Think Tanks Neoliberale Lobbydenker und verschwiegene Gesetzesbastler

Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hat die Politik einst mitgeprägt, inzwischen hat sie an Reputation verloren. Teil 2 der Serie: Wo entsteht deutsche Politik?

INSM Geschäftsführer Hubertus Pellengahr (links) auf einer Pressekonferenz in Berlin

INSM Geschäftsführer Hubertus Pellengahr (links) auf einer Pressekonferenz in Berlin

Lobbydenker: Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

Egal ob linke oder konservative Politiker: Viele bezeichnen die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) als einen der wichtigsten Think Tanks des vergangenen Jahrzehnts. Ihr sei es gelungen, die Einstellung von Politik und Öffentlichkeit zu beeinflussen. Gegründet worden ist die INSM im Oktober 2000 vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall und anderen Wirtschaftsverbänden als Reaktion auf die damals neue rot-grüne Bundesregierung. Die Initiative warb in den Medien für "marktwirtschaftliche Reformen", für Privatisierung und Deregulierung. Sie kreierte Slogans wie "Sozial ist, was Arbeit schafft", die mehrere Parteien aufgriffen – und prägte so das politische Klima.

Think Tanks

Wo entsteht in Deutschland eigentlich Politik? Eine Inspektion bei den professionellen Ideenproduzenten der Republik. In Teil 1 wurde das Institut für Solidarische Moderne besucht, in Teil 2 die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, in Teil 3 die Stiftungen der Parteien. Diese Texte erschienen zuerst in "INDES - Zeitschrift für Politik und Gesellschaft". Sie wird herausgegeben von Franz Walter, Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.

Entsprechend repräsentativ gelegen ist das Hauptquartier der INSM: im obersten Stockwerk eines schnieken Bürohochhauses am Spreeufer, zwischen Reichstag und Bahnhof Friedrichstraße. Der Geschäftführer empfängt mit kräftigem Händedruck. Hubertus Pellengahr trägt eine randlose Brille und ein hellblaues Hemd. Bevor er zur Initiative kam, war er Sprecher des Deutschen Einzelhandels. Er ist ein gelernter Verkäufer und Lobbyist, kein Intellektueller. Seine Initiative versteht er nicht als "reinen Think Tank", sondern als "Vermittler". Es gibt nur acht fest angestellte Mitarbeiter. Studien werden hier nicht selbst erstellt, sondern bei Wirtschaftsinstituten in Auftrag gegeben. Aufgabe der INSM sei es, Themen zu "identifizieren", "griffige Formulierungen" zu finden und diese zu "orchestrieren".

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Das aktuelle Großprojekt der INSM heißt "Vollbeschäftigung". Ein Ergebnis: Besonders bei den "Alten" gäbe es noch Potentiale für den Arbeitsmarkt. Doch die Resonanz ist, wie zuletzt häufig, spärlich ausgefallen. Auch weil die INSM keinen besonders guten Ruf genießt. An manchen Journalistenschulen wird inzwischen gelehrt, ihre Studien besser zu ignorieren. Sie gelten als tendenziös. Auch ein "Schleichwerbungsskandal" sorgte für Kritik: Die Initiative kaufte Dialoge der ARD-Seifenoper Marienhof, in denen es um "Eigeninitiative von Arbeitslosen" ging.

Pellengahr, der seit 2010 im Amt ist, geht auch auf diese Vorwürfe ein, die am Image seiner Organisation gekratzt haben. Er betont, dass die Initiative ihre "Arbeit verändert habe" und nun "noch mehr auf Transparenz" geachtet werde. So seien die Finanziers nicht nur im Internet einsehbar, auch "unter jeder Pressemitteilung" könne man sie finden. "Daran können sich viele NGOs ein Beispiel nehmen", so Pellengahr. Zwar sei man "arbeitgeberfinanziert", ganz sicher aber "keine Arbeitgeberlobby".

Doch auch die Lehrmeinung der INSM gilt mittlerweile als diskreditiert. Seit der Wirtschaftskrise traut sich nicht einmal mehr die FDP, einer Entstaatlichungs- und Arbeitgeberpolitik das Wort zu reden. Die Initiative tut sich seither schwer, prägnante Formulierungen zu finden.

