Wir hatten ihn doch schon lange vergessen. Der Freiherr zu Guttenberg war im Schatten der großen Themen dieses Jahres verschwunden. Wie viel mehr bewegten uns die Revolutionen in Nordafrika, die Erdbeben- und Atomkatastrophe in Japan, die Staatsschuldenkrise in Europa. Was ist da schon ein plagiierender Adelsspross, ein gescheiterter ehemaliger Verteidigungsminister? Er war weg und nicht nur das: Er wurde nicht gebraucht .

Doch kaum betritt Karl Theodor zu Guttenberg wieder die Bühne, gehen die Emotionen hoch. Manche Anhänger jubeln. Andere sind entsetzt. Auch auf ZEIT ONLINE wurden in kürzester Frist Hunderte von kritischen Leserkommentaren hinterlassen. Und die Wut ist ja begründet: Da hat einer, der angeblich Begriffe wie Klarheit, Anstand und Aufrichtigkeit hoch hielt und daraus politisches Kapital schlug, offensichtlich betrogen, nachgewiesen auf 371 seiner 393 Seiten umfassenden Dissertation. Doch zugegeben hat er den Betrug nie. Alles, was er im März vor seinem Rücktritt als Pardon vortrug, diente nur der Erhöhung seiner selbst. Ja, er habe Fehler gemacht, nein, er habe nicht bewusst täuschen wollen. Das mochte, das konnte kaum noch jemand glauben oder ertragen. Der Minister musste gehen .

Nun ist er also wieder da. An diesem Dienstag erscheint ein Gesprächsband unter dem Titel Vorerst gescheitert . Der ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo befragt Guttenberg darin über 207 Seiten. Es geht um das Zustandekommen seiner Dissertation, um die Kundus- und Gorch-Fock-Affäre, um die Bundeswehrreform, die politische und persönliche Biografie Guttenbergs, auch um seine Einschätzung der aktuellen politischen Lage und die Frage, ob er selbst wieder politisch aktiv sein möchte.

Warum sollte uns irgendetwas davon interessieren? Weil es naiv wäre zu glauben, nur weil Guttenberg im Frühjahr durch den Einsatz vieler Mitarbeiter von GuttenPlag Wiki , Tausende Unterschriften junger Akademiker , laute Proteste von Oppositionspolitikern und medialen Kommentatoren, auch wegen bröckelnder Unterstützung aus den Reihen der Union gestürzt worden ist, wäre er gänzlich aus dem politischen Raum verschwunden.

Was uns begegnet in dem Vorab-Interview , das die ZEIT am vergangenen Donnerstag druckte, und was sich im Buch fortsetzt, sieht zunächst aus wie eine Selbstdemontage. Unfähig, seinen Betrug wirklich einzugestehen, erreicht Guttenberg auch in Sachen Kundus- oder Gorch-Fock-Affäre kein höheres Reflexionsniveau. Was er zu sagen hat, das kennen wir schon , aus Untersuchungsberichten und Zeugenanhörungen.

Statt sich wahrhaft kritisch mit dem eigenen Handeln auseinanderzusetzen, greift Guttenberg vielmehr an. Seine Universität : "Ich bin nicht bereit, mir von einer Kommission, die noch nicht einmal mehrheitlich mit Juristen besetzt gewesen ist, eine rechtlich relevante Täuschung vorwerfen zu lassen." Die Abgeordneten im Bundestag, die ihn zum Rücktritt aufforderten: "Die Angriffe haben ein Ausmaß angenommen, wie man es selten im Bundestag hört. Es war nicht leicht zu akzeptieren, dass das Präsidium nicht eingeschritten ist." Seine Partei, die CSU: "Wenn eine Partei ein Bild zeichnet, das zwar schon gewisse expressionistische Züge angenommen hat, aber immer noch den Goldrahmen des 17. Jahrhunderts trägt, dann wird die Vermittlung der eigenen Inhalte nicht leichter." Die politische Klasse: "Den Menschen mangelt es in der Politik an Köpfen, die für gewisse Inhalte stehen. Die bereit sind, für Inhalte zu streiten und nicht die Segel zu streichen, wenn der Wind mal eisig bläst." Schließlich sogar die Staatenlenker der Welt: "Mich fasziniert (…) die erschütternde Unkenntnis bis in die politischen Spitzen hinein, was die Mechanismen, Regeln und Abläufe internationaler Kapitalströme anbelangt."