschleppt hat.

    Vorsicht, der frisst alles mögliche !

  2. ...ich bin *Euro-Gegner*. Aber da wir Forenten nur zum normalen Volk zählen, fallen wir doch ohnehin unter den Wahrnehmungshorizont der Hofberichterstattung. Da hilft es offenbar auch nicht, wenn unzählige Foren sich mit fundierter Kritik füllen, auch das reicht nicht. Man muss sich offenbar erst in den Seilschaften der Parteien hocharbeiten, um sich dann von der Presse als Populist und weltfremder rückwärtsgewandter Nationalist beschimpfen zu lassen.

  3. "Der Wolpertinger ist ein bayerisches Fabelwesen, dessen genauer Ursprung unklar ist. Bekannt ist nur, dass Tierpräparatoren im 19. Jahrhundert begannen, Präparate aus Körperteilen von unterschiedlichen Tierarten zusammenzusetzen, um diese an leichtgläubige Touristen zu verkaufen."

    Mit anderen Worten:
    Der Wolpertinger ist sozusagen der historische Vorläufer des EURO !

    • ThorHa
    • 10. Oktober 2011 15:56 Uhr

    ... ob es den Euroskeptiker nicht in erheblicher Anzahl auch in freier Wildbahn gibt. Bei Geld wie bei Liebe hört die Freundschaft bekanntlich auf. Und das grummelnde Akzeptieren als ungerecht empfundener Belastungen funktioniert einmal, fünfmal, eindutzendmal. Bis sich alle über die angeblich plötzliche, angeblich unvorhersehbare, angeblich grundlose Explosion wundern (inklusive ZEIT-Journalisten). Letztes Beispiel dieses menschlichen Brandstoffakkumulationsmechanismus - das schnelle Grosswerden der "islamophoben" und rechtspopulistischen Parteien in Europa. Da wussten alle Linksliberalen natürlich üüüüberhaupt nicht, wo sie denn auf einmal herkamen. Und so massenhaft. Menschen mit Lebenserfahrung und Menschenkenntnis dagegen waren wenig überrascht ...
    ---
    Aber es ist für die geistige Gesundheit von Akademikern ohne Lebenserfahrung vermutlich gesünder, sich einzureden, es handle sich immer dann um Wolpertinger, wenn existierende politische Auffassungen mit der eigenen kollidieren. Vor allem dann, wenn man diese seine Auffassungen vorher für alternativlos vernünftig deklariert hat :-). Wie die ZEIT die europäische Einigung mittels einsamer Regierungsbeschlüsse und der Ausbildung einer europäischen Superbürokratie.

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  • Schlagworte CSU | Europäische Union | Bayer AG | Finanzmarkt | Gehalt | Parteitag
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