Die INSM mag an Reputation eingebüßt haben (ähnlich übrigens wie die öffentlich finanzierten Wirtschaftsforschungsinstitute, die sich während der Krise vor allem durch Fehlprognosen hervortaten). Als Modell indes hat sie Schule gemacht. Das Lobbywesen in Deutschland hat sich professionalisiert, wozu auch der Umzug des Parlaments nach Berlin beigetragen haben mag. Mehrere Verbände und Interessengruppen haben seither Think Tanks gegründet, die – mal offen, mal verdeckt – auf die Politik Einfluss zu nehmen versuchen.

Leser-Kommentare
  1. Das ist leider ja nichts Neues. Schon vor einigen Jahren wurde bekannt, dass Unternehmen mitunter den Ministerien kostenlose Mitarbeiter stellen. Natürlich ohne jegliche Erwartung an irgendwelche Gegenleistungen. Bankengesetze dürfen die Banken ja neuerdings auch selber schreiben etc.

    Aber nicht nur, dass auf die Art und Weise Gesetze erlassen werden (oder zumindest vorgeschlagen), die Klientelpolitik begünstigen, oder wie in in dem Artikel treffend beschrieben ist, die Legislative in die Hände außerparlamentarischer Kräfte wandert.

    Nein, es kostet den Bürger auch noch kräftig. Ich will gar nicht wissen, was ein Beraterteam von McKinsey oder Roland Berger pro Tag an Honorar verlangt. In dem Kontext sei auf eine Serie der Printausgabe der Zeit von 2003 oder 2004 verwiesen, in der schön detailliert beschrieben wurde, wie Beratungsunternehmen (z.B. Roland Berger) das Große Geld mit fragwürdigen Beratungskonzepten für Kommunen, Bundesweher, Arbeitsagentur oder Länder machten, natürlich unter geschickter Umgehung der öffentlichen Ausschreibung.

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    • this.
    • 19.10.2011 um 15:51 Uhr

    Wenigstens wird so dem ganzen linken Populismus etwas entgegensetzt..

    • this.
    • 19.10.2011 um 15:51 Uhr

    Wenigstens wird so dem ganzen linken Populismus etwas entgegensetzt..

    • Chali
    • 19.10.2011 um 13:42 Uhr

    Habe ich nicht gelesen, dass dieser Slogan bereits von der NSDAP im Saar-Wahlkampf benutzt wurde? Von wegen "kreiert" ...

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    INSM,eine Organisation die das Soziale bewahren,nicht abschaffen will,so heißt es bei der Organisation.
    Sie vertreten die Auffassung,dass der Teufelskreis,entstanden durch Arbeitslosigkeit,fehlenden Sozialeinnahmen,erhöhten Sozialabgaben und damit verbundenen,steigenden Lohnzusatzkosten,die die Schaffung neuer Jobs verhindern,durchbrochen werden muß.Dennso,laut INSM,fresse der Sozialstaat seine Wurzeln.
    Eine Option,wie das geschehen könnte,wurde nicht genannt.
    Dabei dürfte mittlerweile klar sein,dass solche Taschenspieler und Wahrsager diesen Sozialstaat missbrauchen und an den Rand des Ruins gebracht haben.

    INSM,eine Organisation die das Soziale bewahren,nicht abschaffen will,so heißt es bei der Organisation.
    Sie vertreten die Auffassung,dass der Teufelskreis,entstanden durch Arbeitslosigkeit,fehlenden Sozialeinnahmen,erhöhten Sozialabgaben und damit verbundenen,steigenden Lohnzusatzkosten,die die Schaffung neuer Jobs verhindern,durchbrochen werden muß.Dennso,laut INSM,fresse der Sozialstaat seine Wurzeln.
    Eine Option,wie das geschehen könnte,wurde nicht genannt.
    Dabei dürfte mittlerweile klar sein,dass solche Taschenspieler und Wahrsager diesen Sozialstaat missbrauchen und an den Rand des Ruins gebracht haben.

