Schleswig-Holstein setzt auf Windkraft: Bis 2020 soll die komplette Stromversorgung des Bundeslandes aus dieser Energiequelle gewonnen werden. Darüber hinaus will man noch große Mengen an Windstrom exportieren. Weil die Windkraftgewinnung auf dem Meer noch Zeit braucht, wird die Erweiterung der Windparks auf dem Land gerade im Eiltempo vorangetrieben.

Die Landesregierung will die für Windkraft genehmigte Fläche von bisher 0,8 Prozent auf mindestens 1,5 Prozent ausweiten. Es geht um etwa 11.000 Hektar. Im Frühjahr kommenden Jahres soll eine endgültige Flächenkartierung vorgenommen werden. Schon jetzt zeigt sich: Windenergie ist zum knallharten Geschäft geworden. Doch was der Branche finanziellen Segen bringt, sorgt gleichzeitig auch für reichlich Unfrieden in der Bevölkerung.

Unzählige Bürgerinitiativen haben sich an der Küste gegründet. Sie wehren sich gegen neue Windkraftanlagen und das Ersetzen alter Anlagen durch moderne Turbinen. Sie initiieren Bürgerbegehren und Bürgerentscheide und haben die Kommunal- und Gemeindepolitiker aufgeschreckt. In den letzten Wochen verging kaum ein Tag, an dem nicht in einem Gemeinderat, Ausschuss oder Kreisparlament kontrovers diskutiert wurde.

"Wir sind nicht generell gegen Windkraft"

Bei Stefan Wiese in Neu-Sophienhof im Kreis Plön sind alle Sitzplätze um den großen Küchentisch besetzt, einige Mitstreiter in der Bürgerinitiative "Sophie gegen den Wind" müssen sogar stehen. Sie treffen sich nicht das erste Mal. Im Alltag verdienen die Angehörigen der Bürgerinitiative ihr Geld als Lehrer, Bankkauffrau, selbstständige Unternehmer, Polizeibeamter oder Museumsangestellte – doch inzwischen sind sie alle Experten beim Thema Windenergie.

"Wir sind nicht generell gegen Windkraft oder gar für die Atomenergie", sagt Helge Jürgensen, stellvertretend für die rund 650 Aktivisten aus der Region. Man sei aber gegen die "Windspargel" in nur geringer Entfernung zum eigenen Heim. Bereits heute türmen sich in nur 700 Meter Abstand vier 100 Meter hohe Windräder auf. Zumindest eines davon soll auf 150 Meter aufgestockt werden. Das entspricht der Höhe des Kölner Doms. "Warum reichen nicht auch 75 Meter, und dann lieber paar mehr Anlagen in vernünftigen Abständen?". Solche Fragen werden in der Küche diskutiert.

Detlef Matthiessen, energiepolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion in Schleswig-Holstein, sitzt nicht dabei, er war aber auf Einladung der "Sophie"-Aktivisten schon in Plön zu Gast. "Je höher die Anlage, desto effizienter der Energiegewinn", lautet seine Antwort. Auch sein Landtagskollege von der CDU, Werner Kalinka, hat sich in der Region umgesehen. Er verspricht, die Landesregierung werde alle Einwände berücksichtigen.

Die Anwohner sind skeptisch. Sie fürchten den Wertverlust ihrer Immobilien. Dieser sei tatsächlich nicht wegzudiskutieren, sagt der Christdemokrat Kalinka. Der Verband Schleswig-Holsteinischer Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer spricht gar von "enteignungsgleichen Eingriffen" und verlangt bei der Errichtung von Windanlagen Entschädigungen. Der Verband beziffert die Verluste auf rund 30 Prozent und spricht zum Teil sogar von Unverkäuflichkeit der betroffenen Objekte. Das Innenministerium weist die Forderung zurück und stellt klar, es gebe "keinen Anspruch auf Unveränderbarkeit der Umgebung", jeder Eigentümer müsse vielmehr damit rechnen, dass sich rund um seine Immobilie planerische Entwicklungen vollziehen.

Acker als Windfläche eine Goldgrube

Mit dem Wert von landwirtschaftlichen Flächen kennt sich Timm Kühl von der in Kiel ansässigen Unternehmensberatung Treurat & Partner genau aus. Wer seinen Acker an einen Energiebetreiber oder Wind-Investor verpachte, könne derzeit jährlich zwischen 30.000 und 50.000 Euro einstreichen – Tendenz steigend, denn Arbeit und Kapital seien vorhanden, Boden sei dagegen knapp, skizziert er die Marktlage.