Frage: Herr Ernst, Franz Müntefering beschrieb das Amt des Parteichefs mal als "schönstes Amt neben dem Papst". Wie würden Sie es formulieren?

Klaus Ernst: Es ist ein wichtiges Amt: Als Parteivorsitzender wird man wenigstens öffentlich gehört. Die Anti-Banken-Proteste sind doch die Reaktion derer, die bisher überhaupt nicht gehört werden. Die Situation ähnelt der im Herbst 1989. Ein Prozent bereichert sich, und 99 Prozent ballen die Faust in der Tasche. Die Menschen verstehen nicht, dass es in Deutschland mehr Fahrkartenkontrolleure als Bankenkontrolleure gibt. Wir erleben im Moment den Beginn eines friedlichen Aufstands gegen die Diktatur der Finanzmärkte.

Die Proteste müssen spürbar werden. Ich kann mir vorstellen, dass sich überall im Land Initiativen gründen, die jeden Montag vor der örtlichen Filiale der Deutschen Bank oder der Commerzbank demonstrieren, bis sich etwas ändert. Die Empörung ist mit Händen greifbar.

Frage: Aber in den Umfragen geht es für die Linke stetig bergab. Woran liegt das?

Ernst: Parteien müssen sich abgewöhnen, nur darauf zu schielen, ob sie kurzfristig Profit schlagen. Parteien müssen einen Sinn haben. Unser Sinn ist es, Politik für die 99 Prozent zu machen, die weder Aktienpakete noch Millionenvermögen haben. Am Wochenende beschließen wir auf dem Parteitag in Erfurt unser Programm. Das wird ein Wendepunkt. Wir punkten mit Inhalten, nicht mit Querelen.

Frage: Seit Sie im Mai 2010 gemeinsam mit Gesine Lötzsch die Parteiführung übernommen haben, reißt die Kritik nicht ab. Was haben Sie falsch gemacht?

Ernst: Wir müssen alle miteinander realisieren, dass wir gemeinsam gewinnen und verlieren. Mit rückwärtsgewandten Debatten und Querelen wirbt man keine Wähler.

Frage: Was haben Sie in den letzten anderthalb Jahren gelernt?

Ernst: Der Job ist nicht immer einfach. Ich habe aber gelernt, dass die Mehrheit der Partei mit klaren Botschaften punkten will. Ich hoffe, dass unser Programm von einer breiten Mehrheit beschlossen wird.

Frage: Was werden die wichtigsten Botschaften des Linken-Programms sein?

Ernst: Wir formulieren eine Alternative zur Diktatur der Finanzmärkte. Das ist eine Gesellschaft, in der diejenigen, die den Wohlstand erarbeiten, auch die Früchte der Arbeit ernten, und wo die Interessen der Mehrheit tatsächlich zur Geltung kommen. Wir richten unsere Politik an fünf Zielen aus: Gute Arbeit, soziale Sicherheit, dauerhafte Entwaffnung der Finanzmärkte, ökologischer Umbau und internationaler Gewaltverzicht. Auf den Punkt gebracht: Erst der Mensch, dann die Banken, erst die Europäer, dann der Euro.

Frage: Zeigen die Debatten über Mauerbau, Kommunismus und Fidel Castro nicht, dass die Linke sich stärker vom autoritären Staatssozialismus distanzieren muss?

Ernst: Nein, wir haben eine klare Haltung. Ein Sozialismus, der Mauern zum Existieren braucht, ist mit uns nicht machbar.

Frage: Aber Ihre Ko-Vorsitzende Gesine Lötzsch hat dieses Thema doch erst aufgebracht.

Ernst: Nein, das wurde aufgebauscht. Die Berichterstattung stand in keinem Verhältnis zu den realen Debatten in der Partei.

Frage: Einige Genossen wünschen sich Oskar Lafontaine als Parteichef zurück . Sie auch?

Ernst: Die Frage steht jetzt nicht auf der Tagesordnung.

Frage: Werden Sie selbst noch einmal antreten?

Ernst: Darüber reden wir, wenn es so weit ist.