  2. Und diese international agierenden "Berater" haben keine Interessenkonflikte?! Bemerkenswert.
    Griechenland wurde von Goldmann ja sehr gut beraten, da kann man nicht meckern ...

  3. ganz sicher aber "keine Arbeitgeberlobby".
    Köstlich, wenn angebliche "Thinktanks" sich brutalst möglich entleeren.

    15 Leser-Empfehlungen
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    Zustimmung in Kreisen der SPD finden und diese sich dann wundert, wenn ihre früheren Wähler nicht mehr zur Wahl gehen.

    Zustimmung in Kreisen der SPD finden und diese sich dann wundert, wenn ihre früheren Wähler nicht mehr zur Wahl gehen.

    • WiKa
    • 19.10.2011 um 13:53 Uhr

    … da können wir doch mithalten, gar nicht verschwiegen und nicht leise. Und wenn wir mal ein Konzept brauchen unser kaputtes Geld-System zu erhalten, weil es niemand wirklich verabschieden mag, dann müssen wir es ein wenig verändern, um wieder an alte Ziele und Zeiten des gerade in Abschaffung befindlichen Sozialstaats anzuknüpfen.

    Das beste Modell der letzten Zeit (ein fiktives und nicht weniger erheiternd) stammt also vorgeblich von der Bundesagentur für Arbeit (BfA). Demnach sollten wir in den kommenden Jahren eine Banken-Gründungswelle durch Hartz IV Bezieher erleben … Link … Link (geht halt nur kreativ). Da würden alle bisherigen Hartz IV Bezieher animiert und bezuschusst eine Bank zu gründen, Konzept „Ich Bank AG“, sicher auch eine kleine Hommage an Berthold Brecht und das Thema Banken-Gründung und -Überfälle.

    Hinsichtlich der zu bewältigenden Tätigkeiten - auf den Eingang von Zinszahlungen zu warten - sollten auch diese Menschen nicht überfordert sein. Das Ergebnis jedoch ist verblüffend. Wir könnten ein kaputtes Geld-System erhalten und der Mehrheit der Bevölkerung und sogar dem Staat würde es hernach prächtig gehen. Den gesamten Lösungsansatz können sie im Link nachlesen. Also wir wärs? Ein wenig Mut aufbringen und was neues probieren? Nun gut, es steht allerdings zu befürchten, dass sich der Sozialhilfeadel II (die Banken) gegen so ein Projekt wehren würden.

  4. Marx Brothers: Duck Soup

    Chico: "I wouldn't go out there unless I was in one of dose big iron things, go up and down like dis - whattya calla dose things?" Groucho: "Tanks" Chico: "You're welcome!"

    CHICOLINI, GIVE ME
    A NUMBER FROM ONE TO TEN.

    ELEVEN.

    RIGHT !

  5. 7. Geil!

    "Die vom Kanzler Schröder berufenen Expertenrunden setze man zur Befriedung der Öffentlichkeit ein; tragfähige Lösungen erwarte man von ihnen nicht, so Tacke in seltener Offenheit."

    Das nennt man doch mal Ehrlichkeit. Wird den Herren Experten und Wirtschaftsweisen bestimmt gefallen, den Clown für den dummen Pöbel spielen zu dürfen, während andere die richtige Arbeit machen.

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    der überhaupt Lösungen von unserem Ex-Kanzler Schröder erwartet hat? Das mag ich kaum glauben!

    der überhaupt Lösungen von unserem Ex-Kanzler Schröder erwartet hat? Das mag ich kaum glauben!

  6. "Einzig der Aufsichtsratsboss habe die Prokura zum Reden. Der allerdings habe viel zu tun. Frühestens in anderthalb Monaten sei mit Antwort zu rechnen."

    Willst du was gelten, mach dich selten! Dieses "Mehr Schein als Sein" ist eines der wichtigsten Eigenschaften von Unternehmensberatungen. In Wahrheit wird hier (das ist eine Parallele zur Public Relation) auch nur mit Wasser gekocht.

    Eine Leser-Empfehlung